Archiv für den Monat: Juli 2016

Walkover (Buddha boxt)

Walkover = Der Boxer tritt kampfbereit an und gewinnt automatisch, wenn sein Gegner nach dem Ausruf seines Namens nicht innerhalb von einer Minute im Ring erscheint.

Das mit seinem Namen war so eine Sache. Also früher, als seine Eltern ihn noch riefen, riefen sie ihn Wilhelm. Wilhelm Klein. Daß der Name nicht mehr ging, mit 15, das erste Mal, mit seinen Freunden, die Lederjacke, für die er viele, viele Stunden lang seinem Vater in der Werkstatt hatte helfen müssen, die schwarze Lederjacke, über den Dom, der Autoscooter, daß der Name also nicht mehr ging, Wilhelm, das war klar. Die rotblonden Haare zurückgestrichen, pomadenglänzend. Ein anderer Name wollte, mußte her. Willi ging auch nicht, nicht mehr. Ein Kindername, Willi. Der lütte Willi. Ha. Klein war er nicht lange gewesen. So hatten die Jungs, als er noch kurze Hosen trug, die Jungs hatten ihn so gerufen. „Willi, schieß!“ Fußball, auf dem Platz. „Willi kommt“. 58, 59, 60. Verstecken. Die Sonne auf dem Rücken, die Augen geschlossen, den Kopf an einen Baumstamm gelehnt. Aber für den Dom, für die Pomade und die Lederjacke, da mußte etwas anderes her. Bill. Auch eine Abkürzung für Wilhelm, nur anders. Bill, Bill Klein, ein Witz, der Nachname. Sein Vater schon, ein großer Mann, mit so großen Händen. Er selbst, ebenso groß, mit ebenso großen Händen. Und Bill war auch noch schnell. Bill, Billy, der Boxer. Nur am Anfang Billy Klein. Das klang nicht gut, ein Witz, ein Witz, Schwergewicht. Der Trainer hatte dann, nach dem Kampf, den Reportern gesagt: Das dort, das dort ist Billy, Billy, der Buddha. Buddha. Wie er drauf gekommen war? Vielleicht die goldenen Hosen, vielleicht. Und seine Ohren. Schöne Ohren, große Ohren an einem schönen, großen Kopf. Du hast so schöne Ohren, Billy. Billy und Lilly. Echt jetzt. Er hatte gewonnen, der Buddha hatte gewonnen, und das Photo, er im Ring, die Arme erhoben, Blut, ein Cut, seine Augenbraue, Blut im Gesicht, Blut im Mund, und ein Grinsen, ein Grinsen, die dicke Lippe, eine dicke Lippe, die Haare immer noch voller Pomade, schön rutschig, rutschig für den Gegner, er sah sein Gesicht, ausgezählt, K.o.. Das Photo kam in die Zeitung. Und dann, später, psst, psst, alles ist gut, nicht bewegen, stehenbleiben, einfach nur stehenbleiben, die Augen geschlossen, sie rufen Namen, oder, irgendwelche Namen, später, zurück auf dem Dom, ohne Lederjacke diesmal, und auch nicht mit feinem Hemd, neinnein, nicht mehr, das Hemd war weg, das Hemd war weg und Lilly auch, und der Trainer und dann, zurück auf dem Dom, den Seesack dabei, wo alles drin war, alles, alles, alles, was er brauchte, oder was er hatte, vielleicht, später dann kündigte ihn die Stimme von Maxe, der draußen vor der Bude stand, Maxe, der draußen vor Maxes Boxbude stand, stand und lockte und die jungen Männer beleidigte, sie dazu brachte, reinzugehen, man mußte sie dazu bringen, daß sie nicht raus kamen aus der Nummer, das hatte Maxe mit der lauten Stimme und den Sprüchen, den Sprüchen, immer gesagt, ihren Stolz, ihre Ehre herausfordern, dann kamen sie, und er wartete, schon ganz grau und langsam geworden, oder, oder vielleicht, oder so schien es den Burschen, langsamer, ein dicker, grauer Bär, später hatte Maxe dann ihn angekündigt als den Bomber, Billy der Bomber, der graue Bomber, die Haare nicht mehr rot, und das mit dem Buddha wollte Maxe nicht, daran konnte sich sowieso niemand mehr erinnern, nicht erinnern an das Photo und die goldenen Hosen und das Geld und die Mädchen, so schön waren sie gewesen, die Mädchen und Lilly die Schönste, und, und die Jungs lachten, und richteten sich auf, guckten zu Maxe und auf den Mann, doppelt, vielleicht dreimal so alt, der dort stand, eine goldenen Short um den dicken, blassen Bauch geschnürt, ein bißchen komisch vielleicht sogar, der Mann dort mit den goldenen Hosen, der dicken Nase, den Lippen, auch so dick, und die Ohren, nein, psst, psst, nicht bewegen, nicht gehen, laß die Augen zu, Du.

Du mußt nicht gehen, die kennen Deinen Namen doch eh nicht, nicht, wissen nicht, wie Du heißt, niemand weiß das, und die Jungs gucken dann auf den Boxer, der seine müden Hände müde in den roten Boxhandschuhen neben seinem müden Körper hängen läßt. Er sollte sie treffen lassen, Maxe macht sonst Ärger, ein, zwei Mal, eine Runde lang, dann Pause, dann die nächste Runde, noch etwas einstecken, etwas andeuten und dann, dann, dann duckte er sich, streckte seine Linke aus, etwas, wofür Buddha bekannt gewesen war, die Linke, Buddhas harter linker Haken, die selbe, vielleicht die selbe linke Hand, die in der Werkstatt seinen Vaters früher, also Wilhelms linke Hand, der Junge, in den kurzen Hosen, der sich, um das Geld zu verdienen für die Jacke, die schwarze Jacke aus Leder, mit der alles doch anfing, Bill, oder Billy oder Willi, der Junge, dessen breiten Hände, die Linke voran, das Holz in die Maschine schob, den Schutz auf den Ohren, die damals noch dünn und weich, damals, seine Ohren, psst, psst, nicht hören, nicht bewegen, die Augen fest zukneifen, vielleicht sollte er zählen, so wie Willi auf dem Schulhof gezählt hatte, an einen Baum gelehnt, im Sommer, die Sonne auf dem Rücken, warm, er wünschte, er, jetzt und hier, er wünschte sich einen Baum, an den er sich lehnen könnte, psst, psst, die Linke streckte er, er war schnell, immer noch schneller als die Kinder vor ihm, und traf. Meistens reichte es, reichte, um sie taumeln zu lassen, reichte, um das Publikum grölen zu lassen, und hinterher konnte er sagen: Ein guter Kampf, Kleiner, ich hatte Glück, ein Glückstreffer, aber Deine Schläge, nicht schlecht, wärst ein guter Boxer geworden, wärst Du. Dünne Hände, die in den dicken Handschuhen steckten, Lachen und Lichter, vielleicht ein Photo, ein Photo mit dem alten Boxer mit seinen goldenen Hosen und der dicken Nase, ein Photo, aber kein Blut, Blut mochte Maxe nicht gerne sehen, nicht auf die Augen, nicht auf die Lippen, das Kinn, ein blauer Fleck, das Kinn. Damit die Jungs etwas erzählen konnten, von dem alten grauen Boxer, den sie fast auf die Bretter geschickt hätten, der dann nur einen, einen Treffer gelandet hatte, Pech, oder vielleicht waren sie abgelenkt gewesen, oder zu weich, genau, zu weich, wollten ja nicht den alten Kerl vor sich ernsthaft verletzen, der so müde aussah, und dessen Ohren dick und geschwollen waren, die Ohrläppchen mit blauen Äderchen durchzogen. Solche Ohren, solche Ohren, die hätten sie noch nie gesehen, Boxerohren, wohl, Boxerohren, und nach dem Kampf hätten sie dann ihm, der ja einen Glücktreffer gelandet hatte, es war ja auch ein Spiel, oder, ein Spiel gewesen und sie hätten ja nicht wirklich zuschlagen können, also so richtig, wie sie es sonst könnten, täten, so richtig, ohne Spiel, aber auf den Mann, auf den Mann in seinen goldenen Shorts, nein, nicht auf ihn, und dann ein Photo.

Maxe, genau, Maxe jetzt neben ihm. Gut, daß Deine Ohren so dick sind, so dick geschwollen seit Jahren, Du atmest einfach langsam weiter, Du kneifst weiter die Augen zusammen, nicht schummeln, nicht blinzeln, nicht. Und dann psst, psst, Maxe, Maxe, mein Freund, nicht so Brüllen, das mußt Du nicht, ich höre Dich ja, Du rufst Namen, oder, Namen, vielleicht gehört einer davon mir, ich weiß es nicht, ich weiß es nicht so genau, aber mein Rücken wird ganz warm und ich spüre die Sonne und ich werde meine Augen geschlossen halten, bis ich bis 60 gezählt habe. Ich schummel nicht, nicht ich. Ich bin fair. Ich bin immer fair gewesen, keine Tricks. Die Augen geschlossen. Bis 60, damit sich alle verstecken können, alle, alle, alle, und erst dann werde ich kommen. Erst dann.