Archiv für den Monat: Mai 2014

Sonstwo

Meine Räume bewegen sich an Tagen wie diesen. Der lange Flur, auf dem das Sofa steht, der Tisch, die leere Kommode (was sollte auch hinein, es ist ja noch nicht mal genug da, um das Leben auszufüllen, das wie zu groß gestrickte Socken an den dünnen Gelenken hinabrutscht und sich in Falten legt), der lange Flur also kippt wie eine Schiffschaukel auf und ab. Vielleicht ist der viele Regen daran Schuld und hat den Boden, auf dem das Haus steht, aufgeweicht. Ich sollte der Welt an solchen Tagen intellektuell begegnen, dann könnte ich mich zumindest der Illusion hingeben, daß ich das Kippen selbst erzeuge – und beherrsche. Solange alles in meinem Kopf stattfindet, findet es zumindest in meinem Kopf statt. Und nicht in einer irgendwie aus dem Gleichgewicht geratenen Welt. Insoweit, und ich mag trotz der schiefen Flure an Tagen wie diese solche Worte benutzen, die wie Gummibälle hüpfen und seltsam tröstlich schmecken, insoweit ist die Flucht in eine wie auch immer gelb gefärbte Moderne vielleicht gar nicht so mutig, wie ihre Vertreter es glauben machen wollen. Der Tiger in meinem Kopf (doch noch irgendetwas behalten von damals) ist vielleicht eine Dame und kann mich nicht fressen mit Haut und Haar. Dafür müßte ich mich ja auch zunächst mal wieder umstülpen – also damit der Tiger an die Haare kommt. Der Tiger jedoch, der hinter den Mülltonnen in meinem Hinterhof lebt und die danebengestellten Tüten mit seinen schwarzen Krallen zerfetzt und dessen Atem ich jedesmal spüre, wenn ich dort unten war und mich eilig umwende, zurück zur Tür im schützenden Klinkerrot, der Tiger dort unten könnte mich fressen. Von Außen nach Innen und wieder zurück. Da könnte ich mich stülpen, soviel ich wollte. Und dann würde er meine Knochen in seine zarten Pfoten nehmen, brechen und ausschlürfen. (Er ist ein Genießer, so wie es sich heutzutage gehört und tupft sich nach einer solchen Tat zart und delikat die Lippen ab.) Aber da ich ja nicht intellektuell bin, sondern SONSTWO – was trotz des Tigers ein besserer Ort ist, weil es dort Hummeln und Honig gibt und ein schiefer Flur für einen Clown eine Steilvorlage ist, und kein Hindernis – muß ich mich wohl oder übel an bewegende Räume gewöhnen. Aber da ich jemanden habe (fast ganz, nur nicht sein linkes Ohr, das nicht) der die Flure mit mir auf dem Hosenboden hinabschlittert, ist alles gut. Auch an Tagen wie diesen.