und unter ihm das tiefe meer

IMGfür Alice (das Ende fehlt)

1

Ihr Nachbar, der in der Kellerwohnung lebte, starb an einem Schuß. Ein Schuß, selbst aufgesetzt an die hohe Stirn. Alice fragte sich, ob er wohl bis drei gezählt hatte, bevor er abdrückte. Vor all dem, vor dem Schuss, sind sie oft spazieren gegangen, sie und er. Haben die Bilder bewundert auf den Zügen und dem Beton der Brücken. Manchmal schimmerte dann noch Farbe an ihrer beider Hände. John nannte Alice Baby, doch sie wollte ein Baby von ihm, das seine Augen weiter tragen würde. Er sagte, daß er lieber zu zweit bliebe. Sobald drei Menschen zusammen wären, könnten zwei von Ihnen eine absolute Mehrheit bilden und den anderen auslöschen. Zwei Menschen jedoch würden nach einer solchen Tat mit Einsamkeit gestraft und wären daher vorsichtiger. Die Zweisamkeit ihrer Spaziergänge also war John heilig. Auf diesem Spaziergang erzählte er ihr auch, vielleicht weil er merkte, daß sie noch nicht überzeugt war von der Notwendigkeit ihrer Zweisamkeit, daß die Mathematik noch keine Möglichkeit gefunden hätte, das Dreikörperproblem zu lösen. Beim Dreikörperproblem ginge es um Bahnen umeinander her und um Anziehungskraft. Die Bewegungen in solchen Dreikörpersystemen verliefen unvorhersehbar-chaotisch. Die Mathematiker könnten es nicht berechnen. Das machte John, der an Zahlen glauben wollte, traurig. Sie verstand nicht viel davon, aber ihr gefiel, daß es noch so etwas Wildes, Ungezähmtes auf der Welt geben sollte. Wie die grauen und weißen Fliesen, die auf ihrem Badezimmerboden lagen und in denen sie, noch nach Jahren, keinen Rhythmus von Wiederholung erkennen mochte. Sollte der kleine italienische Handwerker damals wirklich einfach die Fliesen frei gelassen haben, ohne ihnen ein Muster zu geben? Sie würde ihn dafür lieben mit all ihrer Kraft. John lachte wieder, als sie ihm von dem Fliesenleger erzählte. Aber sie würde ihn sowas von lieben und mit ihm woanders hingehen, woanders hin, wo die Sonne warm schien. Doch das sagte sie John lieber nicht. Ihre Spaziergänge führten sie über Bahnschienen, durch die Flächen zwischen den Gleisen, an den schillernden Zäunen und Zügen entlang bis in die Schrebergärten. Dort hatte Alice eine stets nach Hühnersuppe und Kölnisch-Wasser riechende Hütte von ihrer Oma geerbt. Sie glaubte, der Geist der alten Frau wäre noch dort, aber traute sich nicht, es John zu sagen. John klaute Äpfel aus den Gärten der Nachbarn. Er war wagemutig und kletterte über die Zäune, auch über die mit Stacheldraht, hinter denen die schönsten und größten Äpfel waren. Er machte wilde Grimassen, jonglierte mit den Äpfeln und buk ihr auf dem kleinen Gaskocher der Hütte Apfelpfannekuchen mit Zucker. So, wie er es machte, darin lag, daß sie buk dachte, also in einem so schönen Wort und vergangen. Er lachte, und schrieb es in den Staub, der auf der Tischplatte lag, dreimal: Buk, Buk Buk. Dann saßen sie in der Sonne und er nahm ihre zuckerklebrige Hand und sagte, sie solle bloß vorsichtig sein, ihre helle Haut eincremen, sonst würde sie verbrennen. Sie sagte ihm, nur kurz, nur kurz würde sie hier neben ihm in der Sonne sitzen wollen, bis sie genügend Sommersprossen auf der Nase hätte, daß die Welt bei deren Anblick ihre Erwartungen an sie vergessen würde. Wenn es Abend wurde, brachte John sie nach Haus, küßte jede einzelne ihrer weltvergessenen Sommersprossen und verschwand in seiner Kellerwohnung. Sie ahnte nicht, daß er sich erschießen würde. Einmal hatte sie ihn gefragt, von wo er gekommen war. Er sagte nur: „Von weit her.“ Der Schuss fiel, als Alice gerade dabei war, Brot zu backen. Es roch nach Hefe und zwischen ihren Fingern klebte feuchter Teig. Sie buk Brot, buk, buk, buk, weil der Geruch nach Hefe und das Gefühl von feuchtem Teig zwischen den Fingern sie tröstete.

2

Alice blickte auf ihren Sohn, dessen Zunge zwischen den leicht geöffneten Lippen zu sehen war, er malte ein Bild. Die Ernsthaftigkeit seines Malens hatte schon die Spitzen der meisten Stifte eingedrückt. „Es ist ein Schiff, siehst Du Mama, ein kleines Schiff, und auf dem Schiff ist ein Mann, und unter dem Mann das tiefe Meer.“ „Ja, das sehe ich. Ist der Mann ganz alleine auf dem Schiff?“ Paolo dachte nach. „Ja, allein.“ Sie gingen zur S-Bahn Haltestelle, stiegen die Stufen zum Bahnsteig hinauf, seine Hand in der ihren. Manchmal, manchmal drückte sie sie, auch, um die Grenze zwischen ihr und ihm nicht zu vergessen. Sie setzten sich auf eine Bank. Ein Zug fuhr ein, hielt an, fuhr weiter. Dann noch einer. Paolos Beine baummelten ungeduldig neben ihren. „Wann kommt Papa denn?“ „Gleich.“ Der nächste Zug fuhr ein, bedeckt von neonfarbenen Zeichen. Die Tür öffnete sich, ihr Mann stieg aus, lachte und winkte ihnen zu. „Ciao Paolo! Ciao Bella!“

3

Alice stand barfuß in der Küche, die Hände voller Teig. Sie buk Brot. Sie strich sich die dünnen Haare aus dem Gesicht und lehnte ihre Stirn gegen den Kühlschrank.