Archiv für den Monat: November 2013

Salz und Hefe

Salz und HefeIm Norden, wo die Wolken vom Wind über den Himmel getrieben werden, und sich ihre Schatten auf dem Sand mit meinen Schritten mischen, hier im Norden lege ich meine Hummeln ab. Es ist ihnen zu windig. Es riecht nach Salz, und die feuchte Luft würde ihr feines Fell verkleben. Und so laufe ich, in schwarzes Ölzeug gekleidet, doch eigen nackt durch diese Luft. Neben mir läuft der Handschuhsucher und trägt seine Kamera schwer in der Hand. Feiner Sand legt sich auf die Objektive und kuschelt sich in seine Augenbrauen. Doch überfällt er die Welt nicht, versucht nicht, Uneinfangbares einzufangen, sondern fällt in den Sand und legt seine Wange sanft auf ihn, um im Kleinsten und Allerkleinsten zu photographieren, zu zeigen wie sich, an diesem zwischen Wasser und Himmel geduldeten Stückchen Land, die Grenzen zwischen Organischem und Anorganischem aufheben. Er sinkt so regelmäßig auf die Knie, als würde er sich an etwas Altes, sehr Altes erinnern. (Vielleicht war er auch einst ein Alchemist?) Ich suche derweil Steine, die, erstarrt und getrieben, gerieben und poliert, mühsam von Wellen an Land in den Sand getragen wurden. Ich wähle aus, entscheide, wer doch nicht Gleicher unter Anderen, wer erhoben und erwärmt einen Platz in meiner Tasche findet. Und ich werfe wieder fort, enthebe sie meines Blickes und meiner Hand. Lasse sie zurück. Möchte auch Sand sein irgendwann. Ich steige in das Auto, fahre los, die eine, einzige und gerade Straße, will Holz kaufen, oder süßen, klebrigen Kuchen, der nach Hefe und Marzipan riecht. Ich frage mich dann, wie es wäre, diesen Weg jeden Tag zu fahren, das Holz nicht zu kaufen, sondern zu verkaufen, in einer kleinen Hütte vor meinem Haus, und den Kuchen nicht zu essen, sondern meine Hände in den Teig zu tauchen und ihn zu formen. Es ist die schon ziemlich müde gewordene Sehnsucht nach etwas Benennbaren. Meine Hummeln hätten jetzt zornig gebrummt. Aber hier oben fehlen sie mir.

Verweis

Wildgänse bringen Glück. Wie Esel auch. Das wird so gesagt.

Ein Schwarm, nicht vier, nicht fünf, nicht sechs, nicht sieben, sondern Viele.

 Im Auto sitzen und ein kleines Stück mitfliegen. Von Dort einige, von Hier mehrere, von Da noch ein paar mehr.

Sie fliegen fliegend umeinander her. Nur um es den Spatzen und den Möwen zu zeigen.

Sie formatieren sich dann zu einem krakeligen V

und ziehen über

den Fjord

davon.

 

Liebe Freunde,

die Fuchs zieht es für zwei Wochen in den Norden. Zum Dezemberanfang kommt sie von dort wieder nach hier. Oder auch umgekehrt. Da hat sie die Zugrichtung der Verweise noch nicht beschlossen.

Alte Frau

AltesPaarWohin des Weges, alte Frau? Wohin wirst du, so grau und rund, von deinem Rollator gezogen? Auf was für ein Leben blickst du zurück? Eines voller Suppe und Käsekuchen mit Streuseln? Oder auf eines, daß spitz und salzig auf der Zunge liegt? Ist dein Rücken gebeugt, weil du so viel gelacht hast, daß du irgendwann nicht mehr aufrecht stehen konntest – oder beugst du dich, weil du dich nicht mehr im Spiegel ansehen konntest? Sprichst du mit dem Mann oder dem Hund neben dir, erzählt ihr euch Geschichten von Früher und benutzt vertraute, fast schon heilige Worte dabei – oder schweigst du sie an, schweigst sie an in dem traurigen Wissen, daß nichts, absolut nichts nicht schon tausendundabertausendmale zwischen euch gesagt worden ist? Wartest du gespannt auf das, was kommt, wenn du die Augen nicht mehr öffnen wirst – oder bist du nur noch da, weil die Angst dich hält? Was hattest du zum Frühstück? Würdest du, wärest du nicht so nackt, sondern bekleidet, kratzige, wollige Schlüpfer tragen, praktische Baumwolle oder kühle Seide? Riecht deine Seife nach Lavendel, oder badest du deine alte und transparent gewordenen Haut in Milch und Honig? Wer ruft dich noch zu deinem Geburtstag an? Feierst du ihn, mit Pauken und Trompeten, mit Eierlikör und Sahnetorte? Wird deine Todesanzeige in der der Zeitung stehen? Wer bezahlt für deine Beerdigung? Kannst du dich noch daran erinnern, wie der Wind an der Nordsee riecht? Oder riechst du nur noch nach Mottenkugeln und Hühnersuppe? Wer nimmt dann den Hund? Welche Bücher liegen auf deinem Nachttisch? Darf Dr. Stefan Frank mit dir ins Bett – oder liest dir der alte Mann immer noch Geschichten vom Klabautermann vor? Hast du jemals ein Kind unter deinem Herzen getragen? Oder trägst du dein Herz immer noch auf der Zunge? Was bereust du? Beugst du vor irgendetwas deine schmerzenden Knie? Welche Fehler würdest du immer und immer und immer wieder machen? Lachst du über die Geschichten der anderen oder erzählst du selbst die Besten? Erinnerst du dich abends daran, was du morgens gemacht hast? Weißt du immer deinen Namen? Und wer dort neben dir geht? Könntest du alle Wohnungen aufzählen, in denen du je gelebt hast? Sitzt du traurig in der Dämmerstunde auf deinem Sessel und blickst in die matter werdende Welt? Oder schaltest du doch energisch das Licht an? Wonach sehnst du dich, wenn die Herbstblätter auf nassen Haufen liegen? Wohin des Weges, alte Frau, wohin?

Elefanten und Tango

ElefantenJemand fragte mich, ob ich nicht mal ein bißchen lustiger sein könnte. Weniger ernst und schwermütig. Ich sagte, daß ich mich schon komisch genug finden würde. Und dann noch, daß ich, wenn überhaupt, wehmütig sei, nicht schwermütig. Schwermut sei etwas für alte Männer und heiße Hochsommertage, an denen die Luft so unverschämt flimmert. Der Jemand sagte dann noch, daß ich mich dann aber nicht wundern solle, wenn mich keiner veröffentliche. Denn Wehmut sei nicht gefragt. Wehmut sei noch altmodischer als Schwermut. Und die sei ja schon ewig nicht mehr angesagt. Außerdem sei ich eine Frau und daher kein geeigneter Kandidat für überhaupt einen der beiden Zustände. Darauf fiel mir erstmal keine Antwort ein.

Im Zoo, da leben Elefanten. So wie im Wald die Räuber sind. In dem Zoo der großen Stadt mit dem großen Hafen und den Menschen, die so wenig sprechen leben Elefanten. Sie sind groß und grau und schaukeln hin und her, als würden sie die ganze Zeit finnischen Tango hören. Ich weiß nicht, ob sie schaukeln, weil sie eingesperrt sind, aber man kann es vermuten, da ja auch Menschen beginnen zu schaukeln, wenn es ihnen eng wird ums Herz. Wenn ich sie besuche, bin ich mir ziemlich sicher, daß sie in ihren Köpfen das hören, was für mich finnischer Tango ist. Beim finnische Tango tanzt man nicht auf Zehenspitzen, man verzerrt seine Gesichter nicht so, als hätte man gerade auf etwas Bitteres gebissen. Man geht, die Knie leicht gebeugt, die Augen meist geschlossen, langsam, ruhig, sanft. Finnischer Tango ist dann gut, wenn er im Dunkeln getanzt wird. Und man darf lachen. Weil es komisch ist, und traurig und schön. Ich habe also Wehmut, Elefanten und finnischen Tango. Ich hätte es wahrlich schlechter treffen können.