Archiv für den Monat: März 2017

Kleiner Fuchs

Die Stille der letzten Monate hatte einen mittlerweile recht lauten und eigensinnigen Grund – und da auch die nächsten Wochen mit der Aufzucht eines kleinen Fuchses gefüllt sein werden, stelle ich zur Überbrückung einen längeren Ausschnitt aus dem Manuskript zu „Alva heißen“ ein.

 

Roswitha/Ausschnitt aus „Alva heißen“

Nachdem er so gegangen war, blieb sie im Flur stehen. Die alte Dame hatte im Wohnzimmer eine Anlage oder wahrscheinlicher noch einen alten Schallplattenspieler angestellt und sie konnte die leicht verzerrt klingenden ersten Töne hören. Die Abfolge kam ihr vertraut vor, sie waren schwer und pochend und ohne daß sie genau wußte, woher, wo sie die Worte gehört, sie sich gemerkt hatte, denn ihre Eltern hatten keine klassische Musik gehört, sie selbst hörte fast nie Musik, vielleicht mal im Radio, in der Küche stand eines, ein kleines, das sie anschaltete, wenn es dort zu leise war oder der Regen auf diese bestimmte Art an die Fenster schlug. An die Fenster schlug und einen dazu brachte, immer kleiner zu werden und sich am Herd zu ducken und sich zu wünschen man wäre woanders, ganz woanders, wo die Sonne schien und die Küchentür immer offen stand. Wo Stimmen hinein klangen, Stimmen, die auf einen warteten und wo das Essen in Schüsseln auf dem Tisch stand, wo es Essen gab, das mehrere Schüsseln und Töpfe erforderte, das nicht in eine Pfanne oder in eine Auflaufform passte, um dann auf einem Teller zu liegen und vor dem Fernseher gegessen zu werden. Nein, dort, wo sie sich hinsehnte, dort waren Menschen, mehr als zwei, mehr als drei, die redeten und die lachten und die darauf warteten, daß sie die Schüsseln hineintrug, um dann, in einer eleganten, sorgfältigen Bewegung die Schürze abzubinden, die ihre Bluse geschützt hatte und sich zu den anderen zu setzen. Erst dann, erst dann würden sie beginnen zu Essen, erst dann, wenn sie saß, die Bluse seidig und der Schmuck schmal und aus Gold. Doch diese Musik, die dort aus dem Wohnzimmer drang, kannte sie. Worte dazu. Es gab Worte dazu.

Sie merkte, wie sich ein Zittern über ihre Arme legte. Doch woher auch immer sie die Worte kannte, wo die Worte her waren, sie kamen hervor, lagen auf ihrer Zunge und wurden von dort in einem Flüstern, in dem sie kaum, kaum ihre eigene Stimme erkannte, in den Flur geworfen, prallten gegen die Bücherregale, verfingen sich in den Figuren und schmiegten sich unter das Oberlicht. Unerreichbar für sie, zu weit oben, so daß sie sie nicht wieder einholen konnte, zurückholen konnte in ihren Mund, wieder runterschlucken konnte, schmiegten sie sich an die Decke und waren dann, plötzlich, ohne Warnung, weg.

Der Doktor mit seinem merkwürdigen Herumgeschleiche und den Andeutungen mußte Schuld sein. Sie schüttelte den Kopf und biß sich auf die Fingerknöchel ihrer linken Hand. Nein. Sie war müde, so müde, sie sollte sich noch einmal schlafen legen, nur kurz, die Haushälterin war ja noch da, und die alte Frau würde doch Musik hören und könnte ja rufen mit ihrer Stimme, die durch Räume und Träume klingen konnte.

Beim Aufwachen saßen Tauben vor ihrem Fenster, wohl auf den rauen Dachschindeln oder vielleicht auch auf der Regenrinne, da war sie sich nicht so sicher. Durch das nur halb geschlossene Fenster hörte sie das Gurren, als sie dann aufstand, müde, sie war immer noch müde, flogen die Tauben weg, sie hörte die Flügelschläge. Früher hatte sie gedacht, in der Tanne, in der hohen, schmalen Tanne, die vor dem Haus, vor ihrem Fenster wuchs, würden Käuzchen leben, die immer so ein schönes und kehliges Geräusch von sich gaben, und sie hatte sich die Käuzchen vorgestellt mit ihren Ohren und den großen Augen und den Köpfchen, die sie in alle Richtungen, oder zumindest weiter als sie es je selbst geschafft hatte, drehen konnten. Als sie später einmal erzählte, von den Käuzchen in der Tanne vor ihrem Fenster erzählte, deren sanfte Geräusche sie immer einschlafen ließen und deren Augen langsam blinzelten, da hatte ihr jemand, irgendjemand gesagt, daß es Tauben seien, die so gurrten, keine Käuzchen, und daß Tauben dreckig seien, es zu viele gäbe, sie wären Ratten, nur in der Luft.

Sie schwor sich, nicht wieder zu erzählen, niemandem, von den Käuzchen. Wenn Tauben so dreckig und so, so zuviel vielleicht wären, warum wurden sie dann gezüchtet und lernten, wie sie von weit her, als Brieftaube, wieder zurückfinden konnten zu dem Haus, wo sie wohnten. Dort, wo jemand ihnen einen Taubenschlag gebaut hatte und wo sie dann, vielleicht eine Botschaft am Fuß, die klein, klitzeklein geschrieben stand, wieder ankamen, wo der alte Mann auf sie wartete, in ihrem Kinderbuch hatte er Herr Potter gehießen, der, dessen Taube so viele Abenteuer erlebte und doch wieder zurückkam, und dann war es nicht mehr wichtig gewesen, ob sie schnell gewesen war, die erste, gewonnen hatte, sondern nur, daß sie wieder nach Hause gekommen war, daß es sie gab und sie da war und Herr Potter ihr Gurren hörte, das eh viel schöner war, als alle Geräusche aller Käuzchen der Welt vor ihr, denn sie war zu ihm zurückgekommen und sie war Herrn Potters Taube. So hatte auch das Buch gehießen und es wäre sicherlich schön, nicht eine Taube zu sein, die wie eine Ratte wäre, in der Stadt, in der Luft, sondern eine Taube zu sein, die zurückkommen würde und auf die Herr Potter wartete, den man wäre seine Taube. Doch heute Nachmittag dachte sie nur, müde wie sie war, an die Tauben und daran, daß sie bitte nicht durch das geöffnete Dachfenster in das Zimmer fliegen sollten, denn sicherlich wären sie dreckig und hätten Maden zwischen den Federn.

Die Katze mit der roten Pfote schlich in das Zimmer und setzte sich mit einem großen, großen Sprung auf das schmale Fensterbrett, die Schwanzspitze in einem leichten Schlagen angespannt nach oben gerichtet. Sie war auf der Jagd. Sie sollte jetzt wieder zu der alten Dame gehen, sollte sie. Vielleicht würde die Katze dafür sorgen, einfach so, indem sie da saß, die Schwanzspitze nach oben gerichtete, daß die Tauben sich erinnerten, daß sie Tauben waren, wilde Tauben, die Angst haben sollten aus gutem Grund vor einer Katze, die sie fangen würde. Und dann die Luft voll von grauen Federn.

Auf dem Flur stand die Haushälterin, Roswitha. Roswitha hatte der Arzt gesagt, und winkte ihr zu, einen Finger an die Lippen gelegt. Ihre Wut, wenn es denn dann Wut gewesen war, hatte sich gelegt. Sie sah nun kindlicher aus, als ihre Vorstellung einer Pariser Tänzerin es am Morgen zugelassen hätte. Vielleicht, vielleicht, weil der rote Lippenstift seit damals in die Furchen der Lippen gekrochen war.

Frau Anna schläft. Laß uns Kaffee trinken, einen richtigen Kaffee, gegen deine Müdigkeit.“

Sie nickte, es wäre unhöflich, das Angebot auszuschlagen, und Roswithas Augen waren jetzt sanft und drumherum waren kleine Falten, viele kleine Falten, in denen sich ihr Puder ausruhte. Doch als sie in Richtung Küche gehen wollte, schüttelte die kleine Frau ihren Kopf, so daß Puder entrüstet im Sonnenlicht staubte und griff ihre Hand.

Nein, nicht die Küche. Oben.“

Und damit zog sie sie mit sich an das andere Ende des Flures.

Rechts ging es in das Schlafzimmer der alten Frau, links lag ihre eigene Zimmertür. Vor ihr war nur eine Art Schranktür, vielleicht einen Meter, einen Meter zwanzig hoch, in die Wand eingelassen. Sie hätte gedacht, wäre ihr die Tür zuvor überhaupt aufgefallen, daß es die Tür zu einem Einbauschrank sei, der Weg in eine Abseite, in der man Koffer stapelte oder alte Kontoauszüge, die man nicht mehr brauchte, aber auch nicht wegwerfen mochte, so offiziell wie sie mit ihren roten und weißen Streifen und den säuberlich gedruckten Zahlen aussahen. Hätte gedacht, daß dort Kisten lagerten, in denen der Weihnachtsbaumschmuck lag. Ihre eigene Wohnung hatte keinen solchen Raum, es gab einen Keller, ohne elektrisches Licht, in dem eine Tür aus ungeschliffenen Brettern, gesichert durch ein klitzekleines Vorhängeschloß, ihre eigenen Kisten bewachen sollte. Da sie aber Angst hatte, Angst vor Kellern, Angst vor der schmalen Treppe, die dort hinunter führte, vorbei an anderen Abteilen, anderen Türen, hinter denen die Dinge der anderen, ihr fremden Mieter lagen, und wer wüßte schon, was es war, das dort lag, da sie also Angst hatte und ihr Atem so schwer wurde, wenn es eng roch wie dort unten, hatte sie den Kellerraum nie benutzt. Ihr eigener Weihnachtsschmuck lagerte also in einem flachen Karton, den sie unter den Kleiderschrank geschoben hatte und den sie dann im November, bald sollte es doch wieder November sein, hervorholte. Einige Sterne für die Fenster, einige Kugeln und Figuren, die sie, ein Weihnachtsbaum erschien ihr zuviel für sich alleine, an die Tannensträucher in der grünen Vase hing. Doch erst nach dem Totensonntag, das hatte ihre Mutter immer gesagt, erst nach dem Totensonntag, der immer Ende November war und an dem es regnete und die Luft, nebelig vielleicht, sich noch nicht entscheiden konnte, ob sie nach Herbst oder schon nach Winter roch.

Erst dann, weil es sonst nicht richtig wäre, durfte sie die flache Kiste unter dem Schrank hervorziehen, von Staub befreien und die Dinge auspacken.

Roswitha öffnete die Tür und duckte sich hindurch. Dahinter lag ein schmaler Raum, der sich in die Schräge des Daches presste, unter der Schräge stapelten sich eben jene Kisten und Schachteln und Koffer, die sie erwartet hatte. Doch zu ihrer Linken gab es eine kleine Stiege, eine Treppe, zusammengefügt aus rauen Holzbrettern, zu der Roswitha sie führte.. Wieder mußte sie sich ducken, um durch die darüber liegende Öffnung in der Wand mit einer etwas ungeschickten Bewegung, nicht stolpern, die Hand, nicht stolpern, in einen weiten Dachboden zu treten. Nun waren sie nicht mehr über der Wohnung, nicht mehr, der Schritt über die Stiege hatte sie wohl über ihr Zimmer und somit über die Grenze der Wohnung hinweg gebracht.

Sind wir über dem Nachbarhaus?“

Roswitha, die die Stiege nach ihr mit tänzerischer Eleganz überwunden hatte, nickte und zeigte dann auf eine Ecke des Speichers, in der ein bodentiefes Fenster zu sehen war. Wahrscheinlich hatte hier einst einer dieser Seilzüge gestanden, wie im Hafen, um Dinge auf den Boden zu transportieren.

Nun jedoch war die Öffnung mit Glas verkleidet, neben dem die Dämmung aus Glaswolle zu sehen war. Vor diesem Fenster lag ein ausgefranster, ausgeblichener Teppich, auf dem Teppich stand ein Tisch, auf dem Tisch eine Kaffeekanne und zwei dicke Becher, daneben eine Flasche und zwei kleine Gläser. Der eine Stuhl war mit einem Kissen gepolstert, auf dem Boden ein Stapel mit bunten Zeitschriften und ein Radio. Ein Lager, eine Höhle. Sie wich einem Balken aus, kurz bevor sie sich mit dem Kopf gestoßen hätte.

Hier mache ich Pause. Gut, nicht?“

Sie nickte. Es war gut. Sie wußte, daß es gut war. Hier würde sie keiner finden, hier war es viel zu weit, weit weg, weit oben, viel zu staubig, staubig und kalt. Sie konnte Wind spüren.

Als sie sich auf den Stuhl setzte, stießen ihre Knie an die Kante der Platte und die Gläser klirrten. Der Tisch zu klein.

Du bist groß.“

Sie nickte. Sie war nicht groß, nicht wirklich, nur war Roswitha klein, und der Dachboden einer, auf dem Kinder Verstecken spielten oder geheime Treffen ihrer geheimen Clubs abhielten.

Sie hatte damals auch einen solchen Club gehabt, einen, bei dem man sich Abzeichen auf die Hand malte, mit Tinte, oder, wenn man denn dann mutig genug gewesen war, auch mit Filzstift, der sich nicht sofort wieder abwischen ließ, vielleicht ja sogar giftig war. Sie hatte den Filzstift gewählt, und sich mutig gefühlt, und dann zu Hause in ihrem Zimmer gesessen und gewartet, ob sie das Gift spüren würde, ob sich die Haut rings um den Kreis mit seinen drei Strichen, sie waren zu dritt gewesen, rot verfärben würde, sich lösen würde. Irgendwo hatte sie gehört, oder gelesen, vielleicht in dem roten Lexikon, das konnte sein, gelesen vielleicht, daß man bei einer Blutvergiftung einen feinen roten Strich sehen würde, der den Arm entlanglief. Sie hatte am Nachmittag in ihrem Zimmer gesessen und auf ihre Hand geguckt und gewartet. Gewartet. Wie lange wußte sie nicht mehr, wahrscheinlich war es ihr als Kind auch einfach nur länger, viel länger vorgekommen, Stunden, Stunden vielleicht. Irgendwann hatte sie dann gewußt, daß es nicht stimmte, es nicht giftig war, kein Strich, keine Bläschen erschienen, ihr Kopf nicht müde und ihr Blick nicht verschwommen werden würde. Sie war erleichtert gewesen, erleichtert.

Roswitha rückte die Tassen zurecht, schenkte Kaffee ein, es war Kaffee, der ohne Filter aufgekocht worden war, sie konnte es sehen in der Tasse, und sie wußte, daß sie nicht umrühren durfte, daß sie warten mußte, bis sich das Pulver gesenkt hatte, abgesunken war auf den Boden der Tasse. Roswitha griff auch zu der Flasche und den Gläsern, schenkte dann, ohne zu fragen, und sie wußte, sie würde es genau deswegen trinken müssen, auch wenn es entweder bitter sein würde oder viel zu süß, die beiden kleinen Gläser voll. Irgendwie wußte sie auch schon, was nun folgen würde, denn ein jeder, den sie bisher in dieser merkwürdigen Welt getroffen hatte, schien bestrebt zu sein, zu erzählen.

Sie wartete, was Roswithas erzählen würde, ob sie sich danach wiederum so fühlen würde, wie sie sich als Kind gefühlt hatte, wenn sie nach einem Kinobesuch müde und überfüllt von Bildern und Geräuschen nach Hause gefahren worden war. Sie hatte hinten im Auto gesessen, die Stirn an die Scheibe gelehnt, und die Landschaft, die Häuser, die Straßenschilder glitten an ihr vorbei, hatten ihr Außen, ihre Festigkeit verloren, und sie wartete nur, daß sie abbrechen würden, daß sie das Ende der Kulissenwand auf ihren kleinen, schnellen Rollen erreichen würde – und dann, dann war sie meist eingeschlafen, und erst Zuhause wieder aufgewacht.

Das Zuhause, zu dem die Telefonnummer mit den vier Zahlen gehört hatte, gehörte, gehörte, Zuhause war der Speicher kein sicherer Ort gewesen, zu groß, zu voll, zu dicht dran an dem Haus und seinen Bewohnern. Zuhause war es eine Kuhle unter einem der Bäume im Obstgarten gewesen, dicht am Zaun, eine Kuhle, die im Sommer von Gras umstanden war, so lange, bis der Vermieter es mit einer Sense abmähte, die auch auf dem Dachboden gestanden hatte, eine Sense, wie sie doch der Tod hatte auf den Bildern, vielleicht war auch das der Grund gewesen, warum sie den Dachboden nicht betreten mochte als Kind. Im Winter, eingepackt in einen Schneeanzug, eine Strumpfhose darunter, Faustlinge an den Fingern, die es einem unmöglich machten, wirklich zu greifen, in denen die Hände feucht und kalt und rot wurden, im Winter hatte sie einen Wall aus Schnee um die Kuhle herumgebaut und sich hineingelegt solange sie es konnte, solange, bis die Kälte zu doll, zu stechend durch den Anzug gekrochen kam und sie zurück ins Haus trieb.

Roswitha schob ihr eines der Gläser zu, nahm ihr eigenes in die Hand und prostete ihr zu. Der Likör klebte süß auf ihrer Zunge, klebte in ihrem Hals und würde sicherlich auch in ihrem Magen kleben bleiben, auch wenn sie nicht genau wußte, wie es sich anfühlen würde, denn innen im Magen, da konnte sie ja gar nicht richtig fühlen. Also schon, ob es weh tat, zu leer oder zu voll war, Krämpfe, irgendwo im Bauch auch, aber nicht klebrig oder süß oder salzig oder rau oder was auch immer. Trotzdem würde sie jetzt noch mehr aufpassen, daß keiner der schwarzen Kaffeekrümel, die sich langsam am Boden ihrer Tasse absetzten, daß keiner dieser Krümel in ihren Mund kam. Nicht in ihren Hals und in ihren Bauch kam, denn überall dort würden sie kleben bleiben an der Süße des Likörs. Vielleicht sollte sie den Kaffee durch ihre Zähne schlürfen, sie als Sieb benutzen, aber dann, dann hätte sie kleine schwarze Punkte zwischen ihren Zähnen, solche, die man mit der Zunge immer wieder berühren mußte, und die sie darin hindern würden, Roswitha anzulächeln. Doch lächeln mußte sie.

Jemand, jemand hatte einmal zu ihr gesagt, sie würde zu wenig lächeln, und wer nicht lächelte, dürfe sich auch nicht wundern, wenn alle einen böse anblickten, oder gar nicht blickten. Lächeln mußte man, schon Babys würden das doch können und zurücklächeln, wenn sie angelächelt werden würden. Ohne zu wissen, warum. Das war nicht wichtig. Nur, daß sie lächelten. Und Babys, die nie angelächelt worden waren, wurden krank und starben oder wurden zu Geschichten in Büchern. Sie merkte, wie sie in der kalten Luft des Dachbodens zu schwitzen begann.

Roswitha saß vor ihr, die Beine übereinander geschlagen, adrett übereinander geschlagen, adrett, für genau diese Art des Beineübereinanderschlagens, wie Roswitha es gerade tat, die Beine in den dünnen, durchsichtigen Strumpfhosen, nicht geschwollen, nicht mit Adern durchzogen, sondern fein und dünn und elegant, Tänzerinnenbeine, genau dafür war das Wort gemacht worden. Adrett. Sie selbst würde, würde sie doch, beim Übereinanderschlagen ihrer eigenen Beine den kleinen Tisch anzustoßen, den Kaffee mit den schwarzen Krümeln und die Reste des klebrigen Likörs zu verschütten. Würde sie.

Roswitha, die Beine also adrett, wartete, ruhig, wartete. Sie sollte aufhören, so laut zu atmen, sollte sie. Roswitha wartete, wartete ruhig, bevor sie zu sprechen begann.

Diesmal schickten sie die Worte, von Roswitha etwas zögernder aneinander gereiht als es bei den beiden anderen Erzählern gewesen war, etwas zögernder und auch skeptischer, skeptisch war wohl das richtige Wort, als würde die Frau ihr gegenüber ihnen nicht trauen, den Wörtern nicht ganz trauen, in die Kälte.

Zumindest stellte sie sich das kleine Dorf, das Roswitha vor ihren Augen entstehen ließ, mit Hütten und Häusern aus Holz, die Gärten klein und geduckt, Hühner, in eingezäunten, vielleicht in mit Weidezäunen eingeschlossenen Vierecken dazwischen, zwischen den Häusern aus Holz, die manchmal, auf der Seite, wo der Wind sie traf, der Regen, die beide immer aus der gleichen Richtung kamen, immer, schon eine fast graue, eine silberngraue Farbe angenommen hatten, sie stellte sich die Häuser und das Dorf nicht in warmen Sonnenschein vor, nicht unter flimmernder Sommerluft gelegen, sondern unter einem kalten, grauen Himmel. Abgeernteten Pflanzen und letzte, verblühte Sonnenblumen, die Köpfe schwer. Die Sonnenblumen waren dann nicht mehr grün, nirgends mehr grün, sondern braun und voller Haare, die stachelig waren und irgendwann hingen auch nicht mehr die Vögel in ihnen, um die Kerne hinauszupicken, sondern alles, was noch geblieben war, zog die Köpfe nach unten, bis sie brachen oder die Feuchtigkeit aus dem Boden die braunen Stengel hinauf zog und sie in sich zusammensacken ließ.

Das Dorf, von dem Roswitha erzählte, und das sie sich nun nicht nur mit grau und müde stehenden Häusern, sondern auch mit verblühten Sonnenblumen und abgeernteten Gärten vorstellte, das Dorf lag irgendwo zwischen Russland und Finnland. Dort. Dort war Roswitha geboren, dort war sie zur Schule gegangen, dort hatte sie, vielleicht auf dem Tanz im Sommer, es mußte doch einen Tanz gegeben haben, oder, vielleicht, trotz der müden Sonnenblumen mußte es doch in diesem Dorf, wenn alles blühte und die Köpfe sich noch mit der Sonne drehten, es mußte doch, wie in jedem Dorf in einer solchen Geschichte, einen Tanz gegeben haben, eine hölzerne Tanzfläche, auf der die Stiefel der Burschen schwer knallten und die Mädchen ihre Röcke und Schürzen schwingen ließen. Dort, dort hatte Roswitha auch ihren Mann kennengelernt. Sie hoffte es sehr, das mit den Stiefeln und der Tanzfläche und den bunten Röcken, weil es so etwas doch irgendwo in echt geben mußte, denn woher sonst sollten die Leute in den Filmen, die die Kulissen bauten und die Kleider mit den Schürzen nähten, woher sonst sollten diese dann ihre Bilder haben, irgendjemand mußte es doch gesehen haben, vor ihr und den Filmen, die sie als Kind auf dem Sofa ihrer Oma, an die geknüpften und kratzigen Rückseiten der Kissen gelehnt, gesehen hatte. Und vielleicht waren eben jene Leute, die Kameras über die Schultern gelegt, vielleicht eben in jenes Dorf gekommen, mit den grauen Häusern und den Sonnenblumen an den Zäunen der Gärten, zum Tanz, als es doch blühen mußte, ins Dorf gekommen und hatten Aufnahmen gemacht. Wie Roswitha mit dem einen Burschen immer und immer wieder getanzt hatte, die schmalen Beine unter den dicken Röcken, getanzt hatte und sich dann, denn er war groß gewesen und hatte sie angelächelt, schüchtern vielleicht, in ihn verliebt und ihn zum Mann genommen hatte, schnell war es gegangen, denn er hatte ein Haus für sich alleine, die Eltern tot, und bei Roswitha war es eng gewesen mit den Schwestern und den Eltern und sie hatten geheiratet, noch bevor die Sonnenblumen zusammengesunken waren. So stellte sie es sich vor, so, und Roswitha nickte ihr zu, als würde es genau so gewesen sein, als sie eine Pause machte, um an ihrem kleinen Glas zu nippen und den Sonnenblumen Zeit zu geben, zusammenzusacken und den Häusern Zeit zu geben, grauer zu werden unter dem grauen Himmel.

Als sie weiter sprach, die Beine immer noch adrett übereinandergeschlagen, wurde ihr Akzent schwerer, die Stimme leiser, es war keine gute Geschichte, daher war es in ihr schon am Anfang kalt gewesen, oder es war keine Geschichte, deren bunte Bilder sie sich in ihrem Kinderbuch angesehen hätte, immer und immer wieder. Es war eine Geschichte, sondern eine von denen, bei denen sie die Seiten zusammengeklebt hatte, sorgfältig mit dem Klebestift zusammengeklebt, damit sie sie nicht aus Versehen hätte aufschlagen können, oder damit sie nicht, sollte das Buch von jemand anderem aus dem Regal gezogen, vielleicht auf den Tisch gelegt werden, aufgeweht werden könnten vom Wind. Sie sehnte sich, die Krümel des Kaffees zwischen den Zähnen, den klebrigen Likör im Magen und die Sonnenblumen, matschig und braun, zu ihren Füßen, sie sehnte sich nach etwas Klebe.

Aber Roswitha erzählte weiter, ließ ihr keine Zeit nicht zuzuhören, sich selbst, oder, vielleicht, im Kopf, denn das konnte sie, sich selbst im Kopf, lauter und lauter, ein Lied vorzusingen, so laut, daß die Worte des Liedes die Geschichte überdecken würden, so wie man es tat, wenn man Nachrichten sah oder in der U-Bahn fuhr und jemand sein Kind anschrie oder ihm einfach nur immer und immer wieder sagte, wie dumm und wertlos es sei. Denn das hatte der Mann, der mit den Stiefeln, die so fröhlich auf der Tanzfläche knallten und den großen Händen, die sie hielten und im Kreis drehten, ihr immer wieder gesagt. Zuerst leise, fast traurig, sie wurde nicht schwanger, nicht im Winter, nicht im Frühjahr, dann lauter und lauter. Wenn sie kochte, wenn sie putzte, wenn sie versuchte zu singen, um sein Schweigen zu übertönen, wenn sie ging, wenn sie saß, wenn sie atmete, immer und immer wieder. Er wurde lauter, und seine Hände wirbelten nicht mehr, sondern schlugen zu. Und seine Füße, die knallten nicht mehr auf die Dielen des Tanzbodens, sondern auf sie und ihre Finger und in das Blut, das auf dem Boden war. Dort.

Und dann?“

Sie mußte diesmal stören, mußte dazwischen fragen, die Geschichte irgendwie beschleunigen, sie wollte hören, wie Roswitha da raus gekommen war, warum sie nun hier saßen, beide mit Händen und Fingern, die ohne Blut waren und die die Gläser umklammert hielten, in denen die Kaffeekrümel langsam zu Boden sanken.

Bitte.

Und dann, dann meine Kleine, wartete ich einmal auf ihn.“

Roswitha wartete auf ihren Mann, ein Lächeln im Gesicht und sein Gewehr in der Hand. Roswitha wartete auf ihn, mit dem Lächeln und dem Gewehr in der Küche, es war wieder Sommer geworden, es war noch hell, sie wartete auf ihn in ihrer Küche, auf einem Stuhl saß sie, der Boden war geschrubbt und glänzte und seine schweren Stiefel kamen hinein und sie wartete auf ihn im Sommer.

Ich schoß, in den Bauch, in sein Gesicht.“

Schwarze Krümmel im Mund, Blut auf dem Boden.

Und dann?“

Sie mußte fragen.

Bitte.

Roswitha lehnte sich zurück, die Beine adrett, adrett überschlagen, die Hände um das Glas geschlossen, die Augenbrauen mit einem feinen Strich gezogen.

Dann wartete ich wieder. Auf die, die mich abholen würden.“

Doch sie kamen nicht, keine schweren Stiefel auf dem Holz ihres Küchenfußbodens, keiner, der sie fragte und sie einsperrte und verurteilte und ihr die Strafe gab für ihr Warten und das Lächeln und das Blut.

Meine Mutter kam.“

Eine alte Frau, gebückt vielleicht, sicherlich ein Tuch, oder, vielleicht, ein Tuch, um die Haare zu schützen oder den Scheitel oder was auch immer der Grund war, warum Frauen dort und die, die alt waren, so wie ihre eigene Oma, die auch ein Tuch getragen hatte, im Garten oder zu Hause, oder wenn die Haare nicht gelegt waren, gelegt, das Wort hatte sie behalten, denn es war so anders gewesen und damals hatte sie nur gewußt, daß man Haare kämen konnte, bürsten, flechten, aufdrehen sogar, die von Tieren striegelte man, vielleicht glättete man sie oder schmierte etwas hinein, Gel, oder bei den alten Männern Pomade, aber ihre Oma, ihre Oma, hatte gelegte Haare gehabt, fein nebeneinander gelegt, eins neben dem anderen, fein gelegt. Aber die Frau hier, Roswithas Mutter, stand mit einem Tuch auf dem Kopf in der Tür, das Tuch hatte sicherlich kleine blaue Blumen auf einem roten Grund gehabt, und sie stand dort und sah ihre Tochter, deren blaue Flecke und geschwollenen Augen und so zertretene Hände sie nicht hatte sehen wollen, sah ihre Tochter also und den Mann auf dem Boden mit dem roten Fleck auf dem Hemd und dem roten Fleck dort, wo die Reste seines Gesichtes waren.

Sie guckte, und dann ging sie. Sie kam nicht herein.“

Sie konnte nicht anders, sie mußte wieder fragen, wieder und wieder fragen, bis die Geschichte vorbei wäre, sie mußte es:

Und dann?“

Bitte.

Dann wartete ich, wieder.“

Aber keine Stiefel, keine Schwester, kein Vater oder Bruder oder wen auch immer die Mutter hätte holen können in die Küche und zu der Tochter und zu dem Mann und den Fliegen, Fliegen jetzt. Stattdessen hörte Roswitha leise, feine, sanfte Schritte, nicht die der beschlagenen Stiefel oder der Holzsohlen, sondern andere, vorsichtigere, leichtere.

Bitte.

Das Glas mit den Resten der Kaffees rutschte ihr aus der Hand. Es mußte gerutscht sein, ihre Hände vielleicht feucht, es war vielleicht doch nicht so kalt hier oben auf dem Dachboden wie sie gedacht hatte, vielleicht sogar eher warm, sie schwitzte sicherlich und das Glas, so glatt, war gerutscht und sie konnte nicht mehr danach greifen und sie merkte, wie sie kurz aufschrie, ein kleiner unkontrollierter Laut, doch er reichte, um Roswitha zu unterbrechen, so wie es der Knall, der Knall des Glases auf dem Boden des Dachbodens nur einen winzigen, winzigen Moment später ebenso getan hätte, tat.

Bitte.

Das Glas fiel, Roswitha hörte auf zu reden. Sie wurde rot, sie merkte, wie sie rot wurde und schnell aufstand, schnell, um einen Besen oder eine Kehrschaufel oder irgendetwas zu holen, um die Scherben und die schwarzen Krümel zu beseitigen, rückgängig zu machen, daß sie das Glas hatte fallen lassen, inmitten der Geschichte, inmitten der Pause, die Roswitha gemacht hatte, um Luft zu holen und um dann zu erzählen, was anscheinend hier in diesem Haus und hier in der Wohnung zu erzählen war, erzählt werden mußte. Jemand war gekommen, schmale Hände, oder, vielleicht, kurze Haare und rote Lippen, oder, jemand, der das mit dem Blut verstehen konnte, daß es nicht anders hätte geschehen können, geschehen hatte müssen und dann hätte Roswitha ihre Tasche gepackt, nein, einen Koffer, einen alten Koffer, nicht aus Leder, sondern aus Pappe, aus Papier, mit Schlössern, die sich verzogen hatten in der Feuchtigkeit des Herbstes, unter der ja selbst Sonnenblumen zusammensanken in dem Dorf mit den grauen Häusern. Und in dem Koffer wären zwei Strumpfhosen gewesen, zwei von den guten, und einige Kleider, aber nicht das Kleid, das damals geschwungen worden war beim Tanz, und Roswitha wäre mitgekommen, raus aus dem Dorf, woanders hin, und jetzt kam Roswitha hierher und räumte Geschirr ab und putzte das kleine Zimmer mit dem Reiniger, der nach Zitrone roch und zeigte ihre immer noch so adretten Beine. So mußte es gewesen sein, das mußte doch das sein, was Roswitha erzählt hätte, wenn das Glas nicht gefallen wäre, wenn das Glas nicht gefallen wäre.

Ihr Aufstehen hatte den kleinen Tisch zum Schwanken gebracht und Roswitha war auch aufgestanden und lächelte trotzdem und das war gut und dann hörte sie leise von unten eine Stimme, die etwas rief.

Du gehst jetzt nach unten, ja? Geh, ich räume auf. Geh.“

Und ihr bleib nichts anderes übrig, als Roswithas ausgestreckter Hand zu folgen, den Dachboden zu durchqueren, die kleine Stiege nach unten zu klettern hin zu der Stimme und dem Sessel und der Frau.

Bitte.