Archiv für den Monat: März 2014

Umsichtig

Bild009Zehn Jahre verschwunden zu sein aus dem eigenen Leben, aus dem kleinen Dorf, in dem sich reetgedeckte Häuser um den Marktplatz schmiegten, in dessen Mitte ein Freibad mit blauem, so blaustrahlendem Wasser lag, und um das herum mit Sägespänen ausgestreute, verschlungene Wege durch den dichten Wald führten, in dem es immer schneite, immer kleine, flauschige Flocken schneite. Kinder, die ihre Spielzeugflugzeuge und mechanische Vögel aus Stoff und glitzernden Steinen mit großen, schwarzen Fernbedienungen steuerten und jubelnd Loopings fliegen ließen, Boote aus Papier auf das Wasser des Schwimmbeckens setzten und dann pusteten, um sie in Bewegung zu versetzen. Ich war wieder da, stand an geöffneter Tür, einen Becher mit dickflüssigem, schwarzem Kaffee in der Hand, blickte hinaus und versuchte mich zu erinnern. Keiner wußte oder konnte mir sagen, wie ich gegangen war vor so vielen Jahren, vielleicht, so sagten einige, vielleicht die, die weise waren, vielleicht wäre ich auch einfach nur eingeschlafen – dort oben, auf dem geduckten Dachboden des Hauses, zwischen Kisten und alten Möbeln, auf dem alten grünen Sofa, dessen samtiger Bezug an einigen Stellen schon seidig glatt gescheuert war. Und statt auf geheimnisvollen Wegen wieder zurückzukehren, wäre ich dann schlicht aufgewacht, nach langer Zeit, und die Treppe herunter gestiegen in die Küche, wo der Kaffee noch warm stand, nach so langer Zeit, und wo ich dann die Tür geöffnet hätte und auf das Dorf blickte und auf das blaue Wasser, nach so langer, langer Zeit, und mich versuchte zu erinnern, nach so so langer, langer, langer Zeit, wer ich war und wer ich sein würde, hier an diesem fremdvertrautem Ort. Menschen liefen vorbei, trugen leuchtend gelbe Westen, Mützen auf den Köpfen, kleine Atemwolken, denn die Luft war kalt an diesem frühen Morgen, schwebten vor ihren runden Mündern. Sie grüßten mich, erkannten mich oder versuchten sich zu erinnern, wer ich gewesen hätte sein können. Die Kinder kannten mich noch nicht oder schon nicht mehr, wer weiß das schon. Ich nickte ihnen zu, versuchte, ihren Gesichtern einen Namen zu geben, sie, die sie durcheinander liefen und in kleinen Gruppen miteinander murmmelten, zu ordnen – aber ich konnte es nicht, weil ich zu viel vergessen, nach so langer Zeit, vergessen hatte in den zehn Jahren, die ich vielleicht schlafend weit oben auf dem Dachboden gelegen, auf dem grünen Sofa, vielleicht, oder die ich vielleicht doch woanders gewesen war, vielleicht außerhalb des Dorfes, weit weg von dem Schneeflockenwald, dessen Boden jedes Geräusch der Schritte schluckte und so süß nach Sägespänen roch. Ich drehte mich um und blickte in die Küche hinter mir. Ich sollte einkaufen gehen, denn das tat man doch, nach so langer Zeit, mir neue Kleidung besorgen, deren Farben passen würden in das Dorf, und Kekse, süße, malzige Kekse, die ich vorsichtig knabbern könnte, während meine rechte Hand die schwere Kaffeetasse hielt. Vielleicht würde ich Freunde treffen, Bekannte. Man würde mich erkennen und begrüßen, erstaunt fragen, wo ich denn gewesen sei, man hätte mich vielleicht ja sogar vermisst und dann würde vielleicht die Kassiererin hinter der schweren bronzenen Kasse, die auf dem Tresen stand, hinter dessen gläsernen Front kleine, mechanische Hummeln lagen, die man mit einem Schlüssel aufziehen könnte, und die dann zwischen den Schneeflocken ihren Weg suchen würden, vorsichtig, umsichtige, denn die mit Seidenpapier bespannten Flügel dürften nur nicht nass werden, sie rissen dann, auf jeden Fall würde mich die Kassiererin dann vielleicht ansprechen und ich würde dann meinen Namen hören und wissen, wer ich hier in diesem Dorf gewesen war, vor so langer Zeit gewesen war, und jetzt wieder sein konnte.