Ferne

Ich habe einen neuen Freund. Er heißt Arch. Wahrscheinlich ist das die Abkürzung von Archibald, aber ich traue mich nicht, ihn danach zu fragen. Arch lebt 11.735 Kilometer von mir entfernt. So ungefähr jedenfalls. Wie ich ihn kennengelernt habe? Wenn wir jetzt hier ein Bild hätten, also zwischen mir und Euch, würdet Ihr sehen, daß ich, meinen Laptop auf dem Schoß, in der kleinen Abstellkammer in meiner Wohnung sitze, hinter mir eine Wasserkiste, einige Konserven und der Staubsauger. Ich mag diese Kammer, und wenn mir die Welt zu nah kommt, verstecke ich mich in ihr. Meine Antennen sind dann nicht ständig so überladen. Wenn es ganz schlimm ist, zähle ich Wäscheklammern. Manchmal surfe ich auch, also im Netz. Dann darf ein kleines Kabel aus der Tür heraus in den Flur ragen. Als ich Arch kennenlernte, saß ich genau so an meinem Laptop und suchte etwas Fernes. Das tue ich manchmal, wenn die Welt so verdammt nah ist. Und ich tippte in die Suchmaschine ein: Hawaii. Sie zeigte mir viele Bilder. Ich klickte eines nach dem anderen an: Strand, Wasserfälle, Wellen. Nicht fern genug. Kurz bevor ich aufgeben, den Rechner herunterfahren und doch schlafen gehen mußte, fand ich Arch. Oder seine Sternwarte. Also nicht seine, sondern die, in der er arbeitet. Oben auf einem Vulkan. Mauna Kea. Auf dem eigentlich höchsten Berg der Welt, nur eigentlich am höchsten, weil er eingesunken ist. Der Gipfel eines weltversunkenen Vulkanes mit großen silbernen Teleskopen oben drauf. Das war schon ferner. Zuerst eine Außenkamera. Das Gelände steinig, sandig, dunkle Steine und schwarzer Sand. Lava und so, ein Vulkan. Keine Pflanze. Einige Schotterwege. Und dann rechts, eine glänzende Kuppel, ein flaches Gebäude. Dann noch eine, noch eine. Geöffnete Kuppeln, irgendwelche technischen Anlagen, einige Autos. Dahinter Himmel. Dann versuchte ich auf den Aufnahmen, die die Teleskope selbst gemacht hatten, etwas zu erkennen. Die konnte ich anklicken und dann wurden sie groß. Abkürzungen, Zahlen und Buchstaben, unter verwaschenen Flecken in grau oder weiß auf schwarz. Vielleicht könnte das ja fern genug sein. Immerhin erkannte ich nichts. Daher schrieb ich unter comments: „Hi. Excuse me, what should I see?“ Und so lernte ich Arch kennen. Denn er antwortete mir. Zuerst schrieb er mir, was auf dem Bild zu sehen war. Das konnte er gut. Er klang begeistert. Schien gerne zu erklären. Vielleicht hielt er mich auch für ein Kind, oder einen Studenten. Ich lernte von Arch, was auf den Bildern zu sehen sein sollte. Ich suchte Arch im Netz. Er hatte eine Doktortitel und auf den Photos sah er jung aus. Ich bedankte mich höflich. Höflich sein hilft. Und fragte dann noch: „One last question, I’m sorry to bother you and I’m hoping I’m not stealing your time. But: How far away from me and you are these things? Are they far away – far away enough? I mean: Far away enough like being – outside?“ Ich hoffte, er würde mein rumpeliges Englisch verstehen. Arch antwortet nicht. Ich wollte immer noch nicht schlafen. Dann kam eine kurze Nachricht. „We should change to spoken words now. Are you contactable on skype?“ Ich trug eine dicke Schlafanzughose und ein T-shirt, auf dem Oscar in seiner Tonne zu sehen war. Ich saß in meiner Abstellkammer. „Yes.“ Es tutete. Ich klickte auf das Hörersymbol und Arch tauchte auf. Er war jung. Seine linkes Ohr stand ein wenig mehr ab als sein rechtes. Ich hatte gedacht, er säße irgendwo an einem Schreibtisch. Oder bei den Teleskopen oder wo auch immer. Offiziell. Sozusagen an dem offiziellen Fragen-aus-dem Internet- Beantworter-Platz. Aber er saß sehr dicht vor der Kamera, das Bild wackelte. Das kannte ich, er hatte seinen Laptop auf den Knien. Und er saß auf dem Boden. Es war ganz schön dunkel, wo er war. Hinter ihm stapelten sich irgendwelche weiße Rollen, standen Besen und einige Eimer. Er schüttelte leicht, traurig vielleicht sogar, mit dem Kopf, als er mir auf meine Frage antwortete. Ich hatte es mir schon gedacht. Das Gute daran ist: Seit dem sind wir Freunde, Arch und ich.