Archiv für den Monat: August 2015

Ameise und Berg

Linolschnittklein André KunzUnd ich liege. Um mich herum Park und Warm. Neben mir schmeißt der alte Mann Keulen durch die Luft. Unter mir ein Tuch aus Hawaii. Ein Geschenk. Ich denke mich durch die Erde hindurch dorthin, ziehe eine gerade Linie durch irgendetwas Flüssiges, mir wird kurz schlecht bei dem Gedanken, daß die Erde unter mir nur schwimmt. Ich darf das nicht zu oft denken, denn sonst werde ich vom Schaukeln der Platten weltkrank. Ich lese mein eigenes Manuskript, zwischendurch, wenn ich nicht durch die Erde sinke, lese ich es, wieder und wieder, lese es auf eine Art und Weise, wie ich als Kind gegessen habe. Auf dem Fliesenmuster im Bad – ich war nicht schnell genug zum Klo gerannt, hatte die Übelkeit ignoriert im Spiel, kam zur Hintertür hinein, durch den Abstellraum, an der Garderobe, die extra tiefer hing für uns Kinder, kam ich vorbei, zog noch meine Jacke aus im Gehen, die Ärmel nach innen ziehend dabei, wie immer falsch herum ausgezogen, als mir so übel wurde, wie einem als Kind übel werden konnte und dann spuckte. Nicht schnell genug, auf den Fliesen mit ihrem Muster lagen lange, unzerkaute Spagetti. Meine Mutter, nicht großartig besorgt beim Anblick ihrer spuckenden Tochter, denn Kinder spucken halt, vielleicht ein wenig voll von Mitleid, aber immer bereit, die Situation zu nutzen, wies auf den Boden und ermahnte mich, während ihre kühle Hand tröstend meinen Kopf hielt, nicht so zu schlingen. Mein Bauch würde das doch gar nicht schaffen, so ganze Nudeln, so unzerkaute Nudeln zu verdauen. So lese ich, schlingend, und ein wenig wartend auf den Moment, wo meinem Kopf übel wird und er die dicken Brocken zurück in die Welt spuckt. Pause und in die Blätter über mir gucken. Eine Ameise krabbelt auf mein Bein, über die Hose auf meinen Bauch, der unter dem hochgerutschten T-shirt blass in der Sonne liegt, im Park ein warmer Berg (nicht grau, nicht grau), der sich auf und ab senkt, pocht sicherlich unter ihren Füßchen, kleine, blonde Härchen, die sie streift mit ihrem braunen Panzer. Ich reiße eine Seite aus dem Manuskript, lege sie auf meinen Bauch und lasse die Ameise dort hinauf laufen. Ich lege die Seite samt Ameise neben mir ins Gras, damit sie dort hinein hinab steigen kann. Das tut sie, dort unten im Gras muss es kühl sein, und ganz anders als auf meinem Bauch. Ich lese die herausgerissene Seite erneut, reiße sie in schmale Streifen, lange schmale Streifen, und stecke sie in den Mund. Die Stimme meiner Mutter sagt: Gründlich kauen! Und ich schlucke.