Blinzeln

IMG_0334In meiner Welt gibt es keine Störche, also keine echten. Keine Ringelnattern, nicht sonderlich viele kleine oder große Vögel. Tauben zwar, also fliegende Ratten, zwei Elstern im Innenhof, Möwen, immerhin lebe ich in einer Stadt, die Möwen hat, immerhin, wobei die Möwen hier nicht aussehen, als würden sie Emma heißen, vielmehr heißen sie Ronny, Michi, Kevin, Jan und wie auch immer und so weiter und streifen als Bande zwischen den hohen Häusern umher, auf der Jagd nach einer Taube oder irgendetwas Anderem, was kleiner ist. Sogar Möwen sind in der Stadt so. Also so wenig meiner Welt entzogen. Und jetzt habe ich Störche gesehen, viele, fliegende, freie, echte, mitsamt ihren Nestern in Dörfern, die entweder und zunächst fachwerk- oder klinkerrotstrahlend zu hübsch waren, oder dann einen Großteil ihrer Häuser in dieses Eine, zeitferne, östliche graugraubraun tauchten, mit Geranien vor einfachverglasten Fenstern. Telefonmasten aus Holz. Viele kleine, große, andere Vögel gab es auch, und, bezeugt von weniger welterzwingenden Augen als den meinen, ein Paar Seeadler hoch am Himmel. Ich habe Landschaften gesehen, glaube ich, also irgendwie Zusammenhänge von Dingen, die da sind und sich beschreiben lassen sollten, doch etwas entzieht sich meiner Sprache. In den seerosenüberwucherten Kanälen und wurzelverwachsenen Uferbereichen muß es noch Dinosaurier geben, unsichtbare. Die sind nämlich gar nicht ausgestorben, die haben sich nur der Sichtbarkeit entzogen. Ich bin einfach zu jung. Meine roten Fuß und Fingernägel sehen immer noch so aus wie die, die meine Mutter mir damals erlaubt hat zu lackieren. Übergemalt und verwackelt, bunte Farbe auf ewig Kinderhänden und ungelenken Füßen. Ich kann deshalb wohl nicht über Natur schreiben, dafür braucht man andere Hände. Fahrradreifen auf Plattenwegen, die sich durch Felder, Wälder und Dörfer zogen. Wenn man richtig rollt, ist es wie in den alten Hollywoodfilmen, in denen Schauspieler in stehenden Autos sitzen, und Kulissen an ihnen vorbeigezogen werden. Die Fugen zwischen den einzelnen Platten, oder vielmehr das Blinzeln der Filmrolle. Das Blinzeln ist das, was Ahnung genannt wird, oder? Ich mit meinen Kinderhänden weiß es nicht so genau. Das graugraubraun der Häuser könnte auch der Pappmaché geschuldet sein. Dinge, von denen man nichts hätte wissen sollen wollen. Der eine kleine Mensch neben mir im Boot, sechs Jahre alt. Große Augen, die alles sehen. Und hoffentlich, da ich nicht immer weiß, wie ich noch mehr erinnern soll und kann, wenigstens für ihn die Erinnerung an den einen Sommer, wo Deutschland Weltmeister wurde, er in einem roten Plastikkajak saß, es Nudeln vom Gaskocher gab, er Abends die Gespräche der Erwachsenen durch die dünnen Zeltwände belaschen konnte, Mücken ihm die Beine zerstachen und alles, alles, alles nach Sonnencreme und Sommer roch.