Fuchs und Schaf

Ein wenig die Elbe hinab oder hinauf, das kommt auf den Standpunkt an, lebt eine weitere Füchsin.

Eine, die dichtet und Wörter zu verdammt verdammt scharfkantigen Texten spinnt.

Und das eher nicht aus der filzigen Wolle der Schafe, das glaube ich kaum, vielmehr und mit ziemlicher Sicherheit aus schmerzhaft ausgerissenen Haaren ihres eigenen Felles.

Daher dienen die weißen Wolkentiere auf der neuen Homepage wohl auch eher als Ablenkung, als Versuch, das Geschriebene harmloser erscheinen zu lassen? Oder doch schlicht als Beute? (Ein bißchen groß vielleicht, ein bißchen pappig und wollig im Maul vielleicht, aber die Reste machen ein weiches Nest für die kalten Tage…)

Hier bzw. dort gibt es mehr zu lesen: Hannah-Sophie Fuchs

 

Kleiner Fuchs

Die Stille der letzten Monate hatte einen mittlerweile recht lauten und eigensinnigen Grund – und da auch die nächsten Wochen mit der Aufzucht eines kleinen Fuchses gefüllt sein werden, stelle ich zur Überbrückung einen längeren Ausschnitt aus dem Manuskript zu „Alva heißen“ ein.

 

Roswitha/Ausschnitt aus „Alva heißen“

Nachdem er so gegangen war, blieb sie im Flur stehen. Die alte Dame hatte im Wohnzimmer eine Anlage oder wahrscheinlicher noch einen alten Schallplattenspieler angestellt und sie konnte die leicht verzerrt klingenden ersten Töne hören. Die Abfolge kam ihr vertraut vor, sie waren schwer und pochend und ohne daß sie genau wußte, woher, wo sie die Worte gehört, sie sich gemerkt hatte, denn ihre Eltern hatten keine klassische Musik gehört, sie selbst hörte fast nie Musik, vielleicht mal im Radio, in der Küche stand eines, ein kleines, das sie anschaltete, wenn es dort zu leise war oder der Regen auf diese bestimmte Art an die Fenster schlug. An die Fenster schlug und einen dazu brachte, immer kleiner zu werden und sich am Herd zu ducken und sich zu wünschen man wäre woanders, ganz woanders, wo die Sonne schien und die Küchentür immer offen stand. Wo Stimmen hinein klangen, Stimmen, die auf einen warteten und wo das Essen in Schüsseln auf dem Tisch stand, wo es Essen gab, das mehrere Schüsseln und Töpfe erforderte, das nicht in eine Pfanne oder in eine Auflaufform passte, um dann auf einem Teller zu liegen und vor dem Fernseher gegessen zu werden. Nein, dort, wo sie sich hinsehnte, dort waren Menschen, mehr als zwei, mehr als drei, die redeten und die lachten und die darauf warteten, daß sie die Schüsseln hineintrug, um dann, in einer eleganten, sorgfältigen Bewegung die Schürze abzubinden, die ihre Bluse geschützt hatte und sich zu den anderen zu setzen. Erst dann, erst dann würden sie beginnen zu Essen, erst dann, wenn sie saß, die Bluse seidig und der Schmuck schmal und aus Gold. Doch diese Musik, die dort aus dem Wohnzimmer drang, kannte sie. Worte dazu. Es gab Worte dazu.

Sie merkte, wie sich ein Zittern über ihre Arme legte. Doch woher auch immer sie die Worte kannte, wo die Worte her waren, sie kamen hervor, lagen auf ihrer Zunge und wurden von dort in einem Flüstern, in dem sie kaum, kaum ihre eigene Stimme erkannte, in den Flur geworfen, prallten gegen die Bücherregale, verfingen sich in den Figuren und schmiegten sich unter das Oberlicht. Unerreichbar für sie, zu weit oben, so daß sie sie nicht wieder einholen konnte, zurückholen konnte in ihren Mund, wieder runterschlucken konnte, schmiegten sie sich an die Decke und waren dann, plötzlich, ohne Warnung, weg.

Der Doktor mit seinem merkwürdigen Herumgeschleiche und den Andeutungen mußte Schuld sein. Sie schüttelte den Kopf und biß sich auf die Fingerknöchel ihrer linken Hand. Nein. Sie war müde, so müde, sie sollte sich noch einmal schlafen legen, nur kurz, die Haushälterin war ja noch da, und die alte Frau würde doch Musik hören und könnte ja rufen mit ihrer Stimme, die durch Räume und Träume klingen konnte.

Beim Aufwachen saßen Tauben vor ihrem Fenster, wohl auf den rauen Dachschindeln oder vielleicht auch auf der Regenrinne, da war sie sich nicht so sicher. Durch das nur halb geschlossene Fenster hörte sie das Gurren, als sie dann aufstand, müde, sie war immer noch müde, flogen die Tauben weg, sie hörte die Flügelschläge. Früher hatte sie gedacht, in der Tanne, in der hohen, schmalen Tanne, die vor dem Haus, vor ihrem Fenster wuchs, würden Käuzchen leben, die immer so ein schönes und kehliges Geräusch von sich gaben, und sie hatte sich die Käuzchen vorgestellt mit ihren Ohren und den großen Augen und den Köpfchen, die sie in alle Richtungen, oder zumindest weiter als sie es je selbst geschafft hatte, drehen konnten. Als sie später einmal erzählte, von den Käuzchen in der Tanne vor ihrem Fenster erzählte, deren sanfte Geräusche sie immer einschlafen ließen und deren Augen langsam blinzelten, da hatte ihr jemand, irgendjemand gesagt, daß es Tauben seien, die so gurrten, keine Käuzchen, und daß Tauben dreckig seien, es zu viele gäbe, sie wären Ratten, nur in der Luft.

Sie schwor sich, nicht wieder zu erzählen, niemandem, von den Käuzchen. Wenn Tauben so dreckig und so, so zuviel vielleicht wären, warum wurden sie dann gezüchtet und lernten, wie sie von weit her, als Brieftaube, wieder zurückfinden konnten zu dem Haus, wo sie wohnten. Dort, wo jemand ihnen einen Taubenschlag gebaut hatte und wo sie dann, vielleicht eine Botschaft am Fuß, die klein, klitzeklein geschrieben stand, wieder ankamen, wo der alte Mann auf sie wartete, in ihrem Kinderbuch hatte er Herr Potter gehießen, der, dessen Taube so viele Abenteuer erlebte und doch wieder zurückkam, und dann war es nicht mehr wichtig gewesen, ob sie schnell gewesen war, die erste, gewonnen hatte, sondern nur, daß sie wieder nach Hause gekommen war, daß es sie gab und sie da war und Herr Potter ihr Gurren hörte, das eh viel schöner war, als alle Geräusche aller Käuzchen der Welt vor ihr, denn sie war zu ihm zurückgekommen und sie war Herrn Potters Taube. So hatte auch das Buch gehießen und es wäre sicherlich schön, nicht eine Taube zu sein, die wie eine Ratte wäre, in der Stadt, in der Luft, sondern eine Taube zu sein, die zurückkommen würde und auf die Herr Potter wartete, den man wäre seine Taube. Doch heute Nachmittag dachte sie nur, müde wie sie war, an die Tauben und daran, daß sie bitte nicht durch das geöffnete Dachfenster in das Zimmer fliegen sollten, denn sicherlich wären sie dreckig und hätten Maden zwischen den Federn.

Die Katze mit der roten Pfote schlich in das Zimmer und setzte sich mit einem großen, großen Sprung auf das schmale Fensterbrett, die Schwanzspitze in einem leichten Schlagen angespannt nach oben gerichtet. Sie war auf der Jagd. Sie sollte jetzt wieder zu der alten Dame gehen, sollte sie. Vielleicht würde die Katze dafür sorgen, einfach so, indem sie da saß, die Schwanzspitze nach oben gerichtete, daß die Tauben sich erinnerten, daß sie Tauben waren, wilde Tauben, die Angst haben sollten aus gutem Grund vor einer Katze, die sie fangen würde. Und dann die Luft voll von grauen Federn.

Auf dem Flur stand die Haushälterin, Roswitha. Roswitha hatte der Arzt gesagt, und winkte ihr zu, einen Finger an die Lippen gelegt. Ihre Wut, wenn es denn dann Wut gewesen war, hatte sich gelegt. Sie sah nun kindlicher aus, als ihre Vorstellung einer Pariser Tänzerin es am Morgen zugelassen hätte. Vielleicht, vielleicht, weil der rote Lippenstift seit damals in die Furchen der Lippen gekrochen war.

Frau Anna schläft. Laß uns Kaffee trinken, einen richtigen Kaffee, gegen deine Müdigkeit.“

Sie nickte, es wäre unhöflich, das Angebot auszuschlagen, und Roswithas Augen waren jetzt sanft und drumherum waren kleine Falten, viele kleine Falten, in denen sich ihr Puder ausruhte. Doch als sie in Richtung Küche gehen wollte, schüttelte die kleine Frau ihren Kopf, so daß Puder entrüstet im Sonnenlicht staubte und griff ihre Hand.

Nein, nicht die Küche. Oben.“

Und damit zog sie sie mit sich an das andere Ende des Flures.

Rechts ging es in das Schlafzimmer der alten Frau, links lag ihre eigene Zimmertür. Vor ihr war nur eine Art Schranktür, vielleicht einen Meter, einen Meter zwanzig hoch, in die Wand eingelassen. Sie hätte gedacht, wäre ihr die Tür zuvor überhaupt aufgefallen, daß es die Tür zu einem Einbauschrank sei, der Weg in eine Abseite, in der man Koffer stapelte oder alte Kontoauszüge, die man nicht mehr brauchte, aber auch nicht wegwerfen mochte, so offiziell wie sie mit ihren roten und weißen Streifen und den säuberlich gedruckten Zahlen aussahen. Hätte gedacht, daß dort Kisten lagerten, in denen der Weihnachtsbaumschmuck lag. Ihre eigene Wohnung hatte keinen solchen Raum, es gab einen Keller, ohne elektrisches Licht, in dem eine Tür aus ungeschliffenen Brettern, gesichert durch ein klitzekleines Vorhängeschloß, ihre eigenen Kisten bewachen sollte. Da sie aber Angst hatte, Angst vor Kellern, Angst vor der schmalen Treppe, die dort hinunter führte, vorbei an anderen Abteilen, anderen Türen, hinter denen die Dinge der anderen, ihr fremden Mieter lagen, und wer wüßte schon, was es war, das dort lag, da sie also Angst hatte und ihr Atem so schwer wurde, wenn es eng roch wie dort unten, hatte sie den Kellerraum nie benutzt. Ihr eigener Weihnachtsschmuck lagerte also in einem flachen Karton, den sie unter den Kleiderschrank geschoben hatte und den sie dann im November, bald sollte es doch wieder November sein, hervorholte. Einige Sterne für die Fenster, einige Kugeln und Figuren, die sie, ein Weihnachtsbaum erschien ihr zuviel für sich alleine, an die Tannensträucher in der grünen Vase hing. Doch erst nach dem Totensonntag, das hatte ihre Mutter immer gesagt, erst nach dem Totensonntag, der immer Ende November war und an dem es regnete und die Luft, nebelig vielleicht, sich noch nicht entscheiden konnte, ob sie nach Herbst oder schon nach Winter roch.

Erst dann, weil es sonst nicht richtig wäre, durfte sie die flache Kiste unter dem Schrank hervorziehen, von Staub befreien und die Dinge auspacken.

Roswitha öffnete die Tür und duckte sich hindurch. Dahinter lag ein schmaler Raum, der sich in die Schräge des Daches presste, unter der Schräge stapelten sich eben jene Kisten und Schachteln und Koffer, die sie erwartet hatte. Doch zu ihrer Linken gab es eine kleine Stiege, eine Treppe, zusammengefügt aus rauen Holzbrettern, zu der Roswitha sie führte.. Wieder mußte sie sich ducken, um durch die darüber liegende Öffnung in der Wand mit einer etwas ungeschickten Bewegung, nicht stolpern, die Hand, nicht stolpern, in einen weiten Dachboden zu treten. Nun waren sie nicht mehr über der Wohnung, nicht mehr, der Schritt über die Stiege hatte sie wohl über ihr Zimmer und somit über die Grenze der Wohnung hinweg gebracht.

Sind wir über dem Nachbarhaus?“

Roswitha, die die Stiege nach ihr mit tänzerischer Eleganz überwunden hatte, nickte und zeigte dann auf eine Ecke des Speichers, in der ein bodentiefes Fenster zu sehen war. Wahrscheinlich hatte hier einst einer dieser Seilzüge gestanden, wie im Hafen, um Dinge auf den Boden zu transportieren.

Nun jedoch war die Öffnung mit Glas verkleidet, neben dem die Dämmung aus Glaswolle zu sehen war. Vor diesem Fenster lag ein ausgefranster, ausgeblichener Teppich, auf dem Teppich stand ein Tisch, auf dem Tisch eine Kaffeekanne und zwei dicke Becher, daneben eine Flasche und zwei kleine Gläser. Der eine Stuhl war mit einem Kissen gepolstert, auf dem Boden ein Stapel mit bunten Zeitschriften und ein Radio. Ein Lager, eine Höhle. Sie wich einem Balken aus, kurz bevor sie sich mit dem Kopf gestoßen hätte.

Hier mache ich Pause. Gut, nicht?“

Sie nickte. Es war gut. Sie wußte, daß es gut war. Hier würde sie keiner finden, hier war es viel zu weit, weit weg, weit oben, viel zu staubig, staubig und kalt. Sie konnte Wind spüren.

Als sie sich auf den Stuhl setzte, stießen ihre Knie an die Kante der Platte und die Gläser klirrten. Der Tisch zu klein.

Du bist groß.“

Sie nickte. Sie war nicht groß, nicht wirklich, nur war Roswitha klein, und der Dachboden einer, auf dem Kinder Verstecken spielten oder geheime Treffen ihrer geheimen Clubs abhielten.

Sie hatte damals auch einen solchen Club gehabt, einen, bei dem man sich Abzeichen auf die Hand malte, mit Tinte, oder, wenn man denn dann mutig genug gewesen war, auch mit Filzstift, der sich nicht sofort wieder abwischen ließ, vielleicht ja sogar giftig war. Sie hatte den Filzstift gewählt, und sich mutig gefühlt, und dann zu Hause in ihrem Zimmer gesessen und gewartet, ob sie das Gift spüren würde, ob sich die Haut rings um den Kreis mit seinen drei Strichen, sie waren zu dritt gewesen, rot verfärben würde, sich lösen würde. Irgendwo hatte sie gehört, oder gelesen, vielleicht in dem roten Lexikon, das konnte sein, gelesen vielleicht, daß man bei einer Blutvergiftung einen feinen roten Strich sehen würde, der den Arm entlanglief. Sie hatte am Nachmittag in ihrem Zimmer gesessen und auf ihre Hand geguckt und gewartet. Gewartet. Wie lange wußte sie nicht mehr, wahrscheinlich war es ihr als Kind auch einfach nur länger, viel länger vorgekommen, Stunden, Stunden vielleicht. Irgendwann hatte sie dann gewußt, daß es nicht stimmte, es nicht giftig war, kein Strich, keine Bläschen erschienen, ihr Kopf nicht müde und ihr Blick nicht verschwommen werden würde. Sie war erleichtert gewesen, erleichtert.

Roswitha rückte die Tassen zurecht, schenkte Kaffee ein, es war Kaffee, der ohne Filter aufgekocht worden war, sie konnte es sehen in der Tasse, und sie wußte, daß sie nicht umrühren durfte, daß sie warten mußte, bis sich das Pulver gesenkt hatte, abgesunken war auf den Boden der Tasse. Roswitha griff auch zu der Flasche und den Gläsern, schenkte dann, ohne zu fragen, und sie wußte, sie würde es genau deswegen trinken müssen, auch wenn es entweder bitter sein würde oder viel zu süß, die beiden kleinen Gläser voll. Irgendwie wußte sie auch schon, was nun folgen würde, denn ein jeder, den sie bisher in dieser merkwürdigen Welt getroffen hatte, schien bestrebt zu sein, zu erzählen.

Sie wartete, was Roswithas erzählen würde, ob sie sich danach wiederum so fühlen würde, wie sie sich als Kind gefühlt hatte, wenn sie nach einem Kinobesuch müde und überfüllt von Bildern und Geräuschen nach Hause gefahren worden war. Sie hatte hinten im Auto gesessen, die Stirn an die Scheibe gelehnt, und die Landschaft, die Häuser, die Straßenschilder glitten an ihr vorbei, hatten ihr Außen, ihre Festigkeit verloren, und sie wartete nur, daß sie abbrechen würden, daß sie das Ende der Kulissenwand auf ihren kleinen, schnellen Rollen erreichen würde – und dann, dann war sie meist eingeschlafen, und erst Zuhause wieder aufgewacht.

Das Zuhause, zu dem die Telefonnummer mit den vier Zahlen gehört hatte, gehörte, gehörte, Zuhause war der Speicher kein sicherer Ort gewesen, zu groß, zu voll, zu dicht dran an dem Haus und seinen Bewohnern. Zuhause war es eine Kuhle unter einem der Bäume im Obstgarten gewesen, dicht am Zaun, eine Kuhle, die im Sommer von Gras umstanden war, so lange, bis der Vermieter es mit einer Sense abmähte, die auch auf dem Dachboden gestanden hatte, eine Sense, wie sie doch der Tod hatte auf den Bildern, vielleicht war auch das der Grund gewesen, warum sie den Dachboden nicht betreten mochte als Kind. Im Winter, eingepackt in einen Schneeanzug, eine Strumpfhose darunter, Faustlinge an den Fingern, die es einem unmöglich machten, wirklich zu greifen, in denen die Hände feucht und kalt und rot wurden, im Winter hatte sie einen Wall aus Schnee um die Kuhle herumgebaut und sich hineingelegt solange sie es konnte, solange, bis die Kälte zu doll, zu stechend durch den Anzug gekrochen kam und sie zurück ins Haus trieb.

Roswitha schob ihr eines der Gläser zu, nahm ihr eigenes in die Hand und prostete ihr zu. Der Likör klebte süß auf ihrer Zunge, klebte in ihrem Hals und würde sicherlich auch in ihrem Magen kleben bleiben, auch wenn sie nicht genau wußte, wie es sich anfühlen würde, denn innen im Magen, da konnte sie ja gar nicht richtig fühlen. Also schon, ob es weh tat, zu leer oder zu voll war, Krämpfe, irgendwo im Bauch auch, aber nicht klebrig oder süß oder salzig oder rau oder was auch immer. Trotzdem würde sie jetzt noch mehr aufpassen, daß keiner der schwarzen Kaffeekrümel, die sich langsam am Boden ihrer Tasse absetzten, daß keiner dieser Krümel in ihren Mund kam. Nicht in ihren Hals und in ihren Bauch kam, denn überall dort würden sie kleben bleiben an der Süße des Likörs. Vielleicht sollte sie den Kaffee durch ihre Zähne schlürfen, sie als Sieb benutzen, aber dann, dann hätte sie kleine schwarze Punkte zwischen ihren Zähnen, solche, die man mit der Zunge immer wieder berühren mußte, und die sie darin hindern würden, Roswitha anzulächeln. Doch lächeln mußte sie.

Jemand, jemand hatte einmal zu ihr gesagt, sie würde zu wenig lächeln, und wer nicht lächelte, dürfe sich auch nicht wundern, wenn alle einen böse anblickten, oder gar nicht blickten. Lächeln mußte man, schon Babys würden das doch können und zurücklächeln, wenn sie angelächelt werden würden. Ohne zu wissen, warum. Das war nicht wichtig. Nur, daß sie lächelten. Und Babys, die nie angelächelt worden waren, wurden krank und starben oder wurden zu Geschichten in Büchern. Sie merkte, wie sie in der kalten Luft des Dachbodens zu schwitzen begann.

Roswitha saß vor ihr, die Beine übereinander geschlagen, adrett übereinander geschlagen, adrett, für genau diese Art des Beineübereinanderschlagens, wie Roswitha es gerade tat, die Beine in den dünnen, durchsichtigen Strumpfhosen, nicht geschwollen, nicht mit Adern durchzogen, sondern fein und dünn und elegant, Tänzerinnenbeine, genau dafür war das Wort gemacht worden. Adrett. Sie selbst würde, würde sie doch, beim Übereinanderschlagen ihrer eigenen Beine den kleinen Tisch anzustoßen, den Kaffee mit den schwarzen Krümeln und die Reste des klebrigen Likörs zu verschütten. Würde sie.

Roswitha, die Beine also adrett, wartete, ruhig, wartete. Sie sollte aufhören, so laut zu atmen, sollte sie. Roswitha wartete, wartete ruhig, bevor sie zu sprechen begann.

Diesmal schickten sie die Worte, von Roswitha etwas zögernder aneinander gereiht als es bei den beiden anderen Erzählern gewesen war, etwas zögernder und auch skeptischer, skeptisch war wohl das richtige Wort, als würde die Frau ihr gegenüber ihnen nicht trauen, den Wörtern nicht ganz trauen, in die Kälte.

Zumindest stellte sie sich das kleine Dorf, das Roswitha vor ihren Augen entstehen ließ, mit Hütten und Häusern aus Holz, die Gärten klein und geduckt, Hühner, in eingezäunten, vielleicht in mit Weidezäunen eingeschlossenen Vierecken dazwischen, zwischen den Häusern aus Holz, die manchmal, auf der Seite, wo der Wind sie traf, der Regen, die beide immer aus der gleichen Richtung kamen, immer, schon eine fast graue, eine silberngraue Farbe angenommen hatten, sie stellte sich die Häuser und das Dorf nicht in warmen Sonnenschein vor, nicht unter flimmernder Sommerluft gelegen, sondern unter einem kalten, grauen Himmel. Abgeernteten Pflanzen und letzte, verblühte Sonnenblumen, die Köpfe schwer. Die Sonnenblumen waren dann nicht mehr grün, nirgends mehr grün, sondern braun und voller Haare, die stachelig waren und irgendwann hingen auch nicht mehr die Vögel in ihnen, um die Kerne hinauszupicken, sondern alles, was noch geblieben war, zog die Köpfe nach unten, bis sie brachen oder die Feuchtigkeit aus dem Boden die braunen Stengel hinauf zog und sie in sich zusammensacken ließ.

Das Dorf, von dem Roswitha erzählte, und das sie sich nun nicht nur mit grau und müde stehenden Häusern, sondern auch mit verblühten Sonnenblumen und abgeernteten Gärten vorstellte, das Dorf lag irgendwo zwischen Russland und Finnland. Dort. Dort war Roswitha geboren, dort war sie zur Schule gegangen, dort hatte sie, vielleicht auf dem Tanz im Sommer, es mußte doch einen Tanz gegeben haben, oder, vielleicht, trotz der müden Sonnenblumen mußte es doch in diesem Dorf, wenn alles blühte und die Köpfe sich noch mit der Sonne drehten, es mußte doch, wie in jedem Dorf in einer solchen Geschichte, einen Tanz gegeben haben, eine hölzerne Tanzfläche, auf der die Stiefel der Burschen schwer knallten und die Mädchen ihre Röcke und Schürzen schwingen ließen. Dort, dort hatte Roswitha auch ihren Mann kennengelernt. Sie hoffte es sehr, das mit den Stiefeln und der Tanzfläche und den bunten Röcken, weil es so etwas doch irgendwo in echt geben mußte, denn woher sonst sollten die Leute in den Filmen, die die Kulissen bauten und die Kleider mit den Schürzen nähten, woher sonst sollten diese dann ihre Bilder haben, irgendjemand mußte es doch gesehen haben, vor ihr und den Filmen, die sie als Kind auf dem Sofa ihrer Oma, an die geknüpften und kratzigen Rückseiten der Kissen gelehnt, gesehen hatte. Und vielleicht waren eben jene Leute, die Kameras über die Schultern gelegt, vielleicht eben in jenes Dorf gekommen, mit den grauen Häusern und den Sonnenblumen an den Zäunen der Gärten, zum Tanz, als es doch blühen mußte, ins Dorf gekommen und hatten Aufnahmen gemacht. Wie Roswitha mit dem einen Burschen immer und immer wieder getanzt hatte, die schmalen Beine unter den dicken Röcken, getanzt hatte und sich dann, denn er war groß gewesen und hatte sie angelächelt, schüchtern vielleicht, in ihn verliebt und ihn zum Mann genommen hatte, schnell war es gegangen, denn er hatte ein Haus für sich alleine, die Eltern tot, und bei Roswitha war es eng gewesen mit den Schwestern und den Eltern und sie hatten geheiratet, noch bevor die Sonnenblumen zusammengesunken waren. So stellte sie es sich vor, so, und Roswitha nickte ihr zu, als würde es genau so gewesen sein, als sie eine Pause machte, um an ihrem kleinen Glas zu nippen und den Sonnenblumen Zeit zu geben, zusammenzusacken und den Häusern Zeit zu geben, grauer zu werden unter dem grauen Himmel.

Als sie weiter sprach, die Beine immer noch adrett übereinandergeschlagen, wurde ihr Akzent schwerer, die Stimme leiser, es war keine gute Geschichte, daher war es in ihr schon am Anfang kalt gewesen, oder es war keine Geschichte, deren bunte Bilder sie sich in ihrem Kinderbuch angesehen hätte, immer und immer wieder. Es war eine Geschichte, sondern eine von denen, bei denen sie die Seiten zusammengeklebt hatte, sorgfältig mit dem Klebestift zusammengeklebt, damit sie sie nicht aus Versehen hätte aufschlagen können, oder damit sie nicht, sollte das Buch von jemand anderem aus dem Regal gezogen, vielleicht auf den Tisch gelegt werden, aufgeweht werden könnten vom Wind. Sie sehnte sich, die Krümel des Kaffees zwischen den Zähnen, den klebrigen Likör im Magen und die Sonnenblumen, matschig und braun, zu ihren Füßen, sie sehnte sich nach etwas Klebe.

Aber Roswitha erzählte weiter, ließ ihr keine Zeit nicht zuzuhören, sich selbst, oder, vielleicht, im Kopf, denn das konnte sie, sich selbst im Kopf, lauter und lauter, ein Lied vorzusingen, so laut, daß die Worte des Liedes die Geschichte überdecken würden, so wie man es tat, wenn man Nachrichten sah oder in der U-Bahn fuhr und jemand sein Kind anschrie oder ihm einfach nur immer und immer wieder sagte, wie dumm und wertlos es sei. Denn das hatte der Mann, der mit den Stiefeln, die so fröhlich auf der Tanzfläche knallten und den großen Händen, die sie hielten und im Kreis drehten, ihr immer wieder gesagt. Zuerst leise, fast traurig, sie wurde nicht schwanger, nicht im Winter, nicht im Frühjahr, dann lauter und lauter. Wenn sie kochte, wenn sie putzte, wenn sie versuchte zu singen, um sein Schweigen zu übertönen, wenn sie ging, wenn sie saß, wenn sie atmete, immer und immer wieder. Er wurde lauter, und seine Hände wirbelten nicht mehr, sondern schlugen zu. Und seine Füße, die knallten nicht mehr auf die Dielen des Tanzbodens, sondern auf sie und ihre Finger und in das Blut, das auf dem Boden war. Dort.

Und dann?“

Sie mußte diesmal stören, mußte dazwischen fragen, die Geschichte irgendwie beschleunigen, sie wollte hören, wie Roswitha da raus gekommen war, warum sie nun hier saßen, beide mit Händen und Fingern, die ohne Blut waren und die die Gläser umklammert hielten, in denen die Kaffeekrümel langsam zu Boden sanken.

Bitte.

Und dann, dann meine Kleine, wartete ich einmal auf ihn.“

Roswitha wartete auf ihren Mann, ein Lächeln im Gesicht und sein Gewehr in der Hand. Roswitha wartete auf ihn, mit dem Lächeln und dem Gewehr in der Küche, es war wieder Sommer geworden, es war noch hell, sie wartete auf ihn in ihrer Küche, auf einem Stuhl saß sie, der Boden war geschrubbt und glänzte und seine schweren Stiefel kamen hinein und sie wartete auf ihn im Sommer.

Ich schoß, in den Bauch, in sein Gesicht.“

Schwarze Krümmel im Mund, Blut auf dem Boden.

Und dann?“

Sie mußte fragen.

Bitte.

Roswitha lehnte sich zurück, die Beine adrett, adrett überschlagen, die Hände um das Glas geschlossen, die Augenbrauen mit einem feinen Strich gezogen.

Dann wartete ich wieder. Auf die, die mich abholen würden.“

Doch sie kamen nicht, keine schweren Stiefel auf dem Holz ihres Küchenfußbodens, keiner, der sie fragte und sie einsperrte und verurteilte und ihr die Strafe gab für ihr Warten und das Lächeln und das Blut.

Meine Mutter kam.“

Eine alte Frau, gebückt vielleicht, sicherlich ein Tuch, oder, vielleicht, ein Tuch, um die Haare zu schützen oder den Scheitel oder was auch immer der Grund war, warum Frauen dort und die, die alt waren, so wie ihre eigene Oma, die auch ein Tuch getragen hatte, im Garten oder zu Hause, oder wenn die Haare nicht gelegt waren, gelegt, das Wort hatte sie behalten, denn es war so anders gewesen und damals hatte sie nur gewußt, daß man Haare kämen konnte, bürsten, flechten, aufdrehen sogar, die von Tieren striegelte man, vielleicht glättete man sie oder schmierte etwas hinein, Gel, oder bei den alten Männern Pomade, aber ihre Oma, ihre Oma, hatte gelegte Haare gehabt, fein nebeneinander gelegt, eins neben dem anderen, fein gelegt. Aber die Frau hier, Roswithas Mutter, stand mit einem Tuch auf dem Kopf in der Tür, das Tuch hatte sicherlich kleine blaue Blumen auf einem roten Grund gehabt, und sie stand dort und sah ihre Tochter, deren blaue Flecke und geschwollenen Augen und so zertretene Hände sie nicht hatte sehen wollen, sah ihre Tochter also und den Mann auf dem Boden mit dem roten Fleck auf dem Hemd und dem roten Fleck dort, wo die Reste seines Gesichtes waren.

Sie guckte, und dann ging sie. Sie kam nicht herein.“

Sie konnte nicht anders, sie mußte wieder fragen, wieder und wieder fragen, bis die Geschichte vorbei wäre, sie mußte es:

Und dann?“

Bitte.

Dann wartete ich, wieder.“

Aber keine Stiefel, keine Schwester, kein Vater oder Bruder oder wen auch immer die Mutter hätte holen können in die Küche und zu der Tochter und zu dem Mann und den Fliegen, Fliegen jetzt. Stattdessen hörte Roswitha leise, feine, sanfte Schritte, nicht die der beschlagenen Stiefel oder der Holzsohlen, sondern andere, vorsichtigere, leichtere.

Bitte.

Das Glas mit den Resten der Kaffees rutschte ihr aus der Hand. Es mußte gerutscht sein, ihre Hände vielleicht feucht, es war vielleicht doch nicht so kalt hier oben auf dem Dachboden wie sie gedacht hatte, vielleicht sogar eher warm, sie schwitzte sicherlich und das Glas, so glatt, war gerutscht und sie konnte nicht mehr danach greifen und sie merkte, wie sie kurz aufschrie, ein kleiner unkontrollierter Laut, doch er reichte, um Roswitha zu unterbrechen, so wie es der Knall, der Knall des Glases auf dem Boden des Dachbodens nur einen winzigen, winzigen Moment später ebenso getan hätte, tat.

Bitte.

Das Glas fiel, Roswitha hörte auf zu reden. Sie wurde rot, sie merkte, wie sie rot wurde und schnell aufstand, schnell, um einen Besen oder eine Kehrschaufel oder irgendetwas zu holen, um die Scherben und die schwarzen Krümel zu beseitigen, rückgängig zu machen, daß sie das Glas hatte fallen lassen, inmitten der Geschichte, inmitten der Pause, die Roswitha gemacht hatte, um Luft zu holen und um dann zu erzählen, was anscheinend hier in diesem Haus und hier in der Wohnung zu erzählen war, erzählt werden mußte. Jemand war gekommen, schmale Hände, oder, vielleicht, kurze Haare und rote Lippen, oder, jemand, der das mit dem Blut verstehen konnte, daß es nicht anders hätte geschehen können, geschehen hatte müssen und dann hätte Roswitha ihre Tasche gepackt, nein, einen Koffer, einen alten Koffer, nicht aus Leder, sondern aus Pappe, aus Papier, mit Schlössern, die sich verzogen hatten in der Feuchtigkeit des Herbstes, unter der ja selbst Sonnenblumen zusammensanken in dem Dorf mit den grauen Häusern. Und in dem Koffer wären zwei Strumpfhosen gewesen, zwei von den guten, und einige Kleider, aber nicht das Kleid, das damals geschwungen worden war beim Tanz, und Roswitha wäre mitgekommen, raus aus dem Dorf, woanders hin, und jetzt kam Roswitha hierher und räumte Geschirr ab und putzte das kleine Zimmer mit dem Reiniger, der nach Zitrone roch und zeigte ihre immer noch so adretten Beine. So mußte es gewesen sein, das mußte doch das sein, was Roswitha erzählt hätte, wenn das Glas nicht gefallen wäre, wenn das Glas nicht gefallen wäre.

Ihr Aufstehen hatte den kleinen Tisch zum Schwanken gebracht und Roswitha war auch aufgestanden und lächelte trotzdem und das war gut und dann hörte sie leise von unten eine Stimme, die etwas rief.

Du gehst jetzt nach unten, ja? Geh, ich räume auf. Geh.“

Und ihr bleib nichts anderes übrig, als Roswithas ausgestreckter Hand zu folgen, den Dachboden zu durchqueren, die kleine Stiege nach unten zu klettern hin zu der Stimme und dem Sessel und der Frau.

Bitte.

Teppiche (Hinaus)

Ich habe einen Teppich geerbt. Von einer Tante, die ich nicht kannte. Sie lebte allein in einem großen Haus und schrieb Groschenromane unter vielen verschiedenen Namen. Romane, in denen Piraten junge Ladys verführten, Ärzte Leben retteten und Krankenschwestern heirateten am Ende, Romane von Westernhelden und Weltraumfahrern.

Meine Mutter, die mit ihrer Schwester ab und zu telefonierte, hat uns das erzählt. Warum wir sie nie besuchten, weiß ich nicht genau. An einem schönen Sommertag sagte meine Mutter, daß ihre Schwester so dünne Haut und Knochen hätte, daß schon der kleinste Windstoß oder ein zu laut gesagtes Wort sie verletzen würde. Wir waren uns nicht sicher, ob wir das glauben durften.

Mutter starb noch vor ihrer Schwester, und ich vergaß über die Jahre die Tante, zog fort aus der kleinen Stadt, in eine größere Stadt – als eines Tages ein Brief vor meiner Tür lag, darunter ein großes Paket.

Im Brief, der keinen Absender trug, die Todesanzeige meiner Tante. Im Paket, das ich vorsichtig mit meinem Schweizer Taschenmesser aufschnitt, ein zusammengerollter Teppich.

Mein Telefon klingelte

Ich habe ein Paket bekommen. Du auch? Die Stimme meiner Schwester.

Ja. Von der Tante. Ein Teppich. Ich wollte ihn gerade ausrollen. Was hast Du bekommen?

Einen Teppich. Ich wollte ihn gerade ausrollen.

Ich rufe gleich zurück.

Gut.

Ich legte das Telefon zur Seite und stellte mit vor, wie meine Schwester gerade in ihrer Wohnung, die nicht weit von meiner entfernt war, vor dem Paket stand. Sicherlich hatte sie kein Taschenmesser benutzt, entweder den Karton zerrissen oder das butterverschmierte Brotmesser von ihrem Frühstückstisch genommen.

Ich rollte den Teppich aus.

Mein Telefon klingelte wieder. Es war dunkel geworden.

Wie spät ist es?

Spät. Hast Du – hast Du auch gesehen, was

Ja, ich glaube, ich

Ich komme zu Dir. Mit dem Ding.

Ja.

Wenig später hörte ich, wie im Treppenhaus das Licht anging, ein feines Klirren der Drähte, ich hörte ihren Atem, der Teppich mußte schwer auf ihrer Schulter liegen. Ich sollte, sollte und mußte die Tür öffnen. Meine Beine waren eingeschlafen, da ich vor dem Teppich auf die Knie gesunken war – und diese Position seit Stunden nicht verändert hatte. Aber ich mußte, mußte, sollte ihr öffnen.

Sie stand vor der Tür, den zusammengerollten Teppich quer über ihre Schultern gelegt, Schweiß im Gesicht.

Komm.

Zwei Teppiche nun in meinem Wohnzimmer.

Was sollen wir tun? Die Stimme meiner Schwester, fein und klar.

Ich bewunderte sie dafür, schon wieder sprechen zu können, handeln zu können. Ich wollte nichts anderes, als wieder in die Knie sinken.

Zu zweit sind sie noch viel schöner, oder?

Ich nickte.

Man sah, daß sie zusammengehörten, wie sich die Farben wiederholten.

Und dann war da noch das Muster.

Hast Du verstanden, was da zu

Hast du gesehen, was da drin

Erkennst Du, wie das Muster

Weißt Du?

Mir fiel nicht das richtige Wort ein, und ich hatte Angst, daß sie es vielleicht noch gar nicht

Ja.

Wir griffen gemeinsam hinter uns und zogen meinem alten Sofa die Decke, die sich schützend über seinen Rücken und die Lehnen streckte, ab.

Die Decke legten wir dann über die Teppiche.

Ich blickte auf die nun freigelegte, fleckige und seltsam verletzliche helle Sofahaut.

Ich öffnete das große Fenster, es war November und kalt.

(Meine Schwester zündete sich eine Zigarette an.)

Ich ging die wenigen Schritte zu meinem Bücherregal und zog die Flasche Wodka heraus, die ihren Platz hinter Dostojewski hatte.

Ich trank einen großen Schluck, wischte mir die Tränen aus den Augenwinkeln und reichte die Flasche weiter.

Und ich hatte ein Problem, und überlegte vorsichtig, wie ich es ihr Nahe bringen konnte, ohne daß sie ausflippen würde.

Ich, ich bin mir sicher, daß wir eigentlich

Also müßten wir nicht, mit dem Allen jetzt

Meinst Du nicht, daß

Ein wenig verrückt?

Meine Schwester blickte mich böse an. Sie mochte so etwas nicht, also das Wort.

In den Büchern und Filmen und so, ist das jetzt nicht der Moment

Also werden die nicht irgendwie

Muß man nicht ein wenig

Ich meine, wenn man das sieht?

Meine Schwester lachte nur sachte, und guckte weiterhin böse dabei.

Dann stieß sie den letzten Rauch aus ihrer Nase, drückte die Zigarette aus und faltete ihre Hände über ihrem Bauch.

Ich bin nicht verrückt. Gar nicht nicht. Genausowenig wie Du.

Ja?

Und ob.

Ich blickte aus dem Fenster.

Ich wollte darüber sprechen.

Es ist schön, oder?

Sie sagte lange Nichts. Dann:

Wahnsinnig schön.

Und ich lachte, und wir lachten, und wir tranken den Wodka und lachend schliefen wir auf den Teppichen ein, die immer noch unter dem Überwurf lagen.

Und dann, dann muß es wohl am nächsten Morgen ungefähr so weiter gegangen sein:

Willst Du die Teppiche behalten und in ein Haus ziehen und Groschenromane schreiben wie die Tante?

Wir saßen, eine Tasse starken Kaffee in der Hand, auf meinem immer noch nacktem Sofa.

Nein. Die guten Zeiten für Groschenromane sind vorbei.

Oder willst Du die Teppiche behalten und in ein Haus ziehen und mit ganz kleinen, scharfen Strichen die Formeln auf hauchdünnes Papier schreiben?

Nein. Die guten Zeiten für solche Formeln sind vorbei.

Was machen wir dann mit ihnen?

Wir stellten die Tassen zur Seite und ich suchte einen Stift und einen Zettel. Es mußte aber ein irgendwo herausgerissener Zettel sein, oder die leere Rückseite von Irgendetwas, oder ein gebrauchter Briefumschlag, sonst würde es keine gute Liste werden. Wir machten beide Listen, für alles. Ein Erbe unserer Mutter.

Ich schrieb also auf:

aufribbeln

vergraben

verbrennen

bleichen

zerschneiden und die Toilette runter spülen

aufessen

verschenken

verlieren

Schwarz färben

in Stücke reißen und eine Matratze damit füllen

den Vögeln zum Nestbau überlassen

Doch Keine von uns Beiden würde die Teppiche zerstören können. Man riß keine Seiten aus Büchern, man schnitt keine Fäden aus Teppichen. Eine unumstößliche Regel. Eine von denen, die ziemlich weit oben stand. Direkt unter: Eine Dame raucht nicht im Gehen. Oder: Im Kino nicht klatschen am Ende des Filmes.

Das ließ nur zwei Möglichkeiten offen, wenn wir sie ernsthaft loswerden wollten. Verlieren oder verschenken.

Verlieren ist schwer – und wer weiß, wer sie findet.

Nachher sind wir schuld, daß doch noch jemand verrückt wird.

Sich in den Mustern windet.

Ich nickte. Das wollte ich nicht.

Und wem sollten wir sie schenken?

Wir blickten, etwas verkatert vielleicht, auf die unter dem Überwurf eben noch so zu erahnenden Linien.

Dem heilige Johann.

Was?

Dem Herr Johann – dem schenken wir sie.

Johann, genannt der Heilige Johann, war der Pförtner des mathematischen Institutes, an dem wir arbeiteten. Ein 70iger Jahre Flachdachbau, in dem Herr Johann Tag für Tag saß und alle grüßte, die hinein oder hinausgingen. An den Wänden seiner kleinen Pförtnerloge hingen Heiligenbilder und goldgerahmte, gestickte Sprüche, die die Festigkeit seiner gottesfürchtigen Welt untermauerten. Er hatte strenge Regeln für nasse Füße, Fahrräder und die Lautstärke von Erstsemestern – und er lächelte stets so, als hielte er all das, was die Menschen in seinem Institut tagaus tagein trieben, für ein großes, albernes Spiel.

Uns mochte er.

Das doppelte Lottchen. Das sagte er.

Oder: Flotte Lotten – mit so vielen Zahlen unter den blonden Schöpfchen.

Er war halt so. So, daß er so etwas sagen durfte.

Glaubst Du, er kommt damit klar? Mit all dem?

Meine Schwester nickte. Ich nickte auch.

Vielleicht waren wir doch noch etwas betrunken, vielleicht aber auch nur erleichtert.

Wir trugen die dicke Rollen auf den Schultern.

Wir gingen durch die sonntäglich leere Stadt.

Wir sangen.

(Erst leise summend, dann mutiger, lauter.)

Wir sangen Kinderliedern, Weihnachtsliedern, Schlagern und sogar längst vergessen geglaubte Kirchenliedern.

Wir hatten lange nicht mehr so gesungen.

Inbrünstig. Den Pfarrer hätt’s gefreut.

Mit einem etwas schrägen aber nicht wenig inbrünstigen „Macht hoch die Tür“ erreichten wir, durchgefroren aber grinsend, das Institut.

Es war ja Sonntag.

Auch Sonntags saß Herr Johann auf seinem Platz.

In seinem Sonntagskittel.

Meine Schwester traute sich als Erste.

Also zu klopfen.

Herr Johann blickte auf.

(Wovon bloß, wovon?)

Herr Johann stand auf.

Herr Johann drückte die Tür auf.

Die Augenbrauen, und seine Augenbrauen waren wie gemacht dafür, brummig zusammengezogen.

Meine Schwester hatte, wohl vom Singen oder wegen der Augenbrauen, einen Schluckauf, so daß ich das Reden übernahm.

Sehr geehrter Herr Johann.

Auch ich bekam Schluckauf. So ist das bei uns.

Er runzelte nun auch noch die Stirn. Nicht gut, aber es nützte ja nichts. Weiter. Nur Mut. Nur Mut.

Wir haben auf unserer Schultern zwei Teppiche, die wir gestern von unserer Tante – Gott habe sie selig und so– geerbt haben.

Ich hickste schon wieder. Meine Schwester neben mir kicherte. Dann guckte sie schnell betreten. Wegen der Tante und so.

Herr Johann zog weiterhin seine Augenbrauen zusammen.

Der Teppich auf meiner Schulter wurde zu schwer – ich ließ ihn, sachte, wie ich dachte, auf den Fliesenboden der Eingangshalle plumpsen, wo er sich, vielleicht durch den Schwung, vielleicht durch meine Ungeschicklichkeit, augenblicklich entrollte und sein Muster zeigte.

Der Teppich kannte da wohl nichts.

Wir hielten den Atmen an.

Johann, dessen Stirn sich nur langsam entspannte, blickte auf den Teppich, dann auf mich und meine Schwester, die ihr Bündel ebenfalls hatte fallen lassen. Dann blickte er wieder auf den Teppich.

Ich wollte erneut ansetzen, erklären, werben, ihm Honig um seinen Mund schmieren, aber er schüttelte den Kopf.

Er legte einen Finger an die Lippen.

Er rollte meinen Teppich zusammen.

Er schob ihn neben den noch aufgerollten meiner Schwester.

Er legte erst ihr, dann mir seine breite Hand auf die Schulter.

Er deutete ein Lächeln an, nickte.

Er hievte die schweren Rollen auf seine Schulter.

Und dann verschwand er durch die kleine Tür, die in seine Loge führte, öffnete dort einen großen Stahlschrank und stellte die Teppiche hinein.

Im schwachen Novemberlicht meinte ich auf seinen Borden, vielleicht, vielleicht aber waren es auch nur Reflexe der Rahmen und Bilder, vielleicht, im schwachen Neonlicht also meinte ich – vielleicht aber nur, vielleicht, einige Dinge in den Regalen leuchten und goldig schimmern zu sehen.

Bevor ich genauer hinsehen konnte oder wollte, schloß er die Tür, kam auf uns zu, nickte nocheinmal, nickte, nickte und nickte, hielt uns mit der einen Hand die Tür auf, höflich, und winkte uns mit der anderen Hand sanft, vielleicht aber auch mit einer sacht scheuchenden Bewegung, in den kalten Novembertag hinaus.

Walkover (Buddha boxt)

Walkover = Der Boxer tritt kampfbereit an und gewinnt automatisch, wenn sein Gegner nach dem Ausruf seines Namens nicht innerhalb von einer Minute im Ring erscheint.

Das mit seinem Namen war so eine Sache. Also früher, als seine Eltern ihn noch riefen, riefen sie ihn Wilhelm. Wilhelm Klein. Daß der Name nicht mehr ging, mit 15, das erste Mal, mit seinen Freunden, die Lederjacke, für die er viele, viele Stunden lang seinem Vater in der Werkstatt hatte helfen müssen, die schwarze Lederjacke, über den Dom, der Autoscooter, daß der Name also nicht mehr ging, Wilhelm, das war klar. Die rotblonden Haare zurückgestrichen, pomadenglänzend. Ein anderer Name wollte, mußte her. Willi ging auch nicht, nicht mehr. Ein Kindername, Willi. Der lütte Willi. Ha. Klein war er nicht lange gewesen. So hatten die Jungs, als er noch kurze Hosen trug, die Jungs hatten ihn so gerufen. „Willi, schieß!“ Fußball, auf dem Platz. „Willi kommt“. 58, 59, 60. Verstecken. Die Sonne auf dem Rücken, die Augen geschlossen, den Kopf an einen Baumstamm gelehnt. Aber für den Dom, für die Pomade und die Lederjacke, da mußte etwas anderes her. Bill. Auch eine Abkürzung für Wilhelm, nur anders. Bill, Bill Klein, ein Witz, der Nachname. Sein Vater schon, ein großer Mann, mit so großen Händen. Er selbst, ebenso groß, mit ebenso großen Händen. Und Bill war auch noch schnell. Bill, Billy, der Boxer. Nur am Anfang Billy Klein. Das klang nicht gut, ein Witz, ein Witz, Schwergewicht. Der Trainer hatte dann, nach dem Kampf, den Reportern gesagt: Das dort, das dort ist Billy, Billy, der Buddha. Buddha. Wie er drauf gekommen war? Vielleicht die goldenen Hosen, vielleicht. Und seine Ohren. Schöne Ohren, große Ohren an einem schönen, großen Kopf. Du hast so schöne Ohren, Billy. Billy und Lilly. Echt jetzt. Er hatte gewonnen, der Buddha hatte gewonnen, und das Photo, er im Ring, die Arme erhoben, Blut, ein Cut, seine Augenbraue, Blut im Gesicht, Blut im Mund, und ein Grinsen, ein Grinsen, die dicke Lippe, eine dicke Lippe, die Haare immer noch voller Pomade, schön rutschig, rutschig für den Gegner, er sah sein Gesicht, ausgezählt, K.o.. Das Photo kam in die Zeitung. Und dann, später, psst, psst, alles ist gut, nicht bewegen, stehenbleiben, einfach nur stehenbleiben, die Augen geschlossen, sie rufen Namen, oder, irgendwelche Namen, später, zurück auf dem Dom, ohne Lederjacke diesmal, und auch nicht mit feinem Hemd, neinnein, nicht mehr, das Hemd war weg, das Hemd war weg und Lilly auch, und der Trainer und dann, zurück auf dem Dom, den Seesack dabei, wo alles drin war, alles, alles, alles, was er brauchte, oder was er hatte, vielleicht, später dann kündigte ihn die Stimme von Maxe, der draußen vor der Bude stand, Maxe, der draußen vor Maxes Boxbude stand, stand und lockte und die jungen Männer beleidigte, sie dazu brachte, reinzugehen, man mußte sie dazu bringen, daß sie nicht raus kamen aus der Nummer, das hatte Maxe mit der lauten Stimme und den Sprüchen, den Sprüchen, immer gesagt, ihren Stolz, ihre Ehre herausfordern, dann kamen sie, und er wartete, schon ganz grau und langsam geworden, oder, oder vielleicht, oder so schien es den Burschen, langsamer, ein dicker, grauer Bär, später hatte Maxe dann ihn angekündigt als den Bomber, Billy der Bomber, der graue Bomber, die Haare nicht mehr rot, und das mit dem Buddha wollte Maxe nicht, daran konnte sich sowieso niemand mehr erinnern, nicht erinnern an das Photo und die goldenen Hosen und das Geld und die Mädchen, so schön waren sie gewesen, die Mädchen und Lilly die Schönste, und, und die Jungs lachten, und richteten sich auf, guckten zu Maxe und auf den Mann, doppelt, vielleicht dreimal so alt, der dort stand, eine goldenen Short um den dicken, blassen Bauch geschnürt, ein bißchen komisch vielleicht sogar, der Mann dort mit den goldenen Hosen, der dicken Nase, den Lippen, auch so dick, und die Ohren, nein, psst, psst, nicht bewegen, nicht gehen, laß die Augen zu, Du.

Du mußt nicht gehen, die kennen Deinen Namen doch eh nicht, nicht, wissen nicht, wie Du heißt, niemand weiß das, und die Jungs gucken dann auf den Boxer, der seine müden Hände müde in den roten Boxhandschuhen neben seinem müden Körper hängen läßt. Er sollte sie treffen lassen, Maxe macht sonst Ärger, ein, zwei Mal, eine Runde lang, dann Pause, dann die nächste Runde, noch etwas einstecken, etwas andeuten und dann, dann, dann duckte er sich, streckte seine Linke aus, etwas, wofür Buddha bekannt gewesen war, die Linke, Buddhas harter linker Haken, die selbe, vielleicht die selbe linke Hand, die in der Werkstatt seinen Vaters früher, also Wilhelms linke Hand, der Junge, in den kurzen Hosen, der sich, um das Geld zu verdienen für die Jacke, die schwarze Jacke aus Leder, mit der alles doch anfing, Bill, oder Billy oder Willi, der Junge, dessen breiten Hände, die Linke voran, das Holz in die Maschine schob, den Schutz auf den Ohren, die damals noch dünn und weich, damals, seine Ohren, psst, psst, nicht hören, nicht bewegen, die Augen fest zukneifen, vielleicht sollte er zählen, so wie Willi auf dem Schulhof gezählt hatte, an einen Baum gelehnt, im Sommer, die Sonne auf dem Rücken, warm, er wünschte, er, jetzt und hier, er wünschte sich einen Baum, an den er sich lehnen könnte, psst, psst, die Linke streckte er, er war schnell, immer noch schneller als die Kinder vor ihm, und traf. Meistens reichte es, reichte, um sie taumeln zu lassen, reichte, um das Publikum grölen zu lassen, und hinterher konnte er sagen: Ein guter Kampf, Kleiner, ich hatte Glück, ein Glückstreffer, aber Deine Schläge, nicht schlecht, wärst ein guter Boxer geworden, wärst Du. Dünne Hände, die in den dicken Handschuhen steckten, Lachen und Lichter, vielleicht ein Photo, ein Photo mit dem alten Boxer mit seinen goldenen Hosen und der dicken Nase, ein Photo, aber kein Blut, Blut mochte Maxe nicht gerne sehen, nicht auf die Augen, nicht auf die Lippen, das Kinn, ein blauer Fleck, das Kinn. Damit die Jungs etwas erzählen konnten, von dem alten grauen Boxer, den sie fast auf die Bretter geschickt hätten, der dann nur einen, einen Treffer gelandet hatte, Pech, oder vielleicht waren sie abgelenkt gewesen, oder zu weich, genau, zu weich, wollten ja nicht den alten Kerl vor sich ernsthaft verletzen, der so müde aussah, und dessen Ohren dick und geschwollen waren, die Ohrläppchen mit blauen Äderchen durchzogen. Solche Ohren, solche Ohren, die hätten sie noch nie gesehen, Boxerohren, wohl, Boxerohren, und nach dem Kampf hätten sie dann ihm, der ja einen Glücktreffer gelandet hatte, es war ja auch ein Spiel, oder, ein Spiel gewesen und sie hätten ja nicht wirklich zuschlagen können, also so richtig, wie sie es sonst könnten, täten, so richtig, ohne Spiel, aber auf den Mann, auf den Mann in seinen goldenen Shorts, nein, nicht auf ihn, und dann ein Photo.

Maxe, genau, Maxe jetzt neben ihm. Gut, daß Deine Ohren so dick sind, so dick geschwollen seit Jahren, Du atmest einfach langsam weiter, Du kneifst weiter die Augen zusammen, nicht schummeln, nicht blinzeln, nicht. Und dann psst, psst, Maxe, Maxe, mein Freund, nicht so Brüllen, das mußt Du nicht, ich höre Dich ja, Du rufst Namen, oder, Namen, vielleicht gehört einer davon mir, ich weiß es nicht, ich weiß es nicht so genau, aber mein Rücken wird ganz warm und ich spüre die Sonne und ich werde meine Augen geschlossen halten, bis ich bis 60 gezählt habe. Ich schummel nicht, nicht ich. Ich bin fair. Ich bin immer fair gewesen, keine Tricks. Die Augen geschlossen. Bis 60, damit sich alle verstecken können, alle, alle, alle, und erst dann werde ich kommen. Erst dann.

RE-MEINS

DSC_0036

Ich will es zurückhaben. Geht aber nicht. Denn ich habe ja die Zellen bezeichnet und das Ganze starten lassen. Taste gedrückt, oder Briefmarke drauf. Meine Kinderpost, die Stempel, die Farbe dann leer, die Marken verbraucht. Noch gleitet es, segelt rollend an mir vorbei. (Lebensspiel, verdammtes.) Aber vielleicht habe ich ja auch Kanonen erzeugt. Das wäre es. Denn: Zurückerobern will ich. Stattdessen muß ich mich, muß ich, muß ich mich mit einem Berglohn begnügen. Aber psst, einige Stück habe ich behalten. Die Schriftstücke selbst habe ich in die Hand genommen, aufgeschlagen. Draufgeschlagen, bis das metallene Band um ihr Herz aufsprang, Springteufel. Reconquer! Selbst Schuld, immerhin habe ich mich zuerst in einen Wurm verwandelt, um zu dichten. FIDE Regel 3.7.e: Umwandeln, sofort. Aber ich vergaß, daß ich die Metamorphose nicht beherrsche, ich kann ja nur umstülpen. (Kein so edler Vorgang, denn es tut weh und ist auch nicht sonderlich hübsch anzusehen.) Einmal danach durch die Zeilen gekämmt, mit einem Kamm. Der war voll von klebrigen Honig.

DSC_0040

Die Pause tut mir Leid, ich hatte nicht mehr genug Zucker (gib ihn, gib ihn schon her), benutzte Honig stattdessen und meine Finger, meine kleinen dicken Fingerchen blieben immer wieder an der Tastatur kleben. Daher beschloß ich, ihre Klebrigkeit zu nutzen. Ich bastelte. Eine Auswahl der so entstandenen Objekte sind in den nächsten Woche im Schaufenster des Ateliers Schweinfurt und Grün in der Bunsenstraße 10 in Altona zu sehen.

reynolds zahl

Kolmogorow-Komplexität

DSC_0025Heute sagte man zu mir in etwa: „So ein Chaos in Deinem Kopf.“ Nunja. Nunja. Nun: Von einer klaffenden, gähnenden Leere kann nicht die Rede sein. Eine gewisse Kluft, vielleicht sogar eine Schlucht, mag es geben. Zwischen mir und der Welt auf jeden Fall. Fall nicht. Mind the gap. Gagapgagapgagap. Riesen tauchen auf. Ständig. Doch Gras nirgend. Eine gewisse sensitive Abhängikeit von den Anfangsbedingungen muß ich eingestehen. Und doch: Manchmal habe ich einfach keine Lust, zu, nunja, zu entspannen. Zeitliche Entwicklungen sind nicht vorhersagbar, die Abbildungen im Limes großer Zeiten nicht mehr stetig, nicht mehr stetig, nicht mehr stetig. Und ja, das auch: Mechanismen der Selbstverstärkung durch Rückkopplung. Wetter, Turbulenzen, Wirtschaftskram, Erosion, Verkehrsstau oder neuronale Netze. Netze raus, Fische rein. Der Kater saß vor mir, dünn und klapprig. Hinter ihm saß der Katertod mit seinem schwarzen Umhang und der kleinen, klitzekleinen Sense und grinste. Na super. Da half auch Anbrüllen nicht mehr. Brüllaffen all überall. Tannenspitzen. In meiner Erinnerung wird er zwei unterschiedlich farbige Augen erhalten. Die schenke ich ihm und ihm und ihm auch. Muß ich mich heute wirklich ordnen? Ich weiß nicht so genau. Vielleicht sollte ich Räume bilden. Wie Louise. Cellen. Doch so mutig bin ich nicht. Es knirscht schon wieder. Hui Buh. Zurück zur Tagesordnung. Neben mir auf dem Tisch stehen mehrere Schachteln voll von Zuckerwürfeln. Gesammelte. Mit Kugelschreiber steht auf ihnen drauf, von wo und wann sie sind. Wer dabei war im Moment des Einsammelns. Eine Hand, die sie vom Tellerrand klaubte und ihnen Bedeutung aufdrückte. Jetzt bist Du eine Erinnerung. Jetzt. Jetzt. Jetzt. Und es gibt, gab, gab dort, irgendwo, einst, vielleicht – es war einmal gegeben –  ein ganzes Haus voll von solchen Dingen. Eine Spur aus Zucker in ein Leben. Und dann kam der Regen. Fliegende Fische, unwahrscheinlich. Ordnung? Pustekuchen. Heute bin ich lieber eine Bonbonknetmaschinenbedienerin.

Park

Wenn ich aus dem Haus trete, aus dem Dunkel meines Treppenhauses trete, durch die Tür trete, die mit Edding beschriebene Tür trete, in das Flimmern der Stadt, denn es scheint Sonne, Sonne, die scheint, die immer zu scheinen scheint wenn ich hinaustrete, wenn ich durch die Straße gehe, in der die Müllcontainer stehen (Luft anhalten für fünf, vier, drei, zwei, eins… denn es stinkt, stinkt, stinkt hier), über die Mauer klettre, ankomme schließlich zwischen den beiden Holunderbüschen, an denen jetzt im Spätsommer die Früchte hängen, denn die Leute wissen nicht mehr, daß man die Früchte pflücken und mit einer Gabel von ihren Rispen lösen kann, sie kennen ja vielleicht noch nicht mal das Wort, Rispen, Rispen, Rispen, das so nach Lila schmeckt oder sauer nach Rot und das man die Früchte dann in den großen Topf, in den Topf, in den Topf wirft und kocht und Oma hat dann dunkelrote Finger und der Saft tropft in die von Schnaps desinfizierten Flaschen und etwas Öl wird oben hinzugegeben, ein Tropfen, damit es nicht schimmelt, und im Winter wird der Saft mit Wasser und Honig aufgegossen, also wurde aufgegossen, ist aufgegossen worden, damals, denn gestern, oder im Winter, hier, in meiner Wohnung, als sich meine Arme müde fühlten und sich meine Beine müde fühlten und sich meine Augen immer weiter schlossen und mein Kopf schwer, schwer, schwer war und ich merkte, daß es wirklich eine Müdigkeit war, als ich das merkte, trank ich ein mit heißem Wasser aufgegossenes Pulver, aus einer silbernen Tüte, das gut sein sollte, sollte es sein, gut sollte es sein, denn das hat der Apotheker gesagt in seinem weißen, strahlend weißen Kittel, als ich voller Müdigkeit und Krank und Gelb vor ihm stand und eigentlich nur wollte, daß er seine kühle Hand auf meine heiße Stirn lege, beruhigend und schwer, schwer, schwer lege, aber er gab mir stattdessen Pulver in silbernen Tüten und einen Blick, der höflich war und schlimmer – heute, im Flimmern der Sonne, also wenn ich zwischen den beiden Holunderbüschen mit ihren Früchten ankomme, das Tor aufschiebe, das in der Mauer aus rotem, rotem, rotem Backstein hängt und das ich anheben muß, vorsichtig, damit es keinen Krach macht oder den Boden aufreißt mit seinen spitzen, scharfen, spitzscharfen Zähnen, dann, also dann bin ich angekommen in dem alten Park.

Der alte Park hat das Gebäude verloren, verloren, weggekullert ist es vielleicht, das Gebäude verloren, zu dem er gehört. Ich habe in alte Karten geguckt und dort stand es noch, war es noch zu sehen, ein Krankenhaus, sicherlich groß und mit kühlen (weiß und kühl und weiß) Gängen (tapptapptapp), und dem Geruch nach Desinfektionsmitteln, den Operationsräumen, dem Kreißsaal, den Stationen und Zimmern, den vielen, vielen Zimmern, Menschen wurden dort geboren und starben dort auch (tottottot), gingen in den Park, wo Bäume Schatten hatten und ihre Verbände weiß, wer weiß es noch, wer wird es wissen, denn dort, doch dort standen jetzt Autos und Gleise liefen quer durch seine Hallen und eines dieser Bürogebäude, und eines dieser Bürogebäude stand dort, wo sein Schatten und das Weiß im Flimmern der Sonne gewesen war. Der alte Park mit seinen Mauern war wohl schon fast vergessen, verloren, das Rotblau der Hände meiner Oma, und schmiegte sich so still und leise zwischen die Rohre der Fernwärmeleitung und die Bahnschienen meiner Stadt.

In der Mitte trug der Park einen Brunnen, in dem steinerne Fische ihre steinerne Mäuler zum Kuss gespitzt (Kussmäuler, Fischmäuler, Kussmäuler) in den Himmel richteten, aber kein Wasser lief und jemand hatte ihnen Augen und Schuppen mit orangener Farbe aufgesprüht.

Als ich überlegte, ob ich ihnen Namen geben sollte, Fischnamen geben sollte, hörte ich ein Zischen, ein Zischzischzischzischen, ein Zischen, das mich weglockte vom Brunnen und seinen Fischfischfischfisch, seinen Fischen, ein Zischen, das mich an den Rand des Parks brachte, wo ich sie zum ersten Mal sah.

Sie würden mich nicht mögen, denn ich war seltsam auf eine Art, wie einige Tiere seltsam waren, die Vorderbeine zu lang, die Körper zusammengesetzt aus Teilen, die doch zu anderen, vollständigen, richtigen Tieren gehörten. Ich war eben seltsam und die Jungs dort waren eben nicht seltsam sondern eben da und einer von ihnen, ein Tuch über seinen Mund gezogen, stand vor der Mauer. Die beiden anderen saßen auf einer Bank und blickten wartend, wartend schienen sie in Richtung der Wand, der Gleise und des Himmels, des Himmels über ihnen, zu blicken.

Sie hatten mich gesehen, das konnte ich daran erkennen, wie sie sich nicht umdrehten, wie sie weiterhin auf Wand oder Himmel oder Gleise blickten und ich wartete, angespannt, mit klopfendem, viel zu schnell klopfendem Herzen (bangbang bangbang), ich sollte vorsichtig damit sein, es so klopfen zu lassen (bangbang), es war doch weich und glibberig (bangbang) und nicht gemacht für eine solche Wucht von Schlägen (bangbang),.

Ich wartete also auf das Zeichen, das nun kommen mußte, das mit Bedacht gewählte und genau angemessene Zeichen, das einer, der Eine von ihnen, dessen Aufgabe es war, eben jenes Zeichen geben zu dürfen, senden würde, und das dann mir auf eindeutige, nicht zu mißverstehende Art sagen würde, ob es mir erlaubt sei, den Park, die Luft, das Licht und den Moment mit ihnen zu teilen oder ob ich mich in einer schnellen, wie selbstverständlich, schon längst geplant scheinenden Bewegung umdrehen und den Park verlassen müßte.

Das Zeichen kam, ich durfte bleiben, eine Duldung, vorerst, doch dann ein zweiter Blick, der eine Aufforderung beinhaltete, noch näher zu kommen, ein Befehl. Ich war das komische Tier, das sie genauer betrachten wollten.

Der, der da an der Mauer stand, arbeitet weiter und ich sah die grüne Farbe. Er sprühte Park auf die Mauer.

Worauf wartet ihr?

Auf den Zug.

(Farbe machen: Auf einer Bank sitzen, auf den Zug warten, hoffen, daß er fährt.)

Ich setze mich auf die Lehne der Bank. Es war mir erlaubt worden. Es ratterte, ratterte, ratterte, rattattata, und dann das Kreischen der Räder, ungehalten in den engen Gleisen. Die letzten beiden Wagen der Bahn, wir sahen, wir sahen, wir sahen es nun: Roter Backstein, Stein neben Stein, Stein und Stein und Stein, keine Fenster mehr, nur dort, wo die Tür zu sein schien, ein rostiges Tor und etwas blau, himmelblaublau.

Ich sah den Zug, die Mauer, den Park. Um die Mäuler der Drei glänzten orangene Schuppen.

Gnarschen

DSC_0018Es gnarscht, gnarrtelt, gnierscht, gnuttert in meinem Kiefer – und das macht das Denken nicht eben leichter. Alles ruckelt – und das rechte Ohr ist taub. Pauke dicht, von der Kuppel bis zum Keller. Man kann also seine Ohren doch schließen. Tut nur weh. Anders als bei Kopfschmerzen: Es drückt. Es pressiert. Zwei Fäuste von rechts und links gegen meinen Kiefer, ich irgendwo (vielleicht, vielleicht) dazwischen.

Freie Nervenendigungen. Und die Totenstarre beginnt wohl auch am Kiefermuskel. Nun ja, das nun dann doch nicht. Aber da ich warte auf die Welt, die beharrlich schweigt, warte ich. Gnarschend und gnarrterlnd. Der erste Kiemenbogennerv ist auch beteiligt. Der ist alt, also der ganze Kram da unter meiner Haut, und stammt vom Fisch ab. Fischfischfisch. Dafür muß man den Mund nicht so weit öffnen. Also um das zu sagen. Fischfischfisch. Schschsch. Schißschißschiß. Die Wörter drumherum sind so schön. Schlundtaschen könnte ich damit füllen. Gefangen in meiner Kaumuskelschlinge reicht es heut‘ eben gerade noch für das hier. Wo ich sonst schreie oder laut lache, wisper ich gerade vorsichtig durch meine schmal gezogenen Lippen. Pfeife lieber mit den Ohren, als auf zwei Fingern. Ein Baustein zuviel in den letzten Wochen auf meinen Turm gestapelt, und alles ist zusammengekracht. Krabumm. Das allerdings kann ich nur denken, nicht sagen. Das geht nicht gesäuselt. Entspannen Sie sich! Entspannen Sie sich doch endlich! Krabumm.

Ameise und Berg

Linolschnittklein André KunzUnd ich liege. Um mich herum Park und Warm. Neben mir schmeißt der alte Mann Keulen durch die Luft. Unter mir ein Tuch aus Hawaii. Ein Geschenk. Ich denke mich durch die Erde hindurch dorthin, ziehe eine gerade Linie durch irgendetwas Flüssiges, mir wird kurz schlecht bei dem Gedanken, daß die Erde unter mir nur schwimmt. Ich darf das nicht zu oft denken, denn sonst werde ich vom Schaukeln der Platten weltkrank. Ich lese mein eigenes Manuskript, zwischendurch, wenn ich nicht durch die Erde sinke, lese ich es, wieder und wieder, lese es auf eine Art und Weise, wie ich als Kind gegessen habe. Auf dem Fliesenmuster im Bad – ich war nicht schnell genug zum Klo gerannt, hatte die Übelkeit ignoriert im Spiel, kam zur Hintertür hinein, durch den Abstellraum, an der Garderobe, die extra tiefer hing für uns Kinder, kam ich vorbei, zog noch meine Jacke aus im Gehen, die Ärmel nach innen ziehend dabei, wie immer falsch herum ausgezogen, als mir so übel wurde, wie einem als Kind übel werden konnte und dann spuckte. Nicht schnell genug, auf den Fliesen mit ihrem Muster lagen lange, unzerkaute Spagetti. Meine Mutter, nicht großartig besorgt beim Anblick ihrer spuckenden Tochter, denn Kinder spucken halt, vielleicht ein wenig voll von Mitleid, aber immer bereit, die Situation zu nutzen, wies auf den Boden und ermahnte mich, während ihre kühle Hand tröstend meinen Kopf hielt, nicht so zu schlingen. Mein Bauch würde das doch gar nicht schaffen, so ganze Nudeln, so unzerkaute Nudeln zu verdauen. So lese ich, schlingend, und ein wenig wartend auf den Moment, wo meinem Kopf übel wird und er die dicken Brocken zurück in die Welt spuckt. Pause und in die Blätter über mir gucken. Eine Ameise krabbelt auf mein Bein, über die Hose auf meinen Bauch, der unter dem hochgerutschten T-shirt blass in der Sonne liegt, im Park ein warmer Berg (nicht grau, nicht grau), der sich auf und ab senkt, pocht sicherlich unter ihren Füßchen, kleine, blonde Härchen, die sie streift mit ihrem braunen Panzer. Ich reiße eine Seite aus dem Manuskript, lege sie auf meinen Bauch und lasse die Ameise dort hinauf laufen. Ich lege die Seite samt Ameise neben mir ins Gras, damit sie dort hinein hinab steigen kann. Das tut sie, dort unten im Gras muss es kühl sein, und ganz anders als auf meinem Bauch. Ich lese die herausgerissene Seite erneut, reiße sie in schmale Streifen, lange schmale Streifen, und stecke sie in den Mund. Die Stimme meiner Mutter sagt: Gründlich kauen! Und ich schlucke.

Deine, seine, meine Oma – Aufforderung zum Kryptomnesieren

FremdeErinnerungenSequenz12klein

Notizen zur Rede vom 12.07.2015 (Ausstellungseröffnung André Kunz: Fremde Erinnerungen)

Kurz vorweg: Wen hat er gefragt?

Chronistin der Entstehung (Partnerin, deren Schreibtisch überschwemmt wurde)

Geisteswissenschaftlerin (Klebefallenaufstellerin für Kritiker)

Schriftstellerin (Künstlerisches Ereignis, das im besten Fall für den Zuhörer zum Erlebnis wird)

Egal, ich spreche jetzt.

Der Titel der Ausstellung: Fremde Erinnerungen.

Etwas einen Namen geben, Damit aus einer Kreatur ein Etwas wird. (Zu beobachten in fast jeder Star-Trek Episode, Data hat einen Namen.)

Fremde Erinnerungen

Ein kleiner Bogen

Es gibt ein Experiment.

Lost in the mall

Experiment erklären: Probanden, viele, bekommen Briefe und Videoaufnahmen, in denen ihnen Erlebnisse aus ihrer Kindheit erzählt werden.

Eine solche Erzählung unter vielen anderen Erzählungen ist:

Wie Du damals im Einkaufzentrum verloren gegangen bist.

Wie alle Angst hatten, Du sicherlich auch.

Wie der Wachmann Dich auf den Arm genommen und getröstet hat.

Er hatte einen Bart, oder?

Und eine blaue Uniform, oder?

Und hat nach Keksen gerochen, oder?

Viele der Probanden erzählten die Geschichte dann später selbst. Einige mit tränenfeuchten Augen, glaube ich.

Ein wichtiges, ein prägendes Erlebnis.

Damals.

Im Einkaufzentrum.

Als sie verloren gegangen waren.

Ihr ahnt es sicherlich schon:

Die Geschichte – nur eine Geschichte. Ein Trick.

Ich dagegen bin wirklich einmal verloren gegangen:

(Impro, mit Tempo): Weihnachtsmarkt mit meinen Eltern. Ich hatte etwas in der Hand. Mutzenmandeln, oder? Dann war ich alleine. Habe geweint. Die Mandeln, die gebrannten, oder, sind heruntergefallen. Der Geruch, so deutlich noch. Ein Weihnachtsmann, hochgehoben hat er mich, auf seine Schulter gesetzt. Aber das war ja ein Christophorus, auf dem Bild in der Kirche?

Oder, nein, doch – ich bin durcheinander gekommen.

Es war doch die Kirmes. Genau. Sommer. meine ich. Der Geruch: Ein Zuckerapfel, ein Liebesapfel, so sagt man doch, diese roten, die außen so hart sind, die man kauft, weil man sie haben will, so schön, nur schmecken tun sie nicht, nicht wirklich, mein Mund zu klein, um abzubeißen. Ich gehe verloren. Verliere die Hand meiner Eltern? Nein, die Hand fast im Mantelärmel verschwunden, meine Oma war es, nein, das mit dem Mantel ist die Oma auf dem Bild dort, oder?

Seine Oma, meine Oma, jene da oder dort oder – stopp.

Ich hab den Faden verloren.

Nochmal von vorne.

Vielleicht war es doch auf dem Schützenfest, Herbst. Maronen, der Geruch.

Meine Oma hatte Angst vor Feuerwerk, weil sie im Krieg laufen mußte, über die Felder, weil die Bomben –

Nein, jetzt würden meine Eltern protestieren, trotz des Publikums, also wenn sie da wären, die Zeugen, soviel Wahrheit muß sein, meine Oma kann im Krieg nicht über Felder gerannt sein, sie war doch in den Bergen, im Sauerland, keine Bomben, oder?

Aber wo war meine Oma, sagen wir mal, am 2. Juni 1933?

Wo war Eure Oma am 2. Juni 1933?

Die Oma von Bruno Tesch saß auf ihrem gestreiften Sofa, das sie Nachts umklappen konnte zu einem Bett, mit der Häkelnadel in der Hand, nein, das war meine Oma, und das gestreifte Sofa hängt hier irgendwo, und Bruno Tesch, der steht da hinten vor dem Richter und…

Meine Oma, seine Oma, die Oma von Bruno Tesch saß auf einem Sofa.

Das Vergehen, dessen ich mich hier schuldig gemacht habe, nennt man

KRYPTOMNESIE

Ich bin mir sicher, es ist Meines, die Erinnerung, die Idee, der Einfall, die Melodie, weil ich vergessen habe, das ich mich erinnert habe.

Etwas Gehörtes, Gesehenes, Erzähltes….

Ich weiß um Etwas, das Meines ist, weil ich mich nicht erinnern kann, daß ich es geklaut habe.

KRYPTOMNESIE.

(psst, geheim)

Achtung, das ist eine Klebefalle für Kritiker, das Wort hat vier Silben und kann mit einem Bindestrich gelesen werden.

(Impro, mit Tempo): So eine Klebefalle, die von der Küchendecke spiralförmig herabhängt und an der die Fliegen kleben bleiben, damals, Du weißt es doch noch, als die Sonne durch die Fensterläden hindurch Schatten auf den Boden… Und die leise Musik… Nein, Fensterläden hatte ich noch nie. Aber egal. Dort, hier, da drüben, da, wo die Klebefallen hingen, in der Küche. Weißt Du noch?

KRYPTOMNESIE.

Ich mag den Klang. Es ist ein seltener.

Zurück zur Großmutter. Die Oma von Bruno Tesch saß am 2.Juni 1933 auf einem gestreiften Sofa – und wußte nicht, daß ich sie hier und heute erinnern würde müssen.

Sie saß auf dem Sofa, während in Altona in einem Gerichtssaal ein Urteil gesprochen und Recht gebrochen wurde.

Ich, er , Ihr werdet sie erinnern. Seine, meine, Eure Oma auf dem Sofa, in dem Mantel, an der Wand.

Meine eigenen Erinnerungen flimmern beim Anblick von Andrés Bildern.

Die Verbindungen zwischen den Bildern lockern sich, lockern sich auf.

Waren es nicht am Anfang, damals, Turnübungen, ich kann mich schwach erinnern, nein, woher denn auch, Turnübungen, die in Bewegung gerieten, wenn jemand obscures an der camera drehte?

Sequenzen, genau.

Also: Und ein Also weist immer auf das Ende hin…

Lockert Euch auf, bevor ihr durch die Ausstellung geht.

Denn mein Vorschlag ist es, die Fremden Erinnerungen, Andrés Bilder, als Aufforderung zu betrachten.

Als Aufforderung zum Kryptomnesieren.

Meine Oma, deine Oma, irgendeine Oma. Erzählst Du es mir, klaue ich es und vergesse sofort, woher ich es habe.

Guck Dir die Bilder an. Klau sie Dir – und vergesse sofort, woher Du sie hast.

Eigne Dir seine, meine, ihre, egal welche Erinnerung an.

Du wirst gar nicht drum herum kommen.

Was anderes hat er da schließlich auch nicht gemacht.

Danke.

Wieder da

IchWir fahren nach Süden mit dem Zug. Das merke ich, weil die Kühe ihre Flecken verlieren nach und nach. Berge, die sich rings um unseren Zeltplatz in Nebel und Wolken gehüllt haben. Mehr noch nicht. Es regnet. Berge, um die ich weiß, die ich aber nicht sehe. Berge, die ich glauben muß. Vielleicht. Der Regen macht die Welt sehr klein. Zwei Fischreiher, die tief über uns fliegen. Ein Paar. Einer der beiden hat im rechten Flügel eine große Lücke. Federn fehlen. Ich würde ihn wiedererkennen.Kaffee, der den Rand meiner Plastiktasse beschlagen läßt. Die Nacht war kalt. Die Iller hinunter. Ich suche Eisvögel. Aber ich sehe nur bunte Schilder mit Bildern von ihnen. Und Bibern. Wobei ich einen Biberbau gesehen habe. Und umgenagte Bäume. Dank Walt Disney sehe ich den Biber dazu in meinen Kopf grinsen. Der erste dicke Käfer, der in meinen Mund fliegt. Es krabbelt, oder? Meine Hose und mein Fahrrad von Matsch bedeckt, ich bin erschöpft. Doch morgen geht es weiter. Fledermäuse und Schwalben über dem Zelt. Zuerst die einen, dann die anderen. Ich lache den Nachmittag, weil ich einen Haufen Kühe gesehen habe, mit Glocken. Einen Kuhhaufen also. Katzen in den Wiesen. Die wissen immer, was sie gerade tun. Ich dachte, der Kuckuck der ersten Tage hätte uns verloren. Aber an der Wiese an der Donau war er wieder da. Und Wildgänse, vor unserem Zelt. Frösche auch, na klar. Die legen alle gemeinsam los. Einer muß den Einsatz geben. Flussschwemmholz und Kiesel. Die Farben hell – so daß man mit seinem eigenen Rosa wie ein kleines Schweinchen anmutet. Viel zu jung für all das. Einige Käfer reisen auf meiner Jacke mit. Ich mache mir Sorgen, ob sie zurückfinden. Husten im Zelt, das nicht weniger wird. Es ist wirklich kalt – und der Regen fährt mit uns. Erleichterung, wenn der Gaskocher rauscht. Supermarktrotwein und Schokolade. Frösche, die heute über die frierenden Schweinchen spotten, während der Regen auf ihrer Haut feine Perlen bildet. Die Schwäne auf der Donau: Oben erhaben gleitend, unter Wasser wahrscheinlich wie blöde paddelnd. Die tun nur so. Wieder Wildgänse, Auge in Auge, als ich am Morgen den Reißverschluss des Zeltes öffne. Und kleine, matschig Krallenspuren auf den Fahrradgriffen. Irgendwelche Vögel. Wir geben ihnen erfundene Namen, dann kaufen wir doch ein Buch. Ich sage „Moin“ – der Mann auf der Straße antwortet: „Grüß Gott“. Ein Montag, als ob Sonntag wäre. Wo sind die Menschen? Ein leerer Hof, ein altes Tor, ein rostiger Trecker, Solarzellen auf dem Dach. Der Dorfbäcker dann: voll. Gläser mit Süßigkeiten, eine Tüte für 50 Pfennige, nein, nicht mehr jetzt, früher. Eistee, Fruchtdrink, Caprisonne, Bananenmilch in der Glasflasche. In der Schlange vor dem Tresen, Menschen, die sich kennen. Kirchengeläut – Uhrzeit nach Schlägen. Der Kuckuck, immer noch da. Regen prasselt aufs Zelt – so laut, daß ich nicht schlafen kann. Klitschnasse Schuhe, klitschnasse Kleidung. Irgendwann hilft keine Regenhose mehr. Frieren dann, wirklich frieren. Ein seltenes Gefühl. Rückwärtsfahren und Regen sind nicht gut fürs Gemüt. Sogar die Schwalben haben sich verzogen. An der Altmühl dann andere Radfahrer. Sie fahren runter – wir stetig rauf. Sie treiben wie bunte Bojen an uns vorbei. Durch Täler fahren Eisenbahnen, wenn es keine Tunnels gibt. Und wenn wir von oben gucken, Pause machen auf einer Bank, mit dem hartgekochten Ei, das sein muß, dann liegt Landschaft um uns rum, wie auf eine Sperrholzplatte geklebt. Futtern könnte ich. Zelt aufbauen. Essen. Schlafen. Zelt abbauen. Losfahren. Wenn die Hände und die Beine immer zu tun haben, denke ich anders. Milder vielleicht. Wir sind Beide manchmal ganz schön fern von dem drumherum hier. Sonne am Morgen. Endlich einmal. Instantkaffeegeschmack auf meiner Zunge: Das einzige, was bei Regen besser zu ertragen ist. Ich habe einen Kolkraben gesehen. Groß, alt – irgendwie. Das Taubertal voller Hügel – ich jauchze beim runterfahren. Mir doch egal. Es wird wieder kalt – und naß. Der Main bringt uns an die Mittelgebirge. Schwarze Schotterwege rauf, nur, um rüberzukommen. Es knirscht, ich muß schieben. Grenzen erreichen. Wenn es doch bitte nicht so kalt wäre. Als wir drüber sind, plötzlich so laut. Städte und Autos und – weg. Das geht gerade nicht. Lieber weiter, die Fulda lang. Die Weser lang. Irgendwo lang. Campingplätze, Zeitreisen, absurde Orte. Einige unheimlich, einige todtraurig, andere – verloren. Wir neben dem Atomkraftwerk, im Regen, unter einer Birke, dann hinter mir, zwei Meter vielleicht, ein Fuchs. Was mich am meisten erschreckt: Er blickt mich an. Es wird flacher, und vertrauter. Das ist schon Marschland. Waldohreule mit Jungen über unserem Zelt. Ästlinge. Schiffsmotoren, die Nachts am Zelt vorbeilaufen. Sie tuckern. Vielleicht will ich doch einen Trecker haben. Und dann: Deich. Schafe. Die gibt es ja immer nur in Mehrzahl. Meer. Und es geht doch noch kälter. Kälte zerrt. An allem. Auf dem Deich sitzen. Auf dem Deich sitzen ist einfach gut. Gegenwind lehrt Bescheidenheit. Fischbrötchen und Pommes mit Mayo. Als Belohnung. Von der Nordsee an die Ostsee wechseln. Früher, früher, erzählen die Camper, hätten sie ja auch… In meinen Kindheitsurlaubserinnerungen ist die Ostseeküste flach. Das ist falsch, sowas von falsch. Nebel über den Wiesen neben dem Platz. Tanzend. Als ob alles um mich rum noch auf den letzten Metern seine Klischees ausfüllen will. Mein Atem macht auch Nebel. So langsam wird die Kälte lächerlich. Vier Wochen ohne Mauern. Und dann das Reh. Kilometer 2208. Jetzt mal ernsthaft. Wildunfall mit Fahrrad. Und auch das Reh hat mich für eine Sekunde angeblickt. Dann umgeworfen. Blaulicht, Krankenwagen, besorgte Stimmen und geschlossenen Räume und der Geruch nach Desinfektionsmittel. Ich habe Angst. So richtig. Und Kopfschmerzen. Grün und blau und eine Narbe wird als Erinnerung auf dem Kopf bleiben. Mit Blut auf der Kleidung dann in den Zug nach Haus. Meinen Esel mußte ich zurücklassen. Ruckzuck. Augen zu. Zu schnell. Landschaft rennt vorbei, und rollt nicht mehr unter meinen Rädern, rollt nicht mehr an mir vorbei, rollt nicht mehr durch mich hindurch, rollt nicht mehr, nein: Rollt noch nicht wieder.

Her und Hin

ClownMitBauch1Die Fuchs ist unterwegs. Auf einem Drahtesel – der den schönen Namen Rucio trägt. Sie wird sich, um mal wieder die Bezüge springen zu lassen, zunächst in den Süden begeben, um sich dann auf den engen Weg nach Norden zu machen. Es wird, wenn sie denn dann wieder da ist, einige Silben dazu geben. Bis bald!

„Einen Vogel mit einem profanen Namen wünschte ich mir.“

IMG_0011Heute Morgen saß ein Rotkehlchen auf meinem Balkon. Ich wünschte, es wäre ein anderer Vogel gewesen, ein nicht so märchenhafter, einer, dessen Name ohne Farbe wäre. Einen Vogel mit einem profanen Namen wünschte ich mir. Aber auf meinem Balkon saß ein Rotkehlchen. Mein Balkon ist von oben bis unten und ohne Ausnahme mit einem feinen, grünen Netz umgeben. Ein Netz, das die Tauben, die in meinem Innenhof wohnen, davon abhalten soll, auf ihm ihre Nester zu bauen. Vielleicht sollte ich besser über die Tauben schreiben, das würde viele freuen, sind dreckige Tauben doch irgendwie besser, moderner, als kleine, zerzauste Rotkehlchen. Die Maschen des Netzes, das die Tauben und die Welt abhalten soll, meinen Balkon zu bescheißen, sind echt klein. Eine Hummel passt hindurch, muß aber ein wenig die Luft anhalten dafür. Daher weiß ich nicht, wie es das Rotkehlchen geschafft hat, nach Innen zu gelangen, aber es war da und sah mich an. Es blickte mich an, weil ich wohl laut gesprochen hatte. Meine Nachbarn kannten das und ignorierten mich oder dachten vielleicht, ich würde Texte üben oder telefonieren in einer ferneren Sprache, doch eigentlich (aber psst, sie müssen es ja auch nicht wissen) rufe ich meine Bienen. Schon seit einigen Jahren, jeden Morgen, jeden Abend. Ich rufe sie zurück, sie sollen zurück, zurückkommen in den Kasten, in dem sie einst wohnten. Doch ich spreche ihre Sprache nicht. Das Rotkehlchen blickte mich also an, und ich weiß nicht, ob es seine Größe war, sein Name, oder einfach nur meine Angst, daß es sich, sollte es wieder nach Außen wollen, an den Maschen des Netzes die Kehle aufschlitzen könnte, ich weinte, ein wenig. Nur ein wenig, und nicht laut. Da sprang es auf meinen Fuß, der nackt und weiß und kalt war, sprang hinauf und pickte, ein, zwei, drei Mal mit seinem Schnabel. Es tat weh, es blutete sogar ein bißchen. Der kleine Spötter vor mir, der zurückgesprungen war nach seiner Tat, der kleine Spötter ignorierte meine Empörung und quetschte sich (ruckzuck) durch eine locker geknotete Masche zurück in die Welt. Übrigens singen Rotkehlchen, wenn sie in einen Sack gesteckt werden. Das erklärt eine Menge.

und unter ihm das tiefe meer

IMGfür Alice (das Ende fehlt)

1

Ihr Nachbar, der in der Kellerwohnung lebte, starb an einem Schuß. Ein Schuß, selbst aufgesetzt an die hohe Stirn. Alice fragte sich, ob er wohl bis drei gezählt hatte, bevor er abdrückte. Vor all dem, vor dem Schuss, sind sie oft spazieren gegangen, sie und er. Haben die Bilder bewundert auf den Zügen und dem Beton der Brücken. Manchmal schimmerte dann noch Farbe an ihrer beider Hände. John nannte Alice Baby, doch sie wollte ein Baby von ihm, das seine Augen weiter tragen würde. Er sagte, daß er lieber zu zweit bliebe. Sobald drei Menschen zusammen wären, könnten zwei von Ihnen eine absolute Mehrheit bilden und den anderen auslöschen. Zwei Menschen jedoch würden nach einer solchen Tat mit Einsamkeit gestraft und wären daher vorsichtiger. Die Zweisamkeit ihrer Spaziergänge also war John heilig. Auf diesem Spaziergang erzählte er ihr auch, vielleicht weil er merkte, daß sie noch nicht überzeugt war von der Notwendigkeit ihrer Zweisamkeit, daß die Mathematik noch keine Möglichkeit gefunden hätte, das Dreikörperproblem zu lösen. Beim Dreikörperproblem ginge es um Bahnen umeinander her und um Anziehungskraft. Die Bewegungen in solchen Dreikörpersystemen verliefen unvorhersehbar-chaotisch. Die Mathematiker könnten es nicht berechnen. Das machte John, der an Zahlen glauben wollte, traurig. Sie verstand nicht viel davon, aber ihr gefiel, daß es noch so etwas Wildes, Ungezähmtes auf der Welt geben sollte. Wie die grauen und weißen Fliesen, die auf ihrem Badezimmerboden lagen und in denen sie, noch nach Jahren, keinen Rhythmus von Wiederholung erkennen mochte. Sollte der kleine italienische Handwerker damals wirklich einfach die Fliesen frei gelassen haben, ohne ihnen ein Muster zu geben? Sie würde ihn dafür lieben mit all ihrer Kraft. John lachte wieder, als sie ihm von dem Fliesenleger erzählte. Aber sie würde ihn sowas von lieben und mit ihm woanders hingehen, woanders hin, wo die Sonne warm schien. Doch das sagte sie John lieber nicht. Ihre Spaziergänge führten sie über Bahnschienen, durch die Flächen zwischen den Gleisen, an den schillernden Zäunen und Zügen entlang bis in die Schrebergärten. Dort hatte Alice eine stets nach Hühnersuppe und Kölnisch-Wasser riechende Hütte von ihrer Oma geerbt. Sie glaubte, der Geist der alten Frau wäre noch dort, aber traute sich nicht, es John zu sagen. John klaute Äpfel aus den Gärten der Nachbarn. Er war wagemutig und kletterte über die Zäune, auch über die mit Stacheldraht, hinter denen die schönsten und größten Äpfel waren. Er machte wilde Grimassen, jonglierte mit den Äpfeln und buk ihr auf dem kleinen Gaskocher der Hütte Apfelpfannekuchen mit Zucker. So, wie er es machte, darin lag, daß sie buk dachte, also in einem so schönen Wort und vergangen. Er lachte, und schrieb es in den Staub, der auf der Tischplatte lag, dreimal: Buk, Buk Buk. Dann saßen sie in der Sonne und er nahm ihre zuckerklebrige Hand und sagte, sie solle bloß vorsichtig sein, ihre helle Haut eincremen, sonst würde sie verbrennen. Sie sagte ihm, nur kurz, nur kurz würde sie hier neben ihm in der Sonne sitzen wollen, bis sie genügend Sommersprossen auf der Nase hätte, daß die Welt bei deren Anblick ihre Erwartungen an sie vergessen würde. Wenn es Abend wurde, brachte John sie nach Haus, küßte jede einzelne ihrer weltvergessenen Sommersprossen und verschwand in seiner Kellerwohnung. Sie ahnte nicht, daß er sich erschießen würde. Einmal hatte sie ihn gefragt, von wo er gekommen war. Er sagte nur: „Von weit her.“ Der Schuss fiel, als Alice gerade dabei war, Brot zu backen. Es roch nach Hefe und zwischen ihren Fingern klebte feuchter Teig. Sie buk Brot, buk, buk, buk, weil der Geruch nach Hefe und das Gefühl von feuchtem Teig zwischen den Fingern sie tröstete.

2

Alice blickte auf ihren Sohn, dessen Zunge zwischen den leicht geöffneten Lippen zu sehen war, er malte ein Bild. Die Ernsthaftigkeit seines Malens hatte schon die Spitzen der meisten Stifte eingedrückt. „Es ist ein Schiff, siehst Du Mama, ein kleines Schiff, und auf dem Schiff ist ein Mann, und unter dem Mann das tiefe Meer.“ „Ja, das sehe ich. Ist der Mann ganz alleine auf dem Schiff?“ Paolo dachte nach. „Ja, allein.“ Sie gingen zur S-Bahn Haltestelle, stiegen die Stufen zum Bahnsteig hinauf, seine Hand in der ihren. Manchmal, manchmal drückte sie sie, auch, um die Grenze zwischen ihr und ihm nicht zu vergessen. Sie setzten sich auf eine Bank. Ein Zug fuhr ein, hielt an, fuhr weiter. Dann noch einer. Paolos Beine baummelten ungeduldig neben ihren. „Wann kommt Papa denn?“ „Gleich.“ Der nächste Zug fuhr ein, bedeckt von neonfarbenen Zeichen. Die Tür öffnete sich, ihr Mann stieg aus, lachte und winkte ihnen zu. „Ciao Paolo! Ciao Bella!“

3

Alice stand barfuß in der Küche, die Hände voller Teig. Sie buk Brot. Sie strich sich die dünnen Haare aus dem Gesicht und lehnte ihre Stirn gegen den Kühlschrank.

flatted fifth

flatted fifth

Blues

|| I | I | I | I | IV | IV | I | I | V | IV | I | I ||

I

Und dann, und dann hörte er es. Die Stimme klang rau und tief, breit und weich, fremd und so nah an seinem Ohr.

You’ve got the blues, boy!“

Und er schaute hoch und sah das schwarze Gesicht, das unter dem engen Hut und dem steifen, weißen Kragen leuchtete, spürte die warme Hand auf seinem Kopf.

You’ve got the blues, boy.“

I

Damals, vor so vielen Jahren, stand Michael Peppel in der Bahnhofshalle an der schwitzigen und schlaffen Hand seines Vaters, war müde und hungrig und durchgefroren und weinte leise. Und dann, und dann hörte er es, die Stimme, rau und tief, breit und weich, fremd und so nah an seinem Ohr:

You’ve got the blues, boy!“

I

Er war sechs Jahre alt, als er an der schwitzigen und schlaffen Hand seines Vaters in die Bahnhofshalle trat. Sein Vater blickte immer wieder auf seine abgestoßene Taschenuhr, nervös. Mike Pebbles hatte dann einen Song über diese Uhr geschrieben, einen Song, den er „Daddys Pocketwatch“ nannte. Einen Song über einen kleinen Jungen, der an der Hand seines Vaters in der Bahnhofshalle stand und dann, und dann eine Stimme, rau und tief, breit und weich, fremd und so nah an seinem Ohr sagen hörte:

You’ve got the blues, boy!“

I

Es war der Zug um 13.40 Uhr gewesen, einer von jenen, die ohne Halt durch die Bahnhofshalle fuhren. Eigentlich ohne Halt. Doch an diesem Tag, an dem Michael Peppel plötzlich ohne die schwitzige und schlaffe Hand seines Vaters in der seinen auf dem Bahnsteig stand, hielt der Zug dann doch. Zu spät, zu spät.

You’ve got the blues, boy.“

IV

Aus Michael Peppel wurde nicht über Nacht Mike Pebbles. Erst mußte er groß werden, größer. So groß, daß er die Hand seines Vaters hätte halten können. So groß, daß er alleine durch die Straßen und Bahnhöfe der Stadt streifen konnte. Und so groß, daß er Nachts in die kalte Küche schleichen und leise das Radio anmachen konnte. Er mußte lange, lange an den Knöpfen drehen, lange, lange lauschen und den Atem immer wieder lange, lange anhalten, um auch keines der Wörter zu verpassen. Bis er wieder eine Stimme hörte, die rau und tief, breit und weich, fremd und so nah an seinem Ohr war, sich mit dem aufgeregtem Stampfen seines Herzens unter der klammen Schlafanzugjacke vermischte und ihn vor Aufregung zum Weinen brachte.

Er hatte den Blues gefunden.

IV

Die Mundharmonika hatte er an einer Ecke einem älteren Mann abgekauft. Eine Flasche Wodka gegen ein handtellergroßes Stück Blech. Er übte, Tag und Nacht. Als er, müde, erschöpft und entmutigt durch seine Ergebnisse eines Nachts in seinem Zimmer saß, die Beine gekreuzt und den Rücken gegen die kalte Mauer gelehnt, entfuhr ihm während des Spiels ein Schluchzen, ja fast ein Weinen, und ein einzelner, langgestreckter, und so fremdvertrauter Ton erklang.

Er hatte den Blues gefunden.

I

Mike Pebbles, würde heute Besuch bekommen. Schon vorhin hatte er sie gehört, wie sie sich unten vor dem Fenster versammelt hatten, ein Brummen und Summen, ein Raunen, das rau und tief, breit und weich, fremd und so nah an seinem Ohren war. Und sie kamen näher, das konnte er hören, das konnte er hören.

You’ve got the blues, boy.“

I

Vierzehn von Ihnen waren in seiner Not zu ihm gekommen, vierzehn von Ihnen waren durch das Treppenhaus gegangen, hatten die große Flügeltür aufgestemmt, waren den Gang herunter geschritten und standen nun an seinem Bett. Das Brummen und Summen, das steige Raunen, hörte plötzlich auf. Und dann, und dann erklang eine Stimme, rau und tief, breit und weich, fremd und so nah an seinem Ohr.

You’ve got the blues, boy.“

V

Endlich eingeschlafen. Doch dann drang wieder und wieder das entrüstete Piepen und Pfeifen des Monitors neben seinem Bett an sein Ohr. So laut, so laut. Er wollte doch nur schlafen, nur schlafen. Schwester und Arzt konnte er es nicht sagen, wie denn auch. Durch den Schnitt an seinem Hals hatten sie ein Rohr geschoben und durch dieses Rohr strömte im immer gleichen Rhythmus Luft schmerzhaft klar in seinen Rachen und dann in seine Lunge. Sein Brustkorb hob und senkte sich dann, hob und senkte sich. Er ekelte sich vor diesem Berg unter der Decke, den er aus den leicht geöffneten Augen heraus im immer gleichen, stumpfen Rhythmus pulsieren sah. Er versuchte, das stetige Heben seines Brustkorbes zu ignorieren. Und das Piepen und Pfeifen des Monitors. Sehen konnte er ihn nicht. Er hatte versucht, die Geräusche zu verändern, das Piepsen in einen anderen Rhythmus zu bringen, doch was sollte er tun? Die Luft anhalten ging nicht, wie denn auch – das alles machte ja die Maschine für ihn. Eigentlich ging so gesehen ehrlich gesagt beschissenerweise gar nichts mehr, denn dafür müßte er mehr von seinem Körper spüren als nur das kalte Strömen, das kalte Strömen der klaren und sterilen Luft gegen die immer gleiche Stelle seiner Kehle. Heute, heute würde es aufhören, es würde aufhören. Sie hatten an seinem Bett gestanden, alle in den gleichen weißen Kitteln mit den gleichen, weißen Schuhen, den sauberen und hohen Gesichtern. Und der Alte hatte zu den Jungen gesagt, daß das dort vor Ihnen Michael Peppel war, und daß es Zeit sei, die Sache zu beenden.

Mike war froh, daß es Michael war, der beendet werden würde.

IV

In der Stadt kannte man ihn. Ihn, Mike Pebbles, den Musiker. Der, der auf den Bahnhöfen und auf den Bahnsteigen mit seiner Mundharmonika spielte. Der, der in seiner Nische saß, den Rücken an den zugemauerten Durchgang gelehnt, und seine Musik durch die Fugen der Mauer ins Nirgendwo schickte. Und in dessen Songs, und in dessen Songs dann, die vibrierend und laut durch die Gänge und Hallen strömten, ein einzelner, langgestreckter und so fremdvertrauter Ton erklang.

Er hatte den Blues gefunden.

I

Nach und Nach traten sie in sein Zimmer, er konnte ihre Bewegung aus den Augenwinkeln heraus sehen. Sie gingen zum Kopfende seines Bettes und verbeugten sich leicht, dann stellen sie sich um ihn herum auf: John Lee Hooker, Howlin’ Wolf, B. B. King, Muddy Waters, Big Walter Horton, Big Joe Turner, Big Mama Thornton, Hound Dog Taylor, Etta James, Elmore James, Blind Lemon Jefferson, Sister Rosetta Tharpe, Robert Nighthawk und schließlich Bessie Smith:

You’ve got the blues, boy.“

I

Und statt eine Hand auf seinem Kopf zu spüren, spürte er nun eine Hand auf seinem Gesicht. Warm drückte sie seinen Kiefer auseinander, drückte seinen Kiefer auseinander, bis sein Mund weit geöffnet war. Dann holten die Vierzehn Luft. Sie holten Luft, und ein Brummen, ein Summen, ein Raunen erfüllte den Raum, ließ die Vorhänge wehen und das Bett erzittern. Und dann hörte er es, hörte es endlich. Seine Stimmbänder, so lange nicht mehr berührt, so lange nicht mehr von Luft berührt, so lange ohne Bewegung, nahmen den Gesang auf, fingen an, in diesem Strom von Gesang zu vibrieren, immer stärker, und ein einzelner, langgestreckter und so fremdvertrauter Ton erklang, mischte sich mit dem Gesang der Vierzehn und ließ seinen Körper erzittern.

You’ve got the blues, boy.“

blues

Ferne

Ich habe einen neuen Freund. Er heißt Arch. Wahrscheinlich ist das die Abkürzung von Archibald, aber ich traue mich nicht, ihn danach zu fragen. Arch lebt 11.735 Kilometer von mir entfernt. So ungefähr jedenfalls. Wie ich ihn kennengelernt habe? Wenn wir jetzt hier ein Bild hätten, also zwischen mir und Euch, würdet Ihr sehen, daß ich, meinen Laptop auf dem Schoß, in der kleinen Abstellkammer in meiner Wohnung sitze, hinter mir eine Wasserkiste, einige Konserven und der Staubsauger. Ich mag diese Kammer, und wenn mir die Welt zu nah kommt, verstecke ich mich in ihr. Meine Antennen sind dann nicht ständig so überladen. Wenn es ganz schlimm ist, zähle ich Wäscheklammern. Manchmal surfe ich auch, also im Netz. Dann darf ein kleines Kabel aus der Tür heraus in den Flur ragen. Als ich Arch kennenlernte, saß ich genau so an meinem Laptop und suchte etwas Fernes. Das tue ich manchmal, wenn die Welt so verdammt nah ist. Und ich tippte in die Suchmaschine ein: Hawaii. Sie zeigte mir viele Bilder. Ich klickte eines nach dem anderen an: Strand, Wasserfälle, Wellen. Nicht fern genug. Kurz bevor ich aufgeben, den Rechner herunterfahren und doch schlafen gehen mußte, fand ich Arch. Oder seine Sternwarte. Also nicht seine, sondern die, in der er arbeitet. Oben auf einem Vulkan. Mauna Kea. Auf dem eigentlich höchsten Berg der Welt, nur eigentlich am höchsten, weil er eingesunken ist. Der Gipfel eines weltversunkenen Vulkanes mit großen silbernen Teleskopen oben drauf. Das war schon ferner. Zuerst eine Außenkamera. Das Gelände steinig, sandig, dunkle Steine und schwarzer Sand. Lava und so, ein Vulkan. Keine Pflanze. Einige Schotterwege. Und dann rechts, eine glänzende Kuppel, ein flaches Gebäude. Dann noch eine, noch eine. Geöffnete Kuppeln, irgendwelche technischen Anlagen, einige Autos. Dahinter Himmel. Dann versuchte ich auf den Aufnahmen, die die Teleskope selbst gemacht hatten, etwas zu erkennen. Die konnte ich anklicken und dann wurden sie groß. Abkürzungen, Zahlen und Buchstaben, unter verwaschenen Flecken in grau oder weiß auf schwarz. Vielleicht könnte das ja fern genug sein. Immerhin erkannte ich nichts. Daher schrieb ich unter comments: „Hi. Excuse me, what should I see?“ Und so lernte ich Arch kennen. Denn er antwortete mir. Zuerst schrieb er mir, was auf dem Bild zu sehen war. Das konnte er gut. Er klang begeistert. Schien gerne zu erklären. Vielleicht hielt er mich auch für ein Kind, oder einen Studenten. Ich lernte von Arch, was auf den Bildern zu sehen sein sollte. Ich suchte Arch im Netz. Er hatte eine Doktortitel und auf den Photos sah er jung aus. Ich bedankte mich höflich. Höflich sein hilft. Und fragte dann noch: „One last question, I’m sorry to bother you and I’m hoping I’m not stealing your time. But: How far away from me and you are these things? Are they far away – far away enough? I mean: Far away enough like being – outside?“ Ich hoffte, er würde mein rumpeliges Englisch verstehen. Arch antwortet nicht. Ich wollte immer noch nicht schlafen. Dann kam eine kurze Nachricht. „We should change to spoken words now. Are you contactable on skype?“ Ich trug eine dicke Schlafanzughose und ein T-shirt, auf dem Oscar in seiner Tonne zu sehen war. Ich saß in meiner Abstellkammer. „Yes.“ Es tutete. Ich klickte auf das Hörersymbol und Arch tauchte auf. Er war jung. Seine linkes Ohr stand ein wenig mehr ab als sein rechtes. Ich hatte gedacht, er säße irgendwo an einem Schreibtisch. Oder bei den Teleskopen oder wo auch immer. Offiziell. Sozusagen an dem offiziellen Fragen-aus-dem Internet- Beantworter-Platz. Aber er saß sehr dicht vor der Kamera, das Bild wackelte. Das kannte ich, er hatte seinen Laptop auf den Knien. Und er saß auf dem Boden. Es war ganz schön dunkel, wo er war. Hinter ihm stapelten sich irgendwelche weiße Rollen, standen Besen und einige Eimer. Er schüttelte leicht, traurig vielleicht sogar, mit dem Kopf, als er mir auf meine Frage antwortete. Ich hatte es mir schon gedacht. Das Gute daran ist: Seit dem sind wir Freunde, Arch und ich.

eine andere Art

DSC_0008Das T-shirt klebte an ihrem Rücken, dort, wo der Rucksack auflag. Schweiß lief über Nervenbahnen, die zwischen dem hochgerutschten Shirt und der zu tief sitzenden Hose dicht unter der Haut freilagen. Eine seltsam verletzliche Stelle des Körpers. Eine Gleichmachstelle, ungeschützt heute vor Blicken und Salz. Sie hätte ein längeres Shirt anziehen sollen. Der Fahrradsattel klebte. Alles klebte heute in dieser Stadt. Aus dem Mülleimer waren ihr Fruchtfliegen entgegengeflogen, als sie den Schwingdeckel nach hinten drückte. Ein Kampfgeschwader in eine Wolke von süßem Geruch. Die Melone von gestern. Und die schimmeligen Reste vom Abendessen. Sie hatte den Deckel zurückschwingen lassen und einige von ihnen dabei erwischt. Der überlebende Rest würde sich kugelrund fressen. Melone im Überfluss. Überfluss, überflüssig, mehr als flüssig. Die Steigerungsform von Flüssig ist Gas. Die Jungs sagten zum Abschied: Bleib geschmeidig! Kein schlechter Rat für diese Stadt und diese Zeit. Zumindest eckte man als Geschmeidige nirgend an, oder zumindest nicht so leicht. Aber was passierte, was passierte zwischen ihr und dem Anderen, sollte sie noch geschmeidiger, vielleicht sogar flüssig, überflüssig werden? Sie würde wohl durch die Maschen der Welt tropfen. Quallen starben so, wenn sie gewaltsam starben, denn durch Alter starben die nie, nie wirklich. Quallen waren unsterblich, sie gebaren und teilten sich einfach immer wieder neu, durchliefen einen Lebenszyklus nach dem anderen. Ob die sich wohl, würden sie sich erinnern, an die vorherigen Leben erinnern konnten? Wenn das so wäre, müßte es nicht eine Ursprungsqualle geben haben, und an deren Leben erinnerten sich dann alle späteren Quallen? Menschen vergaßen die Erinnerungen der Vorherigen, und deren Schuld, manchmal. Raus hier, also raus aus der Stadt, raus aus der Hitze. Irgendwohin, wo Wind wehen würde. Aber das war zu weit. Irgendetwas schweres und kalt metallisches saß seit heute morgen auf ihrer Brust, saß dort fest, schnurrte und bewegte sich nicht mehr. Der alte Park war näher, und würde ihr zumindest die Illusion von Luft bieten können. Wenn sie dort die Augen schloß, und das Gesicht in die Sonne hielt, tanzten Punkte auf ihren Augenlidern – und sie könnte sich vorstellen, daß das Sauerstoffmoleküle wären, die vor ihr tanzten, abgegeben von den Bäumen. Moleküle, bunte, glitzernde Bälle, mit denen sie dann ihre Lunge füllen könnte. Langsam füllen, und diese Moleküle würden sich ausdehnen, sich an die Lungenbläßchen kleben und so vielleicht ausreichend Druck aufbauen, um den bösen Katzenroboter etwas anzuheben. Luft konnte das. Aber die Luft, die sie einatmete, als sie die letzten Meter zum Park fuhr, war tot von Stadt. Sie konnte den Widerstand beim Fahren auf ihrer schweißnassen Haut spüren. Wehtu-Luft. Der Sandsturm bei Old Shatterhand – nur ohne dessen Glauben. Der Park war früher ein Friedhof gewesen, Grabsteine säumten seine Wege, nur wenige Namen noch zu lesen. Ob sie wohl damals, als der Friedhof zum Park geworden war, die bröseligen und schwarzen Knochen der Toten ausgegraben und irgendwo anders wieder eingegraben hatten? Vielleicht gemeinsam in einen Müllsack aus blauem Plastik geworfen, dann ohne Grabrede, denn die hatten sie doch schon gehabt, auf einem neueren, unverbrauchteren Friedhof verscharrt? Vielleicht aber lagen hier unter ihren Füßen doch noch Knochen. Vielleicht galten sie nach ausreichender Zeit ja nicht mehr als menschlich. Vielleicht wurden sie ja irgendwann etwas anderes, über dem man dann seine Decke ausbreiten und joggen durfte. Aus Knochen kochten Menschen Seife. Kochten Menschenknochenseife. Es war heiß. Sie sehnte sich nach dem Geruch von Chlor, Sonnenmilch und nassem Gras. An Tagen wie diesen und mit Gedanken wie diesen wollte sie die Gattung wechseln, kein Mensch mehr sein. Sie berührte ihren Bauch mit feuchten Händen. Wenn sie Leben in ihrem Bauch mit sich herumschleppen sollte, wenn sie das sollte, und es konnte gut sein, etwas war dort, etwas war ein Mehr, ein Zuviel vielleicht, dann sollte es, nein, dann mußte es anderes Leben sein, eine andere Art. Sie wollte keinen weiteren Menschen gegen die Welt werfen. Die Welt tat weh. Vielleicht würde es ein Tier, oder besser noch eine Pflanze – vielleicht, wenn sie es sich nur fest genug wünschte. Oder irgendetwas dazwischen. Der Schweiß lief ihren Rücken entlang und kreuzte die nackten Nervenbahnen. Sie hatte sich ein Stück Wiese ausgesucht, das nicht voller Brandwunden durch ausgeglühte Kohlen und Zigarettenenden war. Sie legte ihren Rucksack neben sich, öffnete den Reißverschluß, zog die Decke heraus. Es war eine wollige, eine kratzige Decke, die nicht zu diesem heißen Tag und diesem dünnen Park passen wollte. Es war die Decke ihrer Oma. Es war kalt in der Wohnung ihrer Oma gewesen, die immer ein Fenster offen stehen haben mußte, immer, immer, immer, da sie im Krieg vor Bomben in einen Keller geflüchtet und dort verschüttet worden war. Blutige Hände und abgerissene Fingernägel. Der linke Ringfingernagel und der rechte kleine Fingernagel, die waren nie nachgewachsen, die Fingerkuppen ihrer Oma rund und stumpf. Manchmal, manchmal kam aus der Decke heraus noch ein fadenscheiniger Geruch nach Hühnersuppe und alter Haut. Irgendwo mußte, mußte, mußte doch Trost zu finden sein. Müde. Es machte sie müde. Sie breitete die Decke aus. Ihre Schuhe klebten an ihren Füßen und die Socken waren feucht. Als Kind hatte sie es geliebt, die Socken am Abend vorsichtig von ihren Füßen herunterzurollen, dann die Flusen zwischen ihren Zehen hervorzupullen, eine Lücke nach der anderen mit ihrem Zeigefinger zu durchfahren. Die Welt von ihrem Körper zu entfernen. Heute ging das nicht mehr. Der Himmel über ihr war einzig blau, er hatte dieses heiße Fahle, daß sie sonst nur kannte aus Erinnerungen an Felder und staubige Wege, an Karren oder Anhänger, auf denen Ernte eingefahren wurde. Getreide wohl, trocken und ohne Duft. Es waren nicht ihre Erinnerungen, sie war nie irgendwo gewesen, nirgendwo, wo die Felder weit standen. Es war eine fremde Erinnerung, eine, die sich hineingeschlichen hatte in ihren Kopf, vielleicht aus einem Buch oder einem Film, und die sie nun mit diesem Blau verband. Erinnerungsimplantate. Ein ganzer Kopf voll. Heute die blauen und grausamen. Kein Trost. Güterzüge fuhren durch die Felder, zogen Waggons. Sie legte sich hin, auf den Rücken, vorsichtig. Sie wollte das, was dort drinnen sein konnte, nicht zerquetschen. Trotz allem. Vielleicht war es ja ein feinporiger, weicher, weißer Pilz, der seine zarten und tastenden Auswüchse durch ihren Körper schickte. Gut. Das gefiel ihr. Sie lächelte. Nahrung werden, übergehen in den Pilz und sich mit ihm gemeinsam dem Menschsein verweigern – und sie würden sich keinen Namen geben lassen.

Weihnachten (auch jetzt schon)

DSC_0004Wie kommt diese Traurigkeit in die Welt, die einem an einem Samstagnachmittag überfallen kann, aus dem Hinterhalt der Zeit? Ich lade sie zur Teestunde ein und setze ihr oder mir (gehupft wie gesprungen) einen Hut auf. Wenn auch das nichts nützt, dann warte ich einfach auf Weihnachten. Auch jetzt schon. Ich mag Weihnachten. Der heilige Mann neben mir nicht ganz, aber er ist vielleicht auch zu alt, und könnte auch ein Problem mit der Entstehung des Ganzen gehabt haben. Ich glaube nämlich, daß er in Wirklichkeit so alt ist, daß seine Heiligkeit eine ist, die mit Gold und Glanz und Tempeln zu tun hat – und nicht mit Stroh und so. Manchmal rieselt auch Wüstensand aus seinen Taschen. So kann er sich jedoch selten Verlaufen. Er muß nur rückwärts über Sand gehen, um wieder zu Hause zu sein. Wobei da das Problem mit dem Strand und dem Meer wäre. Aber wer weiß. Ich baue gerade an einer Krippe, schnitze die Figuren aus dem Holz meines alten Schreibtischbeines, mit feinen scharfen Messern. Ich habe mich dabei schon das ein oder andere Mal geschnitten, so daß an einigen Stellen die Maserung blutrot leuchtet. Ich schnitze, und die Reihenfolge dabei ergab sich aus dem Tischbein, das sich nach unten verjüngte: Ein Baby (rund), drei Schafe (klein, mittel, groß), einen Esel (bringt Glück), Josef (alt, gebeugt), die Hirten (jung, ungelenk), einen Ochsen und dann Maria. Maria ist doppelt so groß wie der Rest und etwas eckig, da das Tischbein es so wollte und ich keine Lust hatte, Schicht für Schicht des harten Holzes abzutragen und mich dabei noch mehr zu schneiden. Also sitzt Maria nun rund und dick und zugegebenermaßen etwas gewaltig geraten neben der Krippe, den kleinen, gebeugten Josef neben sich und grinst. Das mit dem Grinsen kann man mir nicht anlasten, oder nur wenig, denn ich kann beim Schnitzen nur zwei Formen von Mund machen. Grinsend oder tot. Und da habe ich mich für grinsend entschieden, auch bei Schafen, Ochse und Esel. Eine Gesellschaft, die sich um eine Krippe aus einer Seifenschale schart (geblümt), in dem ein Stück angerundetes Holz liegt (klein kann ich auch wirklich nicht so gut) und wie blöde grinst. Vielleicht sollte ich ihnen Teetassen in die Hände drücken. Teetassen nehmen dem Ganzen seine Absurdität. Mein Zylinder sitzt heute so was von schief.

Zirkus Nirgendwo

IMG_0073Manchmal schreibt die Fuchs auch Geschichten für kleinere und größere Kinder. Viele davon spielen in einem Zirkus mit dem seltsamen Namen Nirgendwo. Hereinspaziert!

Die Tiger, das Brüllen und die kleine karierte Frau

 

In dem kleinen Zirkus gab es noch etwas Besonderes, etwas, das kein anderer Zirkus hatte und das die gesamte Truppe mit Stolz und Ehrfurcht erfüllte. Eines Tages nämlich hatten die Tiger aufgehört zu Brüllen. Nicht, weil sie krank waren, nein. Nicht, weil sie Halsschmerzen hatten oder Zahnweh oder Fieber. Nein, die hatten aufgehört zu brüllen, weil sie zu lange unter Menschen gelebt hatten. Es gab keinen Grund für sie, zu Brüllen und die Zähne zu zeigen und majestätisch durch die Manege zu schreiten. Denn sie mochten, wie sie lebten, hatten einen warmen Wagen und bekamen ausreichend Futter, der Dompteur kraulte ihnen nach jeder Vorstellung das Fell. Einmal hatte Jonny Paletti lange vor ihnen gestanden, mit einer Leinwand und einem Pinsel und sie immer wieder mit gerunzelter Stirn angeblickt. Nach einigen Stunden hatte er dann die Leinwand umgedreht und ihnen gezeigt. Ein wildes Bild, voller Dschungelpflanzen, voller dunkler, brauner Erde und tanzenden Lichtflecken. Und mitten drin hatte er sie gemalt, die Tiger, mit blitzenden Augen und scharfen Krallen. Die nassen Dschungelpflanzen mischten sich mit ihren Streifen. Da hatten sie sich erschrocken, hatten gezittert und gefröstelt, als sie zu spüren meinten, wie sich die nassen Blätter des Dschungels mit ihren Streifen mischten und hatten ihre schweren Köpfe voller Angst zwischen ihren Tatzen versteckt. An einem solchen Ort wollten sie nicht leben. Sie lagen lieber in der Sonne und ließen sich das weiche, weiße Fell ihrer Bäuche wärmen. Das Publikum war enttäuscht, die Kinder machten große Augen und Tränen der Enttäuschung fielen auf den mit Sägespänen ausgelegten Boden des Zirkuszeltes, wenn der Dompteur seine gähnenden und verschlafenen Tiger in die Manege holte – und kein Brüllen, kein Fauchen zu hören war. Und dann kam eines Tages nach der Vorstellung eine kleine runde Frau in einem wolligen, karierten Kostüm auf den Direktor zu, die Haare zu einem strengen Knoten zurückgebunden, eine dicke Brille auf der Nase und einen ebenfalls karierten, ordentlichen Koffer in der Hand. Sie schien so gar nicht in den Zirkus zu passen – und der Direktor fragte sich schon, ob sie vielleicht eine Tante wäre, eine entfernte Tante einer seiner Artisten, die zu Besuch war, denn wie eine Tante sah sie aus. Doch die kleine karierte Frau stellte ihren Koffer ab, blickte sich um und fragte: Haben sie eine Aufgabe für mich? Ich suche eine Aufgabe, irgendeine, aber nirgendwo finde ich etwas.“ Der Direktor, der ja sehr groß war und auch noch seinen Zylinder trug, ging höflich in die Knie, um der kleinen Frau in die Augen zu blicken und fragte neugierig, den neugierig war der Direktor ja immer und eine so kleine und karierte Frau hatte er zuvor noch nicht gesehen: Meine verehrte Dame, was haben sie denn früher gemacht?“ Ich kann mich nicht erinnern.“ Die kleine Frau schüttelte mit dem Kopf. Es muß etwas sehr langweiliges gewesen sein.“ Der Direktor nickte bei dieser Antwort, denn auch er hatte, aber das ist eine andere Geschichte, einmal, früher, vor langer Zeit, ganz fürchterliche Langweile gehabt. Vielleicht zeige ich ihnen einfach mal Alles, und dann finden sie sicherlich eine Aufgabe hier. Hier findet jeder etwas.“ Sie gingen vorbei an den Wagen der Artisten, die mit wilden Sprüngen und Verrenkungen Fangen spielten. Der Direktor hielt an und die kleine Frau beobachtete alles ganz genau. Nein, hier ist keine Aufgabe für mich“, sagte die kleine Frau. „Ich kann mich so schlecht verbiegen.“ Der Direktor nickte und sie gingen weiter. Sie gingen vorbei an dem Zelt des Zauberers, der gerade mit einem lauten Knall ein Kaninchen aus seinem Zylinder fallen ließ. Nein, hier ist auch keine Aufgabe für mich. Ich mag es nicht, wenn es so knallt.“ Der Direktor nickte und sie gingen weiter. Sie gingen vorbei an der dicken Seiltänzerin, an dem Clown mit den Pistolen, an dem bunten Wagen von Jonny Paletti und an dem mit geheimnisvollen Zeichen bemalten Wagen der Gräfin, die gerade einem Besucher die Karten legte. Aber nirgends war die Aufgabe der kleinen Frau zu finden. Als sie zum Käfig der Tiger kamen, blickte die kleine Frau auf die dösenden Tiere und schüttelte mit dem Kopf und schnalzte mißbilligend mit der Zunge. Was ist das hier denn für ein verschlafener Haufen. Ihr seid Tiger, ihr müßt doch brüllen und dafür sorgen, daß die Menschen wissen, was es heißt, wild zu sein.“ Aber die Tiger blinzelten nur kurz aus ihren verschlafenen Augen und legten ihre Köpfe nur um so gemütlicher auf ihre Tatzen oder kauten an den großen Karamelbonbonknochen, die ihnen der Dompteur nach jeder Vorstellung gab. Der Direktor zuckte mit den Schultern. Die Brüllen schon lange nicht mehr, sie haben es verlernt.“ Die kleine karierte Frau blickte immer noch versonnen in den Käfig, dann setzte sie ihren Koffer ab, nahm die Brille von ihrer Nase, räusperte sich kurz und holte tief Luft. Sie hielt einen Moment inne, zwinkerte ein- oder zweimal, und öffnete den Mund. Aus ihrer Kehle drang ein lautes, wildes und so tiefes Brüllen, daß die Tiger aufsprangen, sich erinnerten, wer sie waren, die schweren Köpfe schüttelten und ebenfalls zu Brüllen begannen, lauter, wilder und schöner als je zuvor. Der Feuerschlucker verschluckte sich an seinem Feuer und hustete kleine Rauchwolken, die Akrobaten purzelten wild übereinander und das Kaninchen raste vor Schreck wieder in den Zylinder zurück. Alle kamen herbeigelaufen und sahen die kleine Frau an, die mit einem zufriedenen Lächeln vor dem Tigerkäfig stand. Der Direktor nickte weise, rückte seinen verrutschten Zylinder wieder grade und sagte nur: „Ich denke, Sie haben ihre Aufgabe gefunden.“ So kam es, daß der kleine Zirkus der einzige Zirkus der Welt war, der eine Tiger-Souffleuse hatte, die bei jeder Vorstellung vor den Tigern saß und sie daran erinnerte, wie es war, brüllen zu können.

Blinzeln

IMG_0334In meiner Welt gibt es keine Störche, also keine echten. Keine Ringelnattern, nicht sonderlich viele kleine oder große Vögel. Tauben zwar, also fliegende Ratten, zwei Elstern im Innenhof, Möwen, immerhin lebe ich in einer Stadt, die Möwen hat, immerhin, wobei die Möwen hier nicht aussehen, als würden sie Emma heißen, vielmehr heißen sie Ronny, Michi, Kevin, Jan und wie auch immer und so weiter und streifen als Bande zwischen den hohen Häusern umher, auf der Jagd nach einer Taube oder irgendetwas Anderem, was kleiner ist. Sogar Möwen sind in der Stadt so. Also so wenig meiner Welt entzogen. Und jetzt habe ich Störche gesehen, viele, fliegende, freie, echte, mitsamt ihren Nestern in Dörfern, die entweder und zunächst fachwerk- oder klinkerrotstrahlend zu hübsch waren, oder dann einen Großteil ihrer Häuser in dieses Eine, zeitferne, östliche graugraubraun tauchten, mit Geranien vor einfachverglasten Fenstern. Telefonmasten aus Holz. Viele kleine, große, andere Vögel gab es auch, und, bezeugt von weniger welterzwingenden Augen als den meinen, ein Paar Seeadler hoch am Himmel. Ich habe Landschaften gesehen, glaube ich, also irgendwie Zusammenhänge von Dingen, die da sind und sich beschreiben lassen sollten, doch etwas entzieht sich meiner Sprache. In den seerosenüberwucherten Kanälen und wurzelverwachsenen Uferbereichen muß es noch Dinosaurier geben, unsichtbare. Die sind nämlich gar nicht ausgestorben, die haben sich nur der Sichtbarkeit entzogen. Ich bin einfach zu jung. Meine roten Fuß und Fingernägel sehen immer noch so aus wie die, die meine Mutter mir damals erlaubt hat zu lackieren. Übergemalt und verwackelt, bunte Farbe auf ewig Kinderhänden und ungelenken Füßen. Ich kann deshalb wohl nicht über Natur schreiben, dafür braucht man andere Hände. Fahrradreifen auf Plattenwegen, die sich durch Felder, Wälder und Dörfer zogen. Wenn man richtig rollt, ist es wie in den alten Hollywoodfilmen, in denen Schauspieler in stehenden Autos sitzen, und Kulissen an ihnen vorbeigezogen werden. Die Fugen zwischen den einzelnen Platten, oder vielmehr das Blinzeln der Filmrolle. Das Blinzeln ist das, was Ahnung genannt wird, oder? Ich mit meinen Kinderhänden weiß es nicht so genau. Das graugraubraun der Häuser könnte auch der Pappmaché geschuldet sein. Dinge, von denen man nichts hätte wissen sollen wollen. Der eine kleine Mensch neben mir im Boot, sechs Jahre alt. Große Augen, die alles sehen. Und hoffentlich, da ich nicht immer weiß, wie ich noch mehr erinnern soll und kann, wenigstens für ihn die Erinnerung an den einen Sommer, wo Deutschland Weltmeister wurde, er in einem roten Plastikkajak saß, es Nudeln vom Gaskocher gab, er Abends die Gespräche der Erwachsenen durch die dünnen Zeltwände belaschen konnte, Mücken ihm die Beine zerstachen und alles, alles, alles nach Sonnencreme und Sommer roch.

Ruhrpoeten I

Es gibt einen feinen, kleinen Verein, der sich sehr achtsam und liebevoll um Wörter und so kümmert. Wörter, die aus dem Ruhrgebiet kommen oder wieder da hin wollen. Unter www.ruhrpoeten.org findet man mehr. Es gibt auch einen Wettbewerb.

Blaue Pfützen

FroschWo das Ich hier gestern, oder auf jeden Fall irgendwie früher, noch über Zauberer und Hochstapler sprach, wird es jetzt, oder auf jeden Fall irgendwie später, ein wenig erschüttert vorgefunden werden. Es befragte, es stand ein und es wurde – immer schön folgerichtig – Anklage erhoben. Plötzlich fand es sich – am eigenen Schopf geschleudert – zwischen dem Tiger und der tätowierten Dame wieder. Und die Landung war nicht weich. Irgendein Bühnenbildner hat vergessen, den Misthaufen an die richtige Stelle zu rollen. Und so trafen sich Pflasterstein und Schwerkraft auf erstaunlich vorhersagbare Weise und bildeten einen blauen Fleck. (Der Pointe willen einer, der aufgrund seiner Lage nur verstohlen gerieben werden kann.) Hier an dieser Stelle sei gesagt, in tiefer Freundschaft zu der oben bezeichneten Dame und mit Angst vor dem Streifentier, daß eben jene Umrisse nun ewiglich auf der Haut stehen bleiben. Und die vorher mit Kugelschreiber gemalten Bildchen werden dem Regen preis gegeben. Das Kaninchen fraß nicht den Zylinder, sondern das Kabel – das falsche, denn Kaninchen sind farbenblind – und die blöde Uhr beginnt erneut (keine Zeit, keine Zeit) abwärts zu zählen.

Zeichen und Wunder, vielleicht

KanienschenDas Atelier Schweinfurt und Grün und somit der Arbeitsplatz der Fuchs ist für die nächtsten Wochen ein Teil von Signs und Wunder.

Mist, jetzt habe ich meinen Zylinder vergessen. Oder das weiße Kaninchen hat ihn aufgefressen. Was ganz schön schlau von ihm wäre. Also dem Kaninchen. Meine Bezüge sind noch nicht so sauber heute. Kein Waschtag. Darf ein Zauberer seine Tricks verraten? Der da neben mir wohl nicht, das hat er geschworen, irgendwie, irgendwo und auf irgendetwas Heiliges, wobei ich ja noch nicht mal wüßte, ich wüßte ja nicht, was dieses Heilige wäre, das meinen Schwur bände – also bin ich in diesem Spiel wohl doch der Hochstapler, der seinen Trick zu oft benutzte und daher ins Gefängnis mußte. Dort wird er (bei Brot und Wasser) immer und immer und immer wieder gefragt, warum ihm die Leute, die Menschen da draußen nur geglaubt haben, warum die vielen Frauen ihn liebten und ihm Geld gaben, warum bloß, so, wie er nun da sitzt auf dem am Boden verschraubten Stuhl, mit seinem kleinen, schwabbeligen Bauch und dem fettigen Haar und den tapsigen, feuchten Händen? Wo ist der Zauber versteckt? Warum bluten seine Hände nicht? Was er wohl versprochen hat? Den Damen den Teufel oder dem Teufel die Damen? Ob seine Seele dabei, nein, meine Seele, von der ich auch nicht weiß, ob sie einen Schwur bände, (Heinrich fragen, der hat Erfahrung mit solchen Bändern), nein, andersherum, ob seine Seele auch auf dem Spiel stand? Doch seine, meine, deine kleine Seele will eh keiner haben, eh keiner haben, haben will man die nicht. Habenichtsseelchen. Aber psst – so tun als ob, nicht vergessen, immer den Schein waren, es sollen doch schon Könige darauf reingefallen sein. Vielleicht wird es ja bei ausreichender Behauptungslage doch noch wahr. Aber dann müßte ich ja an Zeichen und Wunder glauben. Und anders als Thomas, der Umkipper, bin ich da nicht so leicht zu überzeugen. Einige der Besucher werden in einem schwarzen Wagen (ja, Gondeln und so) durch die Straßen vor meinem Fenster gefahren. Kein Witz, ein scharzer Charon oder so. Womit sie wohl bezahlt haben, da Goldmünzen hier doch eher selten zu bekommen sind? Zu Alice sagt das Einhorn jetzt doch schon etwas eindringlicher: „Wenn Du mich für wirklich glaubst, werde auch ich dich für wirklich glauben.“ Aber jeder Lügner weiß: Zuviele Wiederholungen machen die Sache unglaubwürdig.

Also, wird das passieren, wenn hinein statt hinaus geblickt wird?

Sonstwo

Meine Räume bewegen sich an Tagen wie diesen. Der lange Flur, auf dem das Sofa steht, der Tisch, die leere Kommode (was sollte auch hinein, es ist ja noch nicht mal genug da, um das Leben auszufüllen, das wie zu groß gestrickte Socken an den dünnen Gelenken hinabrutscht und sich in Falten legt), der lange Flur also kippt wie eine Schiffschaukel auf und ab. Vielleicht ist der viele Regen daran Schuld und hat den Boden, auf dem das Haus steht, aufgeweicht. Ich sollte der Welt an solchen Tagen intellektuell begegnen, dann könnte ich mich zumindest der Illusion hingeben, daß ich das Kippen selbst erzeuge – und beherrsche. Solange alles in meinem Kopf stattfindet, findet es zumindest in meinem Kopf statt. Und nicht in einer irgendwie aus dem Gleichgewicht geratenen Welt. Insoweit, und ich mag trotz der schiefen Flure an Tagen wie diese solche Worte benutzen, die wie Gummibälle hüpfen und seltsam tröstlich schmecken, insoweit ist die Flucht in eine wie auch immer gelb gefärbte Moderne vielleicht gar nicht so mutig, wie ihre Vertreter es glauben machen wollen. Der Tiger in meinem Kopf (doch noch irgendetwas behalten von damals) ist vielleicht eine Dame und kann mich nicht fressen mit Haut und Haar. Dafür müßte ich mich ja auch zunächst mal wieder umstülpen – also damit der Tiger an die Haare kommt. Der Tiger jedoch, der hinter den Mülltonnen in meinem Hinterhof lebt und die danebengestellten Tüten mit seinen schwarzen Krallen zerfetzt und dessen Atem ich jedesmal spüre, wenn ich dort unten war und mich eilig umwende, zurück zur Tür im schützenden Klinkerrot, der Tiger dort unten könnte mich fressen. Von Außen nach Innen und wieder zurück. Da könnte ich mich stülpen, soviel ich wollte. Und dann würde er meine Knochen in seine zarten Pfoten nehmen, brechen und ausschlürfen. (Er ist ein Genießer, so wie es sich heutzutage gehört und tupft sich nach einer solchen Tat zart und delikat die Lippen ab.) Aber da ich ja nicht intellektuell bin, sondern SONSTWO – was trotz des Tigers ein besserer Ort ist, weil es dort Hummeln und Honig gibt und ein schiefer Flur für einen Clown eine Steilvorlage ist, und kein Hindernis – muß ich mich wohl oder übel an bewegende Räume gewöhnen. Aber da ich jemanden habe (fast ganz, nur nicht sein linkes Ohr, das nicht) der die Flure mit mir auf dem Hosenboden hinabschlittert, ist alles gut. Auch an Tagen wie diesen.

Was eine Leiche ist (Sonne vor dem Atelier)

IMG_0069

Ich habe Leichen gefunden, nur Spiel, ja das sind tote Menschen, wo man die Knochen sieht, alle in meiner Klasse denken, das ist eine echte Waffe, er ist mein Bruder, rede nicht mit ihm, darf man mit dir reden, rede mit mir, wenn du damit schießt, dann sind aus Spiel alle tot, tot, puff, tot, im Spiel, wenn du Alpträume bekommst, dann komm nicht zu mir, du bist kein Kind, in Spaß bist du 13 Jahre alt, du darfst unschuldige Menschen nicht erschießen, vier Räuber auf einmal, das mußt du den Profis überlassen, Hände hoch oder Hose runter, eine kleine Maus, puff ich wurde getroffen, aua, aua, wenn man getroffen wird, stirbt man manchmal und manchmal nicht, oder was machen sie da, ist das ein Computer, was schreiben sie, psst, eine Kugel in den Rücken, getroffen, bin schon groß, muß die Augen nicht zu machen, bin schon 18, 13 bist du im spiel, oder, darf ich damit fahren, ist das wirklich dein Roller, willst du das, das ist ein fernrohr, ne, das geht gar nicht, das Messer kann ich gebrauchen, nur im Spiel, oder wir graben das ein, ja, das ist aus Spiel eine Bombe, nicht in meinen Blumen, bitte, eine Biene, die sticht, das ist eine Hummel, laßt sie in Ruhe, es brummt, brummt, nicht gegen die Scheibe klopfen, puff, sie sind tot,

gar nicht, nicht nie,

denn ich spiele gar nicht,

nie mit.

Umsichtig

Bild009Zehn Jahre verschwunden zu sein aus dem eigenen Leben, aus dem kleinen Dorf, in dem sich reetgedeckte Häuser um den Marktplatz schmiegten, in dessen Mitte ein Freibad mit blauem, so blaustrahlendem Wasser lag, und um das herum mit Sägespänen ausgestreute, verschlungene Wege durch den dichten Wald führten, in dem es immer schneite, immer kleine, flauschige Flocken schneite. Kinder, die ihre Spielzeugflugzeuge und mechanische Vögel aus Stoff und glitzernden Steinen mit großen, schwarzen Fernbedienungen steuerten und jubelnd Loopings fliegen ließen, Boote aus Papier auf das Wasser des Schwimmbeckens setzten und dann pusteten, um sie in Bewegung zu versetzen. Ich war wieder da, stand an geöffneter Tür, einen Becher mit dickflüssigem, schwarzem Kaffee in der Hand, blickte hinaus und versuchte mich zu erinnern. Keiner wußte oder konnte mir sagen, wie ich gegangen war vor so vielen Jahren, vielleicht, so sagten einige, vielleicht die, die weise waren, vielleicht wäre ich auch einfach nur eingeschlafen – dort oben, auf dem geduckten Dachboden des Hauses, zwischen Kisten und alten Möbeln, auf dem alten grünen Sofa, dessen samtiger Bezug an einigen Stellen schon seidig glatt gescheuert war. Und statt auf geheimnisvollen Wegen wieder zurückzukehren, wäre ich dann schlicht aufgewacht, nach langer Zeit, und die Treppe herunter gestiegen in die Küche, wo der Kaffee noch warm stand, nach so langer Zeit, und wo ich dann die Tür geöffnet hätte und auf das Dorf blickte und auf das blaue Wasser, nach so langer, langer Zeit, und mich versuchte zu erinnern, nach so so langer, langer, langer Zeit, wer ich war und wer ich sein würde, hier an diesem fremdvertrautem Ort. Menschen liefen vorbei, trugen leuchtend gelbe Westen, Mützen auf den Köpfen, kleine Atemwolken, denn die Luft war kalt an diesem frühen Morgen, schwebten vor ihren runden Mündern. Sie grüßten mich, erkannten mich oder versuchten sich zu erinnern, wer ich gewesen hätte sein können. Die Kinder kannten mich noch nicht oder schon nicht mehr, wer weiß das schon. Ich nickte ihnen zu, versuchte, ihren Gesichtern einen Namen zu geben, sie, die sie durcheinander liefen und in kleinen Gruppen miteinander murmmelten, zu ordnen – aber ich konnte es nicht, weil ich zu viel vergessen, nach so langer Zeit, vergessen hatte in den zehn Jahren, die ich vielleicht schlafend weit oben auf dem Dachboden gelegen, auf dem grünen Sofa, vielleicht, oder die ich vielleicht doch woanders gewesen war, vielleicht außerhalb des Dorfes, weit weg von dem Schneeflockenwald, dessen Boden jedes Geräusch der Schritte schluckte und so süß nach Sägespänen roch. Ich drehte mich um und blickte in die Küche hinter mir. Ich sollte einkaufen gehen, denn das tat man doch, nach so langer Zeit, mir neue Kleidung besorgen, deren Farben passen würden in das Dorf, und Kekse, süße, malzige Kekse, die ich vorsichtig knabbern könnte, während meine rechte Hand die schwere Kaffeetasse hielt. Vielleicht würde ich Freunde treffen, Bekannte. Man würde mich erkennen und begrüßen, erstaunt fragen, wo ich denn gewesen sei, man hätte mich vielleicht ja sogar vermisst und dann würde vielleicht die Kassiererin hinter der schweren bronzenen Kasse, die auf dem Tresen stand, hinter dessen gläsernen Front kleine, mechanische Hummeln lagen, die man mit einem Schlüssel aufziehen könnte, und die dann zwischen den Schneeflocken ihren Weg suchen würden, vorsichtig, umsichtige, denn die mit Seidenpapier bespannten Flügel dürften nur nicht nass werden, sie rissen dann, auf jeden Fall würde mich die Kassiererin dann vielleicht ansprechen und ich würde dann meinen Namen hören und wissen, wer ich hier in diesem Dorf gewesen war, vor so langer Zeit gewesen war, und jetzt wieder sein konnte.

Seekranke Matrosen

IMG_0016Hinter den Abteilfenstern war es diesmal ziemlich voll. Es sind so viele Maschen fallen gelassen worden, mein warmer Pullover ganz löchrig von Welt. Vielleicht aber haben sich einfach Wintermotten unter ihn geschmiegt und meinen Hummeln Konkurrenz gemacht. Zu Alice sagt das Einhorn so ungefähr: „Wenn Du mich für wirklich glaubst, werde auch ich dich für wirklich glauben.“ Solange wir uns gegenseitig bestätigen, bilden unsere Worte eine Achse, um die sich die Welt drehen mag. (Punkt gesetzt am Ende, zögerlich.) Alice trinkt die Flasche trotzdem aus. Ein opiumsüßer Geruch durchdringt den Raum. Hektisch Versuche, ihn wegzuwedeln. Zu riskant, man könnte sich ja als Kreisel wiederfinden, der durch die Welt gepeitscht wird. Dann doch besser behaupten, mit einem Sprung rückwärts über die eigene Schulter, da wäre doch Gold in den Dingen zu finden. Und vergessen, daß die Kathedrale nicht aus Stein, sondern aus Licht gedacht ist. Nenene. So nicht. Rückzieher, auch Fallrückzieher, sind gegen die Regeln. Es ist zu spät, um mit dem Zufall liebzuäugeln. Der Zug ist weg, mit Volldampf. Warum bloß?“ fragen die kleinen, knubbeligen Wesen die Räubertochter, die mit ihrem Fuß in deren warme Stube eingebrochen ist. „Warum denn bloß?“ Die Dämmerstunde ist voller solcher Fragen. Ich habe in ihr eine weinrote Katze gefunden, die linke Pfote samtigbraun. Was ich mit ihr anstellen soll, weiß ich noch nicht. Im Moment spielt sie mit den Löchern in meinem Pullover. Die Züge sind voller seekranker Matrosen, die nach Hause wollen. Ganz grün im Gesicht und die schwarzen Seesäcke riechen salzig und klamm. Sie fahren aus den Bergen, wo sie ihre Schiffe auf Grund gesetzt haben, zurück zur See. Dort trinken sie süßen schwarzen Tee, stricken dicke Pullover und warten auf den ersten Schnee.

Zugfahrt. Im Winter

der Mond – ein bleiches Gesicht

im Schein des Fensters.

Bud Spencers Lachen

Du sagst: „Geh nicht weg!“ Ich frage: „Wieso, wieso bloß soll ich bleiben?“ Du sagst: „Weil ich sonst so alleine bin und mein Atem in meinen Ohren rauscht und mein Herzschlag sich über meinen Körper legt und ich mich wiege und meinen Kopf gegen die Wand lehne und meine Hand vor den Mund führe. Ich hauche dann in meine Hand und sage Deinen Namen, damit er wieder zurückgeworfen wird von ihrer gewölbten Fläche und mich triff wie mich Deine warme Hand immer getroffen hat, wenn Du mir gute Nacht gesagt hast und mir über die Haare gestrichen hast und die Tür offen gelassen hast, gegen die bösen Geister, die in den Ecken und in den dunklen Winkeln der Welt wohnen.“ Ich frage: „Soll ich Dir eine Geschichte erzählen, bevor ich gehe?“ Du sagst: „Eine Geschichte wie früher. Mit Raketen und Raumfahrern und Westernhelden, voller Drachen und Abenteuer. Voll von Welten, die besser waren als die, in denen Du gerade wohnst, und die Dir so klebrig und schwer sagen, daß Du in ihnen bleiben sollst. Früher hast Du mit ihnen jongliert, anstatt Dich von ihnen in die Knie zwingen zu lassen. Geh nicht weg!“ Ich sage: „Ich glaube, Darum weiß ich nicht mehr.“ Du sagst: „Vielleicht tut es weh, wenn man etwas Schönes sieht, weil man weiß, daß es gehen wird, daß es nicht bleibt, daß vielleicht Nichts bleibt. Aber solange Du bleibst, noch ein wenig, und nicht gehst und ausziehst aus den Welten, die wir teilen können, solange Du bleibst, ist es doch das Wehtun wert, oder?“ Ich sage: „Kitsch!“ Du sagst: „Früher hast Du Kitsch gesagt und dabei Deine Augenbrauen zusammengezogen zu einem dicken Balken und gelacht. So ein bißchen so, wie Bud Spencer lacht, wenn der Bösewicht ihm mit einem abgebrochenen Stuhlbein auf den Kopf schlägt. Natürlich passiert Bud Spencer nichts, denn er weiß um seine Kraft.“ Ich sage: „Ich bin müde manchmal.“ Du sagst: „Warum sitzt Du nicht alt und weiß und irgendwie rosig, denn so habe ich es mir vorgestellt, auf der Bank vor dem Haus und guckst dir die Welt an?“ Ich sage: „Wie soll ich denn gucken?“ Du sagst: „Erstaunt, nicht nur erschrocken.“ Ich sage: „Ich werde es versuchen.“

Salz und Hefe

Salz und HefeIm Norden, wo die Wolken vom Wind über den Himmel getrieben werden, und sich ihre Schatten auf dem Sand mit meinen Schritten mischen, hier im Norden lege ich meine Hummeln ab. Es ist ihnen zu windig. Es riecht nach Salz, und die feuchte Luft würde ihr feines Fell verkleben. Und so laufe ich, in schwarzes Ölzeug gekleidet, doch eigen nackt durch diese Luft. Neben mir läuft der Handschuhsucher und trägt seine Kamera schwer in der Hand. Feiner Sand legt sich auf die Objektive und kuschelt sich in seine Augenbrauen. Doch überfällt er die Welt nicht, versucht nicht, Uneinfangbares einzufangen, sondern fällt in den Sand und legt seine Wange sanft auf ihn, um im Kleinsten und Allerkleinsten zu photographieren, zu zeigen wie sich, an diesem zwischen Wasser und Himmel geduldeten Stückchen Land, die Grenzen zwischen Organischem und Anorganischem aufheben. Er sinkt so regelmäßig auf die Knie, als würde er sich an etwas Altes, sehr Altes erinnern. (Vielleicht war er auch einst ein Alchemist?) Ich suche derweil Steine, die, erstarrt und getrieben, gerieben und poliert, mühsam von Wellen an Land in den Sand getragen wurden. Ich wähle aus, entscheide, wer doch nicht Gleicher unter Anderen, wer erhoben und erwärmt einen Platz in meiner Tasche findet. Und ich werfe wieder fort, enthebe sie meines Blickes und meiner Hand. Lasse sie zurück. Möchte auch Sand sein irgendwann. Ich steige in das Auto, fahre los, die eine, einzige und gerade Straße, will Holz kaufen, oder süßen, klebrigen Kuchen, der nach Hefe und Marzipan riecht. Ich frage mich dann, wie es wäre, diesen Weg jeden Tag zu fahren, das Holz nicht zu kaufen, sondern zu verkaufen, in einer kleinen Hütte vor meinem Haus, und den Kuchen nicht zu essen, sondern meine Hände in den Teig zu tauchen und ihn zu formen. Es ist die schon ziemlich müde gewordene Sehnsucht nach etwas Benennbaren. Meine Hummeln hätten jetzt zornig gebrummt. Aber hier oben fehlen sie mir.

Verweis

Wildgänse bringen Glück. Wie Esel auch. Das wird so gesagt.

Ein Schwarm, nicht vier, nicht fünf, nicht sechs, nicht sieben, sondern Viele.

 Im Auto sitzen und ein kleines Stück mitfliegen. Von Dort einige, von Hier mehrere, von Da noch ein paar mehr.

Sie fliegen fliegend umeinander her. Nur um es den Spatzen und den Möwen zu zeigen.

Sie formatieren sich dann zu einem krakeligen V

und ziehen über

den Fjord

davon.

 

Liebe Freunde,

die Fuchs zieht es für zwei Wochen in den Norden. Zum Dezemberanfang kommt sie von dort wieder nach hier. Oder auch umgekehrt. Da hat sie die Zugrichtung der Verweise noch nicht beschlossen.