Archiv für den Monat: Oktober 2013

Galaxien voller Goldstaub

sprungturm-linolDas könnte jetzt die falschen Erwartungen wecken. Also der Sprung ins Wasser, und ihm zuliebe dann bitte auch von einem Sprungturm aus, mindestens siebenkommafünf Meter. (Zehn sind mir zu glatt.) Töte ich jede Ahnung, jede Gestimmtheit, vielleicht jede Idee, jede Figur, jeden Hauch eines Gesichtes, jede Geste, wenn ich, nun ja, wenn ich versuche, sie in Form zu fassen? Oder ist mir egal, daß ich Ahnungen oder Gestimmtheiten töte, so, wie es mir egal ist, ob sich das Universum gerade auseinanderstreckt (wohin nur, wohin) oder zusammenfällt (woher nur, woher)? Vielleicht gähnt es aber schlicht auch einfach. So wie die Riesen in den Märchen, die aussehen wie Berge und sich dann strecken und Steine rieseln und Bäume fallen. Wenn das Universum gähnt, dann verschieben sich Galaxien. Verschiebt sich mit ihnen dann der Sinn? Würden wir, die wir ja Teil des Ganzen sind (ach wenn, ach wenn das nur stimmen würde, das mit dem Teil sein… aber es ist ein Märchen, wahrhaftig ein Märchen), es überhaupt bemerken? Vielleicht würden nur die starrsinnigsten unter uns auf ihrem Platz beharren – und wären somit für die Verschobenen verschroben. Der schönste Riese ist der Scheinriese in Jim Knopf. Der, der von weitem ein Riese ist und mit jedem Schritt an seiner Riesenhaftigkeit verliert. Ich weiß noch, wie fasziniert ich als Kind davon war. (Lesen, erneut!) Mehr als vom Universum. Ich falle immer noch, aber etwas sanftmütiger gestimmt durch den Gedanken an den ängstlichen Scheinriesen, und bereue es gerade vielleicht, daß ich nicht doch das zehn Meter Brett genommen habe, denn der Aufprall kommt näher – und ein Nachteil davon, auf Wasser laufen zu können (psst, geheim), wird mir gerade unangenehm deutlich. Vielleicht hilft zu denken: Nicht ich falle, sondern die Welt stürzt auf mich zu. Wobei die Frage zu stellen ist, was besser sein könnte: Mein Fallen (immerhin eine Handlung, daran könnte man glauben, glauben könnte man), oder das stetige Stürzen der Welt? Immerhin gäbe es eine geringe Möglichkeit, daß nicht ich an der Welt, sondern die Welt an mir zerbricht. Wenn ich die Musik nur laut genug drehe, könnte es spaßig werden. Wenn ich stolpere oder mich stoße, was ich ja ständig tue und wovon die blauen Flecke unter meiner Haut feixend erzählen, hat vielleicht auch schlicht die Welt Schluckauf. Und nein, ich brauche keine Brille, denn eine solche Brille, die verhindert, daß ich in die Schluckauf-Stoßwellen der Welt gerate, gibt es nicht. Sinn: Goldstaub? Wohl eher der bittere Geschmack des Schluckaufs bevor die Wasseroberfläche die siebenkommafünf Meter zurückgelegt hat und mich trifft. Es knallt. Ich lache. Der Regisseur sagt: Bitte mit weniger Pathos. Frechdachs.