Zirkus Nirgendwo

IMG_0073Manchmal schreibt die Fuchs auch Geschichten für kleinere und größere Kinder. Viele davon spielen in einem Zirkus mit dem seltsamen Namen Nirgendwo. Hereinspaziert!

Die Tiger, das Brüllen und die kleine karierte Frau

 

In dem kleinen Zirkus gab es noch etwas Besonderes, etwas, das kein anderer Zirkus hatte und das die gesamte Truppe mit Stolz und Ehrfurcht erfüllte. Eines Tages nämlich hatten die Tiger aufgehört zu Brüllen. Nicht, weil sie krank waren, nein. Nicht, weil sie Halsschmerzen hatten oder Zahnweh oder Fieber. Nein, die hatten aufgehört zu brüllen, weil sie zu lange unter Menschen gelebt hatten. Es gab keinen Grund für sie, zu Brüllen und die Zähne zu zeigen und majestätisch durch die Manege zu schreiten. Denn sie mochten, wie sie lebten, hatten einen warmen Wagen und bekamen ausreichend Futter, der Dompteur kraulte ihnen nach jeder Vorstellung das Fell. Einmal hatte Jonny Paletti lange vor ihnen gestanden, mit einer Leinwand und einem Pinsel und sie immer wieder mit gerunzelter Stirn angeblickt. Nach einigen Stunden hatte er dann die Leinwand umgedreht und ihnen gezeigt. Ein wildes Bild, voller Dschungelpflanzen, voller dunkler, brauner Erde und tanzenden Lichtflecken. Und mitten drin hatte er sie gemalt, die Tiger, mit blitzenden Augen und scharfen Krallen. Die nassen Dschungelpflanzen mischten sich mit ihren Streifen. Da hatten sie sich erschrocken, hatten gezittert und gefröstelt, als sie zu spüren meinten, wie sich die nassen Blätter des Dschungels mit ihren Streifen mischten und hatten ihre schweren Köpfe voller Angst zwischen ihren Tatzen versteckt. An einem solchen Ort wollten sie nicht leben. Sie lagen lieber in der Sonne und ließen sich das weiche, weiße Fell ihrer Bäuche wärmen. Das Publikum war enttäuscht, die Kinder machten große Augen und Tränen der Enttäuschung fielen auf den mit Sägespänen ausgelegten Boden des Zirkuszeltes, wenn der Dompteur seine gähnenden und verschlafenen Tiger in die Manege holte – und kein Brüllen, kein Fauchen zu hören war. Und dann kam eines Tages nach der Vorstellung eine kleine runde Frau in einem wolligen, karierten Kostüm auf den Direktor zu, die Haare zu einem strengen Knoten zurückgebunden, eine dicke Brille auf der Nase und einen ebenfalls karierten, ordentlichen Koffer in der Hand. Sie schien so gar nicht in den Zirkus zu passen – und der Direktor fragte sich schon, ob sie vielleicht eine Tante wäre, eine entfernte Tante einer seiner Artisten, die zu Besuch war, denn wie eine Tante sah sie aus. Doch die kleine karierte Frau stellte ihren Koffer ab, blickte sich um und fragte: Haben sie eine Aufgabe für mich? Ich suche eine Aufgabe, irgendeine, aber nirgendwo finde ich etwas.“ Der Direktor, der ja sehr groß war und auch noch seinen Zylinder trug, ging höflich in die Knie, um der kleinen Frau in die Augen zu blicken und fragte neugierig, den neugierig war der Direktor ja immer und eine so kleine und karierte Frau hatte er zuvor noch nicht gesehen: Meine verehrte Dame, was haben sie denn früher gemacht?“ Ich kann mich nicht erinnern.“ Die kleine Frau schüttelte mit dem Kopf. Es muß etwas sehr langweiliges gewesen sein.“ Der Direktor nickte bei dieser Antwort, denn auch er hatte, aber das ist eine andere Geschichte, einmal, früher, vor langer Zeit, ganz fürchterliche Langweile gehabt. Vielleicht zeige ich ihnen einfach mal Alles, und dann finden sie sicherlich eine Aufgabe hier. Hier findet jeder etwas.“ Sie gingen vorbei an den Wagen der Artisten, die mit wilden Sprüngen und Verrenkungen Fangen spielten. Der Direktor hielt an und die kleine Frau beobachtete alles ganz genau. Nein, hier ist keine Aufgabe für mich“, sagte die kleine Frau. „Ich kann mich so schlecht verbiegen.“ Der Direktor nickte und sie gingen weiter. Sie gingen vorbei an dem Zelt des Zauberers, der gerade mit einem lauten Knall ein Kaninchen aus seinem Zylinder fallen ließ. Nein, hier ist auch keine Aufgabe für mich. Ich mag es nicht, wenn es so knallt.“ Der Direktor nickte und sie gingen weiter. Sie gingen vorbei an der dicken Seiltänzerin, an dem Clown mit den Pistolen, an dem bunten Wagen von Jonny Paletti und an dem mit geheimnisvollen Zeichen bemalten Wagen der Gräfin, die gerade einem Besucher die Karten legte. Aber nirgends war die Aufgabe der kleinen Frau zu finden. Als sie zum Käfig der Tiger kamen, blickte die kleine Frau auf die dösenden Tiere und schüttelte mit dem Kopf und schnalzte mißbilligend mit der Zunge. Was ist das hier denn für ein verschlafener Haufen. Ihr seid Tiger, ihr müßt doch brüllen und dafür sorgen, daß die Menschen wissen, was es heißt, wild zu sein.“ Aber die Tiger blinzelten nur kurz aus ihren verschlafenen Augen und legten ihre Köpfe nur um so gemütlicher auf ihre Tatzen oder kauten an den großen Karamelbonbonknochen, die ihnen der Dompteur nach jeder Vorstellung gab. Der Direktor zuckte mit den Schultern. Die Brüllen schon lange nicht mehr, sie haben es verlernt.“ Die kleine karierte Frau blickte immer noch versonnen in den Käfig, dann setzte sie ihren Koffer ab, nahm die Brille von ihrer Nase, räusperte sich kurz und holte tief Luft. Sie hielt einen Moment inne, zwinkerte ein- oder zweimal, und öffnete den Mund. Aus ihrer Kehle drang ein lautes, wildes und so tiefes Brüllen, daß die Tiger aufsprangen, sich erinnerten, wer sie waren, die schweren Köpfe schüttelten und ebenfalls zu Brüllen begannen, lauter, wilder und schöner als je zuvor. Der Feuerschlucker verschluckte sich an seinem Feuer und hustete kleine Rauchwolken, die Akrobaten purzelten wild übereinander und das Kaninchen raste vor Schreck wieder in den Zylinder zurück. Alle kamen herbeigelaufen und sahen die kleine Frau an, die mit einem zufriedenen Lächeln vor dem Tigerkäfig stand. Der Direktor nickte weise, rückte seinen verrutschten Zylinder wieder grade und sagte nur: „Ich denke, Sie haben ihre Aufgabe gefunden.“ So kam es, daß der kleine Zirkus der einzige Zirkus der Welt war, der eine Tiger-Souffleuse hatte, die bei jeder Vorstellung vor den Tigern saß und sie daran erinnerte, wie es war, brüllen zu können.