Wieder da

IchWir fahren nach Süden mit dem Zug. Das merke ich, weil die Kühe ihre Flecken verlieren nach und nach. Berge, die sich rings um unseren Zeltplatz in Nebel und Wolken gehüllt haben. Mehr noch nicht. Es regnet. Berge, um die ich weiß, die ich aber nicht sehe. Berge, die ich glauben muß. Vielleicht. Der Regen macht die Welt sehr klein. Zwei Fischreiher, die tief über uns fliegen. Ein Paar. Einer der beiden hat im rechten Flügel eine große Lücke. Federn fehlen. Ich würde ihn wiedererkennen.Kaffee, der den Rand meiner Plastiktasse beschlagen läßt. Die Nacht war kalt. Die Iller hinunter. Ich suche Eisvögel. Aber ich sehe nur bunte Schilder mit Bildern von ihnen. Und Bibern. Wobei ich einen Biberbau gesehen habe. Und umgenagte Bäume. Dank Walt Disney sehe ich den Biber dazu in meinen Kopf grinsen. Der erste dicke Käfer, der in meinen Mund fliegt. Es krabbelt, oder? Meine Hose und mein Fahrrad von Matsch bedeckt, ich bin erschöpft. Doch morgen geht es weiter. Fledermäuse und Schwalben über dem Zelt. Zuerst die einen, dann die anderen. Ich lache den Nachmittag, weil ich einen Haufen Kühe gesehen habe, mit Glocken. Einen Kuhhaufen also. Katzen in den Wiesen. Die wissen immer, was sie gerade tun. Ich dachte, der Kuckuck der ersten Tage hätte uns verloren. Aber an der Wiese an der Donau war er wieder da. Und Wildgänse, vor unserem Zelt. Frösche auch, na klar. Die legen alle gemeinsam los. Einer muß den Einsatz geben. Flussschwemmholz und Kiesel. Die Farben hell – so daß man mit seinem eigenen Rosa wie ein kleines Schweinchen anmutet. Viel zu jung für all das. Einige Käfer reisen auf meiner Jacke mit. Ich mache mir Sorgen, ob sie zurückfinden. Husten im Zelt, das nicht weniger wird. Es ist wirklich kalt – und der Regen fährt mit uns. Erleichterung, wenn der Gaskocher rauscht. Supermarktrotwein und Schokolade. Frösche, die heute über die frierenden Schweinchen spotten, während der Regen auf ihrer Haut feine Perlen bildet. Die Schwäne auf der Donau: Oben erhaben gleitend, unter Wasser wahrscheinlich wie blöde paddelnd. Die tun nur so. Wieder Wildgänse, Auge in Auge, als ich am Morgen den Reißverschluss des Zeltes öffne. Und kleine, matschig Krallenspuren auf den Fahrradgriffen. Irgendwelche Vögel. Wir geben ihnen erfundene Namen, dann kaufen wir doch ein Buch. Ich sage „Moin“ – der Mann auf der Straße antwortet: „Grüß Gott“. Ein Montag, als ob Sonntag wäre. Wo sind die Menschen? Ein leerer Hof, ein altes Tor, ein rostiger Trecker, Solarzellen auf dem Dach. Der Dorfbäcker dann: voll. Gläser mit Süßigkeiten, eine Tüte für 50 Pfennige, nein, nicht mehr jetzt, früher. Eistee, Fruchtdrink, Caprisonne, Bananenmilch in der Glasflasche. In der Schlange vor dem Tresen, Menschen, die sich kennen. Kirchengeläut – Uhrzeit nach Schlägen. Der Kuckuck, immer noch da. Regen prasselt aufs Zelt – so laut, daß ich nicht schlafen kann. Klitschnasse Schuhe, klitschnasse Kleidung. Irgendwann hilft keine Regenhose mehr. Frieren dann, wirklich frieren. Ein seltenes Gefühl. Rückwärtsfahren und Regen sind nicht gut fürs Gemüt. Sogar die Schwalben haben sich verzogen. An der Altmühl dann andere Radfahrer. Sie fahren runter – wir stetig rauf. Sie treiben wie bunte Bojen an uns vorbei. Durch Täler fahren Eisenbahnen, wenn es keine Tunnels gibt. Und wenn wir von oben gucken, Pause machen auf einer Bank, mit dem hartgekochten Ei, das sein muß, dann liegt Landschaft um uns rum, wie auf eine Sperrholzplatte geklebt. Futtern könnte ich. Zelt aufbauen. Essen. Schlafen. Zelt abbauen. Losfahren. Wenn die Hände und die Beine immer zu tun haben, denke ich anders. Milder vielleicht. Wir sind Beide manchmal ganz schön fern von dem drumherum hier. Sonne am Morgen. Endlich einmal. Instantkaffeegeschmack auf meiner Zunge: Das einzige, was bei Regen besser zu ertragen ist. Ich habe einen Kolkraben gesehen. Groß, alt – irgendwie. Das Taubertal voller Hügel – ich jauchze beim runterfahren. Mir doch egal. Es wird wieder kalt – und naß. Der Main bringt uns an die Mittelgebirge. Schwarze Schotterwege rauf, nur, um rüberzukommen. Es knirscht, ich muß schieben. Grenzen erreichen. Wenn es doch bitte nicht so kalt wäre. Als wir drüber sind, plötzlich so laut. Städte und Autos und – weg. Das geht gerade nicht. Lieber weiter, die Fulda lang. Die Weser lang. Irgendwo lang. Campingplätze, Zeitreisen, absurde Orte. Einige unheimlich, einige todtraurig, andere – verloren. Wir neben dem Atomkraftwerk, im Regen, unter einer Birke, dann hinter mir, zwei Meter vielleicht, ein Fuchs. Was mich am meisten erschreckt: Er blickt mich an. Es wird flacher, und vertrauter. Das ist schon Marschland. Waldohreule mit Jungen über unserem Zelt. Ästlinge. Schiffsmotoren, die Nachts am Zelt vorbeilaufen. Sie tuckern. Vielleicht will ich doch einen Trecker haben. Und dann: Deich. Schafe. Die gibt es ja immer nur in Mehrzahl. Meer. Und es geht doch noch kälter. Kälte zerrt. An allem. Auf dem Deich sitzen. Auf dem Deich sitzen ist einfach gut. Gegenwind lehrt Bescheidenheit. Fischbrötchen und Pommes mit Mayo. Als Belohnung. Von der Nordsee an die Ostsee wechseln. Früher, früher, erzählen die Camper, hätten sie ja auch… In meinen Kindheitsurlaubserinnerungen ist die Ostseeküste flach. Das ist falsch, sowas von falsch. Nebel über den Wiesen neben dem Platz. Tanzend. Als ob alles um mich rum noch auf den letzten Metern seine Klischees ausfüllen will. Mein Atem macht auch Nebel. So langsam wird die Kälte lächerlich. Vier Wochen ohne Mauern. Und dann das Reh. Kilometer 2208. Jetzt mal ernsthaft. Wildunfall mit Fahrrad. Und auch das Reh hat mich für eine Sekunde angeblickt. Dann umgeworfen. Blaulicht, Krankenwagen, besorgte Stimmen und geschlossenen Räume und der Geruch nach Desinfektionsmittel. Ich habe Angst. So richtig. Und Kopfschmerzen. Grün und blau und eine Narbe wird als Erinnerung auf dem Kopf bleiben. Mit Blut auf der Kleidung dann in den Zug nach Haus. Meinen Esel mußte ich zurücklassen. Ruckzuck. Augen zu. Zu schnell. Landschaft rennt vorbei, und rollt nicht mehr unter meinen Rädern, rollt nicht mehr an mir vorbei, rollt nicht mehr durch mich hindurch, rollt nicht mehr, nein: Rollt noch nicht wieder.