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Alte Frau

AltesPaarWohin des Weges, alte Frau? Wohin wirst du, so grau und rund, von deinem Rollator gezogen? Auf was für ein Leben blickst du zurück? Eines voller Suppe und Käsekuchen mit Streuseln? Oder auf eines, daß spitz und salzig auf der Zunge liegt? Ist dein Rücken gebeugt, weil du so viel gelacht hast, daß du irgendwann nicht mehr aufrecht stehen konntest – oder beugst du dich, weil du dich nicht mehr im Spiegel ansehen konntest? Sprichst du mit dem Mann oder dem Hund neben dir, erzählt ihr euch Geschichten von Früher und benutzt vertraute, fast schon heilige Worte dabei – oder schweigst du sie an, schweigst sie an in dem traurigen Wissen, daß nichts, absolut nichts nicht schon tausendundabertausendmale zwischen euch gesagt worden ist? Wartest du gespannt auf das, was kommt, wenn du die Augen nicht mehr öffnen wirst – oder bist du nur noch da, weil die Angst dich hält? Was hattest du zum Frühstück? Würdest du, wärest du nicht so nackt, sondern bekleidet, kratzige, wollige Schlüpfer tragen, praktische Baumwolle oder kühle Seide? Riecht deine Seife nach Lavendel, oder badest du deine alte und transparent gewordenen Haut in Milch und Honig? Wer ruft dich noch zu deinem Geburtstag an? Feierst du ihn, mit Pauken und Trompeten, mit Eierlikör und Sahnetorte? Wird deine Todesanzeige in der der Zeitung stehen? Wer bezahlt für deine Beerdigung? Kannst du dich noch daran erinnern, wie der Wind an der Nordsee riecht? Oder riechst du nur noch nach Mottenkugeln und Hühnersuppe? Wer nimmt dann den Hund? Welche Bücher liegen auf deinem Nachttisch? Darf Dr. Stefan Frank mit dir ins Bett – oder liest dir der alte Mann immer noch Geschichten vom Klabautermann vor? Hast du jemals ein Kind unter deinem Herzen getragen? Oder trägst du dein Herz immer noch auf der Zunge? Was bereust du? Beugst du vor irgendetwas deine schmerzenden Knie? Welche Fehler würdest du immer und immer und immer wieder machen? Lachst du über die Geschichten der anderen oder erzählst du selbst die Besten? Erinnerst du dich abends daran, was du morgens gemacht hast? Weißt du immer deinen Namen? Und wer dort neben dir geht? Könntest du alle Wohnungen aufzählen, in denen du je gelebt hast? Sitzt du traurig in der Dämmerstunde auf deinem Sessel und blickst in die matter werdende Welt? Oder schaltest du doch energisch das Licht an? Wonach sehnst du dich, wenn die Herbstblätter auf nassen Haufen liegen? Wohin des Weges, alte Frau, wohin?

Elefanten und Tango

ElefantenJemand fragte mich, ob ich nicht mal ein bißchen lustiger sein könnte. Weniger ernst und schwermütig. Ich sagte, daß ich mich schon komisch genug finden würde. Und dann noch, daß ich, wenn überhaupt, wehmütig sei, nicht schwermütig. Schwermut sei etwas für alte Männer und heiße Hochsommertage, an denen die Luft so unverschämt flimmert. Der Jemand sagte dann noch, daß ich mich dann aber nicht wundern solle, wenn mich keiner veröffentliche. Denn Wehmut sei nicht gefragt. Wehmut sei noch altmodischer als Schwermut. Und die sei ja schon ewig nicht mehr angesagt. Außerdem sei ich eine Frau und daher kein geeigneter Kandidat für überhaupt einen der beiden Zustände. Darauf fiel mir erstmal keine Antwort ein.

Im Zoo, da leben Elefanten. So wie im Wald die Räuber sind. In dem Zoo der großen Stadt mit dem großen Hafen und den Menschen, die so wenig sprechen leben Elefanten. Sie sind groß und grau und schaukeln hin und her, als würden sie die ganze Zeit finnischen Tango hören. Ich weiß nicht, ob sie schaukeln, weil sie eingesperrt sind, aber man kann es vermuten, da ja auch Menschen beginnen zu schaukeln, wenn es ihnen eng wird ums Herz. Wenn ich sie besuche, bin ich mir ziemlich sicher, daß sie in ihren Köpfen das hören, was für mich finnischer Tango ist. Beim finnische Tango tanzt man nicht auf Zehenspitzen, man verzerrt seine Gesichter nicht so, als hätte man gerade auf etwas Bitteres gebissen. Man geht, die Knie leicht gebeugt, die Augen meist geschlossen, langsam, ruhig, sanft. Finnischer Tango ist dann gut, wenn er im Dunkeln getanzt wird. Und man darf lachen. Weil es komisch ist, und traurig und schön. Ich habe also Wehmut, Elefanten und finnischen Tango. Ich hätte es wahrlich schlechter treffen können.

Galaxien voller Goldstaub

sprungturm-linolDas könnte jetzt die falschen Erwartungen wecken. Also der Sprung ins Wasser, und ihm zuliebe dann bitte auch von einem Sprungturm aus, mindestens siebenkommafünf Meter. (Zehn sind mir zu glatt.) Töte ich jede Ahnung, jede Gestimmtheit, vielleicht jede Idee, jede Figur, jeden Hauch eines Gesichtes, jede Geste, wenn ich, nun ja, wenn ich versuche, sie in Form zu fassen? Oder ist mir egal, daß ich Ahnungen oder Gestimmtheiten töte, so, wie es mir egal ist, ob sich das Universum gerade auseinanderstreckt (wohin nur, wohin) oder zusammenfällt (woher nur, woher)? Vielleicht gähnt es aber schlicht auch einfach. So wie die Riesen in den Märchen, die aussehen wie Berge und sich dann strecken und Steine rieseln und Bäume fallen. Wenn das Universum gähnt, dann verschieben sich Galaxien. Verschiebt sich mit ihnen dann der Sinn? Würden wir, die wir ja Teil des Ganzen sind (ach wenn, ach wenn das nur stimmen würde, das mit dem Teil sein… aber es ist ein Märchen, wahrhaftig ein Märchen), es überhaupt bemerken? Vielleicht würden nur die starrsinnigsten unter uns auf ihrem Platz beharren – und wären somit für die Verschobenen verschroben. Der schönste Riese ist der Scheinriese in Jim Knopf. Der, der von weitem ein Riese ist und mit jedem Schritt an seiner Riesenhaftigkeit verliert. Ich weiß noch, wie fasziniert ich als Kind davon war. (Lesen, erneut!) Mehr als vom Universum. Ich falle immer noch, aber etwas sanftmütiger gestimmt durch den Gedanken an den ängstlichen Scheinriesen, und bereue es gerade vielleicht, daß ich nicht doch das zehn Meter Brett genommen habe, denn der Aufprall kommt näher – und ein Nachteil davon, auf Wasser laufen zu können (psst, geheim), wird mir gerade unangenehm deutlich. Vielleicht hilft zu denken: Nicht ich falle, sondern die Welt stürzt auf mich zu. Wobei die Frage zu stellen ist, was besser sein könnte: Mein Fallen (immerhin eine Handlung, daran könnte man glauben, glauben könnte man), oder das stetige Stürzen der Welt? Immerhin gäbe es eine geringe Möglichkeit, daß nicht ich an der Welt, sondern die Welt an mir zerbricht. Wenn ich die Musik nur laut genug drehe, könnte es spaßig werden. Wenn ich stolpere oder mich stoße, was ich ja ständig tue und wovon die blauen Flecke unter meiner Haut feixend erzählen, hat vielleicht auch schlicht die Welt Schluckauf. Und nein, ich brauche keine Brille, denn eine solche Brille, die verhindert, daß ich in die Schluckauf-Stoßwellen der Welt gerate, gibt es nicht. Sinn: Goldstaub? Wohl eher der bittere Geschmack des Schluckaufs bevor die Wasseroberfläche die siebenkommafünf Meter zurückgelegt hat und mich trifft. Es knallt. Ich lache. Der Regisseur sagt: Bitte mit weniger Pathos. Frechdachs.

Hummeln und Welt

PlüschmorsWenn ich wollen würde, könnte ich vielleicht Hummeln haben, die sich bei Kälte mit ihren warmen, pelzigen und brummenden Körpern auf mich legten. Ihre Flügel würden kitzeln und alles wäre gelb. Pollengelber weicher Staub auf meiner Haut. Ich war einmal mit einem Blätter-zurück-an die Bäume-Kleber zusammen, aber der Geruch nach Lösungsmitteln war mir zu stark. An einen anderen erinnere mich noch schwach. Ich sehe, wie ihm der klebrige, ätherische, fast schon vergorene Saft von Mangos über das mit braunen Stoppeln bewachsene Kinn tropfte. Jetzt liebe ich einen Heiligen, aber er hat seine Attribute verloren, wahrscheinlich sind sie ihm während der Überfahrt ins Meer gefallen. Seine Schädelknochen erzählen anthropologische Geschichten. Ich habe seinen Namen vergessen. Vielleicht hat er aber auch keinen. Wird nicht durch das Bezeichnende entstellt. Er wohnt über einer Kellerwohnung, dessen vorheriger Mieter sich auf der Flucht erschossen hat. Tragische Komödien soweit mein Auge blickt. Der Schuss, der meinen Nachbarn tötete, war ein synkopischer. Ich habe es gehört und mich gefragt, wer die Waffe führte. Er war einer der Helden. Wie He-Men. Nur ohne Schwert und Tiger. Aber seine Augen hatten es. In ihnen gab es ständig Fehlzündungen. Und dann flackerte mein Heiligenschein. Ich sitze in der Tür zum Atelier, er malt. Es stinkt. Statt Blütenduft Leinöl und Terpentin. Vielleicht mögen meine Hummeln aber auch das. Berauschen sich an den Neonfarben. Oder werden blind und fliegen gegen die nächste Wand. Peng. Vielleicht klingt das ganze dann wie eine Gewehrsalve. Die feinsten und gemeinsten Pinsel dieser Welt werden aus den Haaren von Hummeln gemacht. Damit haben schon früher die, die geheim waren, Geheimes geschrieben, das bis heute geheim geblieben ist. Darum weiß das auch keiner. (Außer mir, weil ich manchmal so alt bin.) Die Tür zum Atelier ist ein Fenster, das Fenster ist in einem Zug. Der Zug rollt durch die Welt. Ich sitze und blicke und lasse die Menschen auf mich einstürzen. Ab und zu vielleicht Wind. (Mit Glück.) Alle paar Wochen muß ich mich entleeren. Muß mich ausstülpen und mich wenden. Es klappt nicht immer, und es tut weh. Wenn ich Außen bin, dann streifen meine feinsten Härchen die Welt und es brennt. Dann riecht es nach verbrannten Haaren und ich muß weinen. Manchmal, selten, ist es gut. Dann ist es weich und weit wie Himmel und – ich weiß nicht, was dann passiert, denn dann stülpe ich mich um. Es macht Peng (das Geräusch einer Hummel, die gegen eine Leinwand fliegt und dort in der feuchten Farbe kleben bleibt) und es tut weh. Ich und meine Hummeln sind dann müde und stürzen uns wie zuvor die Welt auf den Heiligen Mann, der nach Terpentin und Leinöl stinkt und über dessen Bartstoppeln der Saft vergorener Früchte geronnen ist. Wenn er wollte, könnte er Blätter zurück an die Bäume kleben und den Himmel leer pusten. Doch er blickt mit mir zusammen hinaus aus dem Abteilfenster und läßt alles vor sich hin welten. Wir haben keine Welten, nirgendwo, aber die, die wir blicken, sind kompatibel. Kompatibel eigensinnig. Die Menschen starren mich an. Ich weiß nicht wieso, aber vielleicht sehen sie, wie unter meinen weiten Pullovern die Hummeln brummen.

M.Fuchs

Zunge

Kopffüßler

Bin ich schlau? Die Frage stellt sich doch, oder? Also nicht die Frage, sondern die Anzweifelbarkeit des Sachverhaltes. Auf jeden Fall schreiben andere Menschen schlauere Texte und Bücher. Bei mir tropft manchmal nur die Melancholie und der Kitsch wie süßer, klebriger Honig durch die Seiten. Manchmal weht auch Wind. Aber wenn meine Seiten essbar wären, würde ich sie gerne essen. Aufgabe: Überlegen, welche Bücher ich essen mögen würde, und welche ich (da sie zäh, ungenießbar, staubtrocken, bitter, übersäuert, versalzen, laff, schal, verdorben oder chemisch süß wären) ausspucken würde. Zurück: Aber richtig schlaues, durchdachtes, überlegtes, geplantes Denken und Schreiben? Eher nicht. Ich spiele ja auch kein Schach. Es ermattet mich. Außerdem bin ich die weltallerschlechteste Verliererin. Deshalb halte ich es wie Karlson vom Dach und beweise mich in Dingen, deren Erfolgswert ich selbst bestimmen kann. Das ist das tolle am Schreiben. Ist man erfolgreich, ist man erfolgreich und gut – ist man nicht erfolgreich, ist man verkannt. Fast noch besser, als bekannt zu sein, nur finanziell etwas trostloser. Aber ich halte mich ja über Wasser, in dem ich mich mit purem Eigensinn umgebe und Menschen betreue, die ich um einiges weniger ermattend finde als den Rest der Welt. Was mich wieder zurückwirft auf die Anfangsfrage. Bin ich schlau? Schlau genug, um mehr Teile meines Lebens glücklich gewesen zu sein als unglücklich. Das ist festzuhalten. Und schlau genug, nicht Schach zu spielen. Trotzdem: Sogar meine Konjunktive hüpfen ungeordnet durch die Sätze. Aber ich bin ja auch nicht Kant. (Und dafür sehr, sehr dankbar.) Wonach dessen Bücher schmecken? Ich glaube, wie Brotsuppe. Wobei ich noch nie Brotsuppe gegessen habe. Ich meine also eigentlich, und da sollte ich mich doch klar ausdrücken, sie könnten wie die Idee von Brotsuppe geschmeckt haben. Manchmal hätte ich gerne etwas mehr Eigensinn. Aber ich hoffe ja, daß das ansteckend ist. Meine Zunge fühlt sich auch heute schon etwas größer an als gestern.

M.Fuchs

Insekten und Geist

Ich, klein und skeptisch

Was ich über Insekten weiß: Sie sind viele, und meistens klein. Alle sehen aus, als ob sie weiblich wären, Königinnen einer alten Religion oder Herrscherinnen über entfernte Planeten. Sie krabbeln, und das mag ich nicht, sie sind so klein und schnell. Ich sehe, wie sie in meine Nase und meinen Hals krabbeln und ich daran ersticke. Wahrscheinlich wollen sie mich gar nicht töten, sondern diese Krabbeln liegt in ihrem Naturell. Sie haben Beine, mehr als ich, und ich muß sie zählen, um zu wissen, ob sie Käfer oder Spinnen sind. Asseln sind Krebstiere und noch mal etwas ganz anderes. Sollte es jemals zur atomaren Katastrophe kommen, werden die Asseln auf jeden Fall überleben. Sie überleben wahrscheinlich so ziemlich alles. Viren und so sind auf uns angewiesen, bzw. auf warme und atmende Wesen in denen ein Herz schlägt, und würden mit uns untergehen, aber Insekten brauchen uns nicht. Glaube ich. Schlägt in Insekten eigentlich ein Herz? Wie werden die Dinge durch ihren Körper hindurch transportiert? Sind die warm? Hummeln ja, ich glaube, daß Hummeln warm sind, aber sind Spinnen warm, oder Wespen, oder Ameisen, eingekleidet in den Panzer mit diesen vielen Haaren? Giftig sind sie irgendwie alle. Auch die, die nicht giftig sind. Haben sie ein Bewußtsein? Wissen sie, wie auch immer dieses Wissen geartet ist, daß sie sind? Ich bin mir da ja in Bezug auf mich nicht so sicher. Sind Ameisen einzeln da oder nur, wenn sie zusammen sind? Wenn ich die Ameise hier hochhebe und in ein Glas setzen würde, alleine, was ich nicht tue, weil ich auch versuche, Insekten nicht zu töten, weil das einige andere Menschen auch nicht richtig finden und Grausamkeit im Kleinen beginnt und ich weinen muß, wenn jemand einen Regenwurm zerreißt (auch, wenn er ihn danach reuevoll mit Tesafilm zu flicken versucht) und ich wußte, immer schon, daß es falsch ist, einfach mit dem Schuh auf die Spinne zu treten. Falsch. Also wenn ich diese Ameise in das Glas setzen würde, was ich jedoch nicht tue, dann wäre sie alleine. Wüßte sie das? Oder wäre sie das nicht? Ich glaube ja, daß vielleicht, möglicherweise, es wäre ein gruseliger und spannender Gedanke, der zu den Königinnen und der alten Religion passt, daß sich einige Insekten telephatisch miteinander verständigen. Aber vielleicht glaube ich das auch nur, weil ich Perry Rhodan gelesen habe. Wenn ich als Kind eine Ameise beobachtete habe, und mich nach Vorn beugte, in die Knie ging, mich versuchte, so klein wir möglich zu machen, ganz, ganz klein zu machen, dann hatte ich vielleicht eine Ahnung, vielleicht einen Wunsch, dazu zu gehören. Etwas anderes zu sein, rauszufahren aus dem eigenen Körper und dem unsäglichen und nie abzuschaltenden Bewußtsein, zu sein. Was auch immer zu sein, aber zu sein. Diese unsäglichen Einsamkeiten zu verlassen. Vielleicht kommt daher die Faszination für Insekten, die so eng zusammen sind. Die edlere Variante sind die Bienen, warum auch immer sie es geschafft haben, diesen Status unter den Insekten zu erlangen, ich befürchte, es ist wieder das Prinzip der Nützlichkeit, das ihn diesen weisen, göttlichen Anstrich gegeben hat, irgendeine Erfindung des Protestantischen Bürgertums, egal, denn auf jeden Fall wäre man als Biene niemals allein. Was sich Maja doch immer, oder manchmal gewünscht hat. (Doch Propaganda.) Als ich einen Bienenstock hinter Glas gesehen habe, war ich fasziniert davon, wie eng es war, und wie warm die Körper der Bienen aneinander berührten. Wenn sich ihr Geist ebenso berühren könnte, wie schön wäre das, wie schön. Ich möchte die Barriere durchtrennen, die mich einsperrt in meinen Kopf. Vielleicht ist das der Grund, der mich zum Schreiben bringt und der mir mein Schreiben so wenig wertvoll erscheinen läßt, solange es nicht gelesen wird. Ich möchte, daß andere meine Stimme in sich hören, so wie ich die Stimmen der anderen in mir höre, wenn ich lese. Insekten könnten die Veräußerung dieses Prinzips sein. Vielleicht sind sie ja auch, und zwar nicht nur, sondern erstaunlicherweise, Struktur. Und vielleicht möchte man lieber Struktur als Masse sein.

M.Fuchs

Alter Mann mit Stock

AlterMannDer steht, aus Modelliermasse geformt und nackt und ein bißchen grau und weise, im Schaufenster des Ateliers. Er baut ihm gerade eine Gefährtin. Ich befürchte, noch nicht mal er ist gefeit vor der Idee, immer im ersten Wurf den Mann zu formen – und dann die Frau. Immerhin hat er zumindest erkannt, daß der Kerl ohne Frau einsam ist. Frauen ohne Männer sind – zufriedener. Ich weiß nicht, ob es nicht ein Modell geben sollte, wonach man seine geschlechtliche Orientierung in Phasen ändert. Oder, sollte man das alles dann nicht mehr so wichtig finden, per se raus aus Beziehungskonstrukten gehen können. Ich glaube, viele Frauen würden lieber mit einer Frau zusammen alt werden. Weniger bedürftig. Das war gemein. Ich will mit dem Schöpfer des alten Mannes zusammen alt werden, gerade weil er weiß und ich auch, wie Alter nackt aussieht. Keine Illusionen, und unsere Köpfe dürfen alt werden und sich gemeinsam dann ein bißchen ausruhen und Rotwein trinken und die Knie in die Sonne strecken. Ebenfalls eine Illusion, aber für den Moment finde ich es praktikabel, so zu tun, als wäre die Welt dann noch voller Rotwein und Sonne. Alter sollte, ich habe es an anderer, ernsterer Stelle ja schon einmal erwähnt, manchmal doch irgendwie weich und rosig sein. Ein bißchen wenigstens. Ich mochte die Hände meiner Oma, sie hat die Nägel immer ganz, ganz kurz abgebissen, aber sie roch nach Hühnersuppe und war weich. Vielleicht auch nur in meiner Erinnerung, denn den Erzählungen nach war sie meist eher bissig und ein bißchen wie ein alter Rauhaardackel gestimmt, aber gerade, wenn das stimmt, ist es doch umso schöner, daß sie jetzt in meiner Erinnerung die Möglichkeit bekommt, weich und rosig zu sein. Hühnersuppe, alte Möbel und ein Kissen aus Samt. Irgendetwas hat meine Oma immer auf ihrem Ofen ausgekocht. In klitzekleinen Töpfen, in Töpfen für eine Person. Ich glaube, nachdem sie ihren Mann verlassen hat, der getrunken und geschlagen hat, war sie so froh, daß sie alle großen Töpfe weggeschmissen hat und sich diese Töpfe geholt hat. Da passte wirklich nur Essen für sie rein, nicht für Mann, nicht für Liebhaber. (Glaube ich.) Manchmal aber für uns. Weich gekochte, sehr weich gekochte Makkaroni. (Warum eigentlich immer Makkaroni?) Mit zuviel Salz und einem dicken Stück Butter. Bei meiner Oma gab es nämlich Butter, bei meinen Eltern nur Magarine. Gesünder. Ich esse bis heute keine Magarine. Nie, gar nicht. Und würde am liebsten ein Parfüm haben, das nach geschmolzener Butter mit Makkaroni riecht. Aber dann wäre ich, glaube ich, begehrt, und das müßte ich erst einmal lernen, also damit umzugehen und mich davor nicht zu verstecken in dunklen Ecken und nur bei Windsille rauszukommen, wenn mich keiner mehr riechen kann. Wenn ich siebzig bin, trage ich nur noch weite Jeanslatzhosen und esse mich kugelrund. Und trinke Mittags zwei Glas Rotwein, damit der Tag danach schön weich wird. Darauf freue ich mich sehr – und ich habe es anscheinend dem ein oder anderen schon erzählt. Aber mal ehrlich, wer freut sich schon so darauf, siebzig zu sein, wie ich? Und das, obwohl das Leben laut und irgendwie ohne Lautstärkeregler für mich daher gekommen ist. Vielleicht stimmen die Latzhosen auch meinen Kopf etwas schläfriger ein.

M.Fuchs

Ruhrgebiet

Liebe Freunde,

auch wenn die Fuchs Ihre Heimat hier im Norden gefunden hat, und zur Zeit ja auch ziemlich angestormte Figuren durch Ihre Erzählungen getrieben werden, gibt es immer wieder mal Geschichten von Ihr, die im Ruhrgebiet angesiedelt sind.

Mit der Erzählung 51° 32′ 48′ N, 7° 18′ 17′ O hat die Fuchs den 2. Ruhrgebietswettbewerb gewonnen.

Und unter trailer-ruhr findet man einen kurzen Text über Ihren Bezug zum Ruhrgebiet.