flatted fifth

flatted fifth

Blues

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I

Und dann, und dann hörte er es. Die Stimme klang rau und tief, breit und weich, fremd und so nah an seinem Ohr.

You’ve got the blues, boy!“

Und er schaute hoch und sah das schwarze Gesicht, das unter dem engen Hut und dem steifen, weißen Kragen leuchtete, spürte die warme Hand auf seinem Kopf.

You’ve got the blues, boy.“

I

Damals, vor so vielen Jahren, stand Michael Peppel in der Bahnhofshalle an der schwitzigen und schlaffen Hand seines Vaters, war müde und hungrig und durchgefroren und weinte leise. Und dann, und dann hörte er es, die Stimme, rau und tief, breit und weich, fremd und so nah an seinem Ohr:

You’ve got the blues, boy!“

I

Er war sechs Jahre alt, als er an der schwitzigen und schlaffen Hand seines Vaters in die Bahnhofshalle trat. Sein Vater blickte immer wieder auf seine abgestoßene Taschenuhr, nervös. Mike Pebbles hatte dann einen Song über diese Uhr geschrieben, einen Song, den er „Daddys Pocketwatch“ nannte. Einen Song über einen kleinen Jungen, der an der Hand seines Vaters in der Bahnhofshalle stand und dann, und dann eine Stimme, rau und tief, breit und weich, fremd und so nah an seinem Ohr sagen hörte:

You’ve got the blues, boy!“

I

Es war der Zug um 13.40 Uhr gewesen, einer von jenen, die ohne Halt durch die Bahnhofshalle fuhren. Eigentlich ohne Halt. Doch an diesem Tag, an dem Michael Peppel plötzlich ohne die schwitzige und schlaffe Hand seines Vaters in der seinen auf dem Bahnsteig stand, hielt der Zug dann doch. Zu spät, zu spät.

You’ve got the blues, boy.“

IV

Aus Michael Peppel wurde nicht über Nacht Mike Pebbles. Erst mußte er groß werden, größer. So groß, daß er die Hand seines Vaters hätte halten können. So groß, daß er alleine durch die Straßen und Bahnhöfe der Stadt streifen konnte. Und so groß, daß er Nachts in die kalte Küche schleichen und leise das Radio anmachen konnte. Er mußte lange, lange an den Knöpfen drehen, lange, lange lauschen und den Atem immer wieder lange, lange anhalten, um auch keines der Wörter zu verpassen. Bis er wieder eine Stimme hörte, die rau und tief, breit und weich, fremd und so nah an seinem Ohr war, sich mit dem aufgeregtem Stampfen seines Herzens unter der klammen Schlafanzugjacke vermischte und ihn vor Aufregung zum Weinen brachte.

Er hatte den Blues gefunden.

IV

Die Mundharmonika hatte er an einer Ecke einem älteren Mann abgekauft. Eine Flasche Wodka gegen ein handtellergroßes Stück Blech. Er übte, Tag und Nacht. Als er, müde, erschöpft und entmutigt durch seine Ergebnisse eines Nachts in seinem Zimmer saß, die Beine gekreuzt und den Rücken gegen die kalte Mauer gelehnt, entfuhr ihm während des Spiels ein Schluchzen, ja fast ein Weinen, und ein einzelner, langgestreckter, und so fremdvertrauter Ton erklang.

Er hatte den Blues gefunden.

I

Mike Pebbles, würde heute Besuch bekommen. Schon vorhin hatte er sie gehört, wie sie sich unten vor dem Fenster versammelt hatten, ein Brummen und Summen, ein Raunen, das rau und tief, breit und weich, fremd und so nah an seinem Ohren war. Und sie kamen näher, das konnte er hören, das konnte er hören.

You’ve got the blues, boy.“

I

Vierzehn von Ihnen waren in seiner Not zu ihm gekommen, vierzehn von Ihnen waren durch das Treppenhaus gegangen, hatten die große Flügeltür aufgestemmt, waren den Gang herunter geschritten und standen nun an seinem Bett. Das Brummen und Summen, das steige Raunen, hörte plötzlich auf. Und dann, und dann erklang eine Stimme, rau und tief, breit und weich, fremd und so nah an seinem Ohr.

You’ve got the blues, boy.“

V

Endlich eingeschlafen. Doch dann drang wieder und wieder das entrüstete Piepen und Pfeifen des Monitors neben seinem Bett an sein Ohr. So laut, so laut. Er wollte doch nur schlafen, nur schlafen. Schwester und Arzt konnte er es nicht sagen, wie denn auch. Durch den Schnitt an seinem Hals hatten sie ein Rohr geschoben und durch dieses Rohr strömte im immer gleichen Rhythmus Luft schmerzhaft klar in seinen Rachen und dann in seine Lunge. Sein Brustkorb hob und senkte sich dann, hob und senkte sich. Er ekelte sich vor diesem Berg unter der Decke, den er aus den leicht geöffneten Augen heraus im immer gleichen, stumpfen Rhythmus pulsieren sah. Er versuchte, das stetige Heben seines Brustkorbes zu ignorieren. Und das Piepen und Pfeifen des Monitors. Sehen konnte er ihn nicht. Er hatte versucht, die Geräusche zu verändern, das Piepsen in einen anderen Rhythmus zu bringen, doch was sollte er tun? Die Luft anhalten ging nicht, wie denn auch – das alles machte ja die Maschine für ihn. Eigentlich ging so gesehen ehrlich gesagt beschissenerweise gar nichts mehr, denn dafür müßte er mehr von seinem Körper spüren als nur das kalte Strömen, das kalte Strömen der klaren und sterilen Luft gegen die immer gleiche Stelle seiner Kehle. Heute, heute würde es aufhören, es würde aufhören. Sie hatten an seinem Bett gestanden, alle in den gleichen weißen Kitteln mit den gleichen, weißen Schuhen, den sauberen und hohen Gesichtern. Und der Alte hatte zu den Jungen gesagt, daß das dort vor Ihnen Michael Peppel war, und daß es Zeit sei, die Sache zu beenden.

Mike war froh, daß es Michael war, der beendet werden würde.

IV

In der Stadt kannte man ihn. Ihn, Mike Pebbles, den Musiker. Der, der auf den Bahnhöfen und auf den Bahnsteigen mit seiner Mundharmonika spielte. Der, der in seiner Nische saß, den Rücken an den zugemauerten Durchgang gelehnt, und seine Musik durch die Fugen der Mauer ins Nirgendwo schickte. Und in dessen Songs, und in dessen Songs dann, die vibrierend und laut durch die Gänge und Hallen strömten, ein einzelner, langgestreckter und so fremdvertrauter Ton erklang.

Er hatte den Blues gefunden.

I

Nach und Nach traten sie in sein Zimmer, er konnte ihre Bewegung aus den Augenwinkeln heraus sehen. Sie gingen zum Kopfende seines Bettes und verbeugten sich leicht, dann stellen sie sich um ihn herum auf: John Lee Hooker, Howlin’ Wolf, B. B. King, Muddy Waters, Big Walter Horton, Big Joe Turner, Big Mama Thornton, Hound Dog Taylor, Etta James, Elmore James, Blind Lemon Jefferson, Sister Rosetta Tharpe, Robert Nighthawk und schließlich Bessie Smith:

You’ve got the blues, boy.“

I

Und statt eine Hand auf seinem Kopf zu spüren, spürte er nun eine Hand auf seinem Gesicht. Warm drückte sie seinen Kiefer auseinander, drückte seinen Kiefer auseinander, bis sein Mund weit geöffnet war. Dann holten die Vierzehn Luft. Sie holten Luft, und ein Brummen, ein Summen, ein Raunen erfüllte den Raum, ließ die Vorhänge wehen und das Bett erzittern. Und dann hörte er es, hörte es endlich. Seine Stimmbänder, so lange nicht mehr berührt, so lange nicht mehr von Luft berührt, so lange ohne Bewegung, nahmen den Gesang auf, fingen an, in diesem Strom von Gesang zu vibrieren, immer stärker, und ein einzelner, langgestreckter und so fremdvertrauter Ton erklang, mischte sich mit dem Gesang der Vierzehn und ließ seinen Körper erzittern.

You’ve got the blues, boy.“

blues