Archiv für den Monat: Dezember 2013

Seekranke Matrosen

IMG_0016Hinter den Abteilfenstern war es diesmal ziemlich voll. Es sind so viele Maschen fallen gelassen worden, mein warmer Pullover ganz löchrig von Welt. Vielleicht aber haben sich einfach Wintermotten unter ihn geschmiegt und meinen Hummeln Konkurrenz gemacht. Zu Alice sagt das Einhorn so ungefähr: „Wenn Du mich für wirklich glaubst, werde auch ich dich für wirklich glauben.“ Solange wir uns gegenseitig bestätigen, bilden unsere Worte eine Achse, um die sich die Welt drehen mag. (Punkt gesetzt am Ende, zögerlich.) Alice trinkt die Flasche trotzdem aus. Ein opiumsüßer Geruch durchdringt den Raum. Hektisch Versuche, ihn wegzuwedeln. Zu riskant, man könnte sich ja als Kreisel wiederfinden, der durch die Welt gepeitscht wird. Dann doch besser behaupten, mit einem Sprung rückwärts über die eigene Schulter, da wäre doch Gold in den Dingen zu finden. Und vergessen, daß die Kathedrale nicht aus Stein, sondern aus Licht gedacht ist. Nenene. So nicht. Rückzieher, auch Fallrückzieher, sind gegen die Regeln. Es ist zu spät, um mit dem Zufall liebzuäugeln. Der Zug ist weg, mit Volldampf. Warum bloß?“ fragen die kleinen, knubbeligen Wesen die Räubertochter, die mit ihrem Fuß in deren warme Stube eingebrochen ist. „Warum denn bloß?“ Die Dämmerstunde ist voller solcher Fragen. Ich habe in ihr eine weinrote Katze gefunden, die linke Pfote samtigbraun. Was ich mit ihr anstellen soll, weiß ich noch nicht. Im Moment spielt sie mit den Löchern in meinem Pullover. Die Züge sind voller seekranker Matrosen, die nach Hause wollen. Ganz grün im Gesicht und die schwarzen Seesäcke riechen salzig und klamm. Sie fahren aus den Bergen, wo sie ihre Schiffe auf Grund gesetzt haben, zurück zur See. Dort trinken sie süßen schwarzen Tee, stricken dicke Pullover und warten auf den ersten Schnee.

Zugfahrt. Im Winter

der Mond – ein bleiches Gesicht

im Schein des Fensters.

Bud Spencers Lachen

Du sagst: „Geh nicht weg!“ Ich frage: „Wieso, wieso bloß soll ich bleiben?“ Du sagst: „Weil ich sonst so alleine bin und mein Atem in meinen Ohren rauscht und mein Herzschlag sich über meinen Körper legt und ich mich wiege und meinen Kopf gegen die Wand lehne und meine Hand vor den Mund führe. Ich hauche dann in meine Hand und sage Deinen Namen, damit er wieder zurückgeworfen wird von ihrer gewölbten Fläche und mich triff wie mich Deine warme Hand immer getroffen hat, wenn Du mir gute Nacht gesagt hast und mir über die Haare gestrichen hast und die Tür offen gelassen hast, gegen die bösen Geister, die in den Ecken und in den dunklen Winkeln der Welt wohnen.“ Ich frage: „Soll ich Dir eine Geschichte erzählen, bevor ich gehe?“ Du sagst: „Eine Geschichte wie früher. Mit Raketen und Raumfahrern und Westernhelden, voller Drachen und Abenteuer. Voll von Welten, die besser waren als die, in denen Du gerade wohnst, und die Dir so klebrig und schwer sagen, daß Du in ihnen bleiben sollst. Früher hast Du mit ihnen jongliert, anstatt Dich von ihnen in die Knie zwingen zu lassen. Geh nicht weg!“ Ich sage: „Ich glaube, Darum weiß ich nicht mehr.“ Du sagst: „Vielleicht tut es weh, wenn man etwas Schönes sieht, weil man weiß, daß es gehen wird, daß es nicht bleibt, daß vielleicht Nichts bleibt. Aber solange Du bleibst, noch ein wenig, und nicht gehst und ausziehst aus den Welten, die wir teilen können, solange Du bleibst, ist es doch das Wehtun wert, oder?“ Ich sage: „Kitsch!“ Du sagst: „Früher hast Du Kitsch gesagt und dabei Deine Augenbrauen zusammengezogen zu einem dicken Balken und gelacht. So ein bißchen so, wie Bud Spencer lacht, wenn der Bösewicht ihm mit einem abgebrochenen Stuhlbein auf den Kopf schlägt. Natürlich passiert Bud Spencer nichts, denn er weiß um seine Kraft.“ Ich sage: „Ich bin müde manchmal.“ Du sagst: „Warum sitzt Du nicht alt und weiß und irgendwie rosig, denn so habe ich es mir vorgestellt, auf der Bank vor dem Haus und guckst dir die Welt an?“ Ich sage: „Wie soll ich denn gucken?“ Du sagst: „Erstaunt, nicht nur erschrocken.“ Ich sage: „Ich werde es versuchen.“