eine andere Art

DSC_0008Das T-shirt klebte an ihrem Rücken, dort, wo der Rucksack auflag. Schweiß lief über Nervenbahnen, die zwischen dem hochgerutschten Shirt und der zu tief sitzenden Hose dicht unter der Haut freilagen. Eine seltsam verletzliche Stelle des Körpers. Eine Gleichmachstelle, ungeschützt heute vor Blicken und Salz. Sie hätte ein längeres Shirt anziehen sollen. Der Fahrradsattel klebte. Alles klebte heute in dieser Stadt. Aus dem Mülleimer waren ihr Fruchtfliegen entgegengeflogen, als sie den Schwingdeckel nach hinten drückte. Ein Kampfgeschwader in eine Wolke von süßem Geruch. Die Melone von gestern. Und die schimmeligen Reste vom Abendessen. Sie hatte den Deckel zurückschwingen lassen und einige von ihnen dabei erwischt. Der überlebende Rest würde sich kugelrund fressen. Melone im Überfluss. Überfluss, überflüssig, mehr als flüssig. Die Steigerungsform von Flüssig ist Gas. Die Jungs sagten zum Abschied: Bleib geschmeidig! Kein schlechter Rat für diese Stadt und diese Zeit. Zumindest eckte man als Geschmeidige nirgend an, oder zumindest nicht so leicht. Aber was passierte, was passierte zwischen ihr und dem Anderen, sollte sie noch geschmeidiger, vielleicht sogar flüssig, überflüssig werden? Sie würde wohl durch die Maschen der Welt tropfen. Quallen starben so, wenn sie gewaltsam starben, denn durch Alter starben die nie, nie wirklich. Quallen waren unsterblich, sie gebaren und teilten sich einfach immer wieder neu, durchliefen einen Lebenszyklus nach dem anderen. Ob die sich wohl, würden sie sich erinnern, an die vorherigen Leben erinnern konnten? Wenn das so wäre, müßte es nicht eine Ursprungsqualle geben haben, und an deren Leben erinnerten sich dann alle späteren Quallen? Menschen vergaßen die Erinnerungen der Vorherigen, und deren Schuld, manchmal. Raus hier, also raus aus der Stadt, raus aus der Hitze. Irgendwohin, wo Wind wehen würde. Aber das war zu weit. Irgendetwas schweres und kalt metallisches saß seit heute morgen auf ihrer Brust, saß dort fest, schnurrte und bewegte sich nicht mehr. Der alte Park war näher, und würde ihr zumindest die Illusion von Luft bieten können. Wenn sie dort die Augen schloß, und das Gesicht in die Sonne hielt, tanzten Punkte auf ihren Augenlidern – und sie könnte sich vorstellen, daß das Sauerstoffmoleküle wären, die vor ihr tanzten, abgegeben von den Bäumen. Moleküle, bunte, glitzernde Bälle, mit denen sie dann ihre Lunge füllen könnte. Langsam füllen, und diese Moleküle würden sich ausdehnen, sich an die Lungenbläßchen kleben und so vielleicht ausreichend Druck aufbauen, um den bösen Katzenroboter etwas anzuheben. Luft konnte das. Aber die Luft, die sie einatmete, als sie die letzten Meter zum Park fuhr, war tot von Stadt. Sie konnte den Widerstand beim Fahren auf ihrer schweißnassen Haut spüren. Wehtu-Luft. Der Sandsturm bei Old Shatterhand – nur ohne dessen Glauben. Der Park war früher ein Friedhof gewesen, Grabsteine säumten seine Wege, nur wenige Namen noch zu lesen. Ob sie wohl damals, als der Friedhof zum Park geworden war, die bröseligen und schwarzen Knochen der Toten ausgegraben und irgendwo anders wieder eingegraben hatten? Vielleicht gemeinsam in einen Müllsack aus blauem Plastik geworfen, dann ohne Grabrede, denn die hatten sie doch schon gehabt, auf einem neueren, unverbrauchteren Friedhof verscharrt? Vielleicht aber lagen hier unter ihren Füßen doch noch Knochen. Vielleicht galten sie nach ausreichender Zeit ja nicht mehr als menschlich. Vielleicht wurden sie ja irgendwann etwas anderes, über dem man dann seine Decke ausbreiten und joggen durfte. Aus Knochen kochten Menschen Seife. Kochten Menschenknochenseife. Es war heiß. Sie sehnte sich nach dem Geruch von Chlor, Sonnenmilch und nassem Gras. An Tagen wie diesen und mit Gedanken wie diesen wollte sie die Gattung wechseln, kein Mensch mehr sein. Sie berührte ihren Bauch mit feuchten Händen. Wenn sie Leben in ihrem Bauch mit sich herumschleppen sollte, wenn sie das sollte, und es konnte gut sein, etwas war dort, etwas war ein Mehr, ein Zuviel vielleicht, dann sollte es, nein, dann mußte es anderes Leben sein, eine andere Art. Sie wollte keinen weiteren Menschen gegen die Welt werfen. Die Welt tat weh. Vielleicht würde es ein Tier, oder besser noch eine Pflanze – vielleicht, wenn sie es sich nur fest genug wünschte. Oder irgendetwas dazwischen. Der Schweiß lief ihren Rücken entlang und kreuzte die nackten Nervenbahnen. Sie hatte sich ein Stück Wiese ausgesucht, das nicht voller Brandwunden durch ausgeglühte Kohlen und Zigarettenenden war. Sie legte ihren Rucksack neben sich, öffnete den Reißverschluß, zog die Decke heraus. Es war eine wollige, eine kratzige Decke, die nicht zu diesem heißen Tag und diesem dünnen Park passen wollte. Es war die Decke ihrer Oma. Es war kalt in der Wohnung ihrer Oma gewesen, die immer ein Fenster offen stehen haben mußte, immer, immer, immer, da sie im Krieg vor Bomben in einen Keller geflüchtet und dort verschüttet worden war. Blutige Hände und abgerissene Fingernägel. Der linke Ringfingernagel und der rechte kleine Fingernagel, die waren nie nachgewachsen, die Fingerkuppen ihrer Oma rund und stumpf. Manchmal, manchmal kam aus der Decke heraus noch ein fadenscheiniger Geruch nach Hühnersuppe und alter Haut. Irgendwo mußte, mußte, mußte doch Trost zu finden sein. Müde. Es machte sie müde. Sie breitete die Decke aus. Ihre Schuhe klebten an ihren Füßen und die Socken waren feucht. Als Kind hatte sie es geliebt, die Socken am Abend vorsichtig von ihren Füßen herunterzurollen, dann die Flusen zwischen ihren Zehen hervorzupullen, eine Lücke nach der anderen mit ihrem Zeigefinger zu durchfahren. Die Welt von ihrem Körper zu entfernen. Heute ging das nicht mehr. Der Himmel über ihr war einzig blau, er hatte dieses heiße Fahle, daß sie sonst nur kannte aus Erinnerungen an Felder und staubige Wege, an Karren oder Anhänger, auf denen Ernte eingefahren wurde. Getreide wohl, trocken und ohne Duft. Es waren nicht ihre Erinnerungen, sie war nie irgendwo gewesen, nirgendwo, wo die Felder weit standen. Es war eine fremde Erinnerung, eine, die sich hineingeschlichen hatte in ihren Kopf, vielleicht aus einem Buch oder einem Film, und die sie nun mit diesem Blau verband. Erinnerungsimplantate. Ein ganzer Kopf voll. Heute die blauen und grausamen. Kein Trost. Güterzüge fuhren durch die Felder, zogen Waggons. Sie legte sich hin, auf den Rücken, vorsichtig. Sie wollte das, was dort drinnen sein konnte, nicht zerquetschen. Trotz allem. Vielleicht war es ja ein feinporiger, weicher, weißer Pilz, der seine zarten und tastenden Auswüchse durch ihren Körper schickte. Gut. Das gefiel ihr. Sie lächelte. Nahrung werden, übergehen in den Pilz und sich mit ihm gemeinsam dem Menschsein verweigern – und sie würden sich keinen Namen geben lassen.