„Einen Vogel mit einem profanen Namen wünschte ich mir.“

IMG_0011Heute Morgen saß ein Rotkehlchen auf meinem Balkon. Ich wünschte, es wäre ein anderer Vogel gewesen, ein nicht so märchenhafter, einer, dessen Name ohne Farbe wäre. Einen Vogel mit einem profanen Namen wünschte ich mir. Aber auf meinem Balkon saß ein Rotkehlchen. Mein Balkon ist von oben bis unten und ohne Ausnahme mit einem feinen, grünen Netz umgeben. Ein Netz, das die Tauben, die in meinem Innenhof wohnen, davon abhalten soll, auf ihm ihre Nester zu bauen. Vielleicht sollte ich besser über die Tauben schreiben, das würde viele freuen, sind dreckige Tauben doch irgendwie besser, moderner, als kleine, zerzauste Rotkehlchen. Die Maschen des Netzes, das die Tauben und die Welt abhalten soll, meinen Balkon zu bescheißen, sind echt klein. Eine Hummel passt hindurch, muß aber ein wenig die Luft anhalten dafür. Daher weiß ich nicht, wie es das Rotkehlchen geschafft hat, nach Innen zu gelangen, aber es war da und sah mich an. Es blickte mich an, weil ich wohl laut gesprochen hatte. Meine Nachbarn kannten das und ignorierten mich oder dachten vielleicht, ich würde Texte üben oder telefonieren in einer ferneren Sprache, doch eigentlich (aber psst, sie müssen es ja auch nicht wissen) rufe ich meine Bienen. Schon seit einigen Jahren, jeden Morgen, jeden Abend. Ich rufe sie zurück, sie sollen zurück, zurückkommen in den Kasten, in dem sie einst wohnten. Doch ich spreche ihre Sprache nicht. Das Rotkehlchen blickte mich also an, und ich weiß nicht, ob es seine Größe war, sein Name, oder einfach nur meine Angst, daß es sich, sollte es wieder nach Außen wollen, an den Maschen des Netzes die Kehle aufschlitzen könnte, ich weinte, ein wenig. Nur ein wenig, und nicht laut. Da sprang es auf meinen Fuß, der nackt und weiß und kalt war, sprang hinauf und pickte, ein, zwei, drei Mal mit seinem Schnabel. Es tat weh, es blutete sogar ein bißchen. Der kleine Spötter vor mir, der zurückgesprungen war nach seiner Tat, der kleine Spötter ignorierte meine Empörung und quetschte sich (ruckzuck) durch eine locker geknotete Masche zurück in die Welt. Übrigens singen Rotkehlchen, wenn sie in einen Sack gesteckt werden. Das erklärt eine Menge.