Deine, seine, meine Oma – Aufforderung zum Kryptomnesieren

FremdeErinnerungenSequenz12klein

Notizen zur Rede vom 12.07.2015 (Ausstellungseröffnung André Kunz: Fremde Erinnerungen)

Kurz vorweg: Wen hat er gefragt?

Chronistin der Entstehung (Partnerin, deren Schreibtisch überschwemmt wurde)

Geisteswissenschaftlerin (Klebefallenaufstellerin für Kritiker)

Schriftstellerin (Künstlerisches Ereignis, das im besten Fall für den Zuhörer zum Erlebnis wird)

Egal, ich spreche jetzt.

Der Titel der Ausstellung: Fremde Erinnerungen.

Etwas einen Namen geben, Damit aus einer Kreatur ein Etwas wird. (Zu beobachten in fast jeder Star-Trek Episode, Data hat einen Namen.)

Fremde Erinnerungen

Ein kleiner Bogen

Es gibt ein Experiment.

Lost in the mall

Experiment erklären: Probanden, viele, bekommen Briefe und Videoaufnahmen, in denen ihnen Erlebnisse aus ihrer Kindheit erzählt werden.

Eine solche Erzählung unter vielen anderen Erzählungen ist:

Wie Du damals im Einkaufzentrum verloren gegangen bist.

Wie alle Angst hatten, Du sicherlich auch.

Wie der Wachmann Dich auf den Arm genommen und getröstet hat.

Er hatte einen Bart, oder?

Und eine blaue Uniform, oder?

Und hat nach Keksen gerochen, oder?

Viele der Probanden erzählten die Geschichte dann später selbst. Einige mit tränenfeuchten Augen, glaube ich.

Ein wichtiges, ein prägendes Erlebnis.

Damals.

Im Einkaufzentrum.

Als sie verloren gegangen waren.

Ihr ahnt es sicherlich schon:

Die Geschichte – nur eine Geschichte. Ein Trick.

Ich dagegen bin wirklich einmal verloren gegangen:

(Impro, mit Tempo): Weihnachtsmarkt mit meinen Eltern. Ich hatte etwas in der Hand. Mutzenmandeln, oder? Dann war ich alleine. Habe geweint. Die Mandeln, die gebrannten, oder, sind heruntergefallen. Der Geruch, so deutlich noch. Ein Weihnachtsmann, hochgehoben hat er mich, auf seine Schulter gesetzt. Aber das war ja ein Christophorus, auf dem Bild in der Kirche?

Oder, nein, doch – ich bin durcheinander gekommen.

Es war doch die Kirmes. Genau. Sommer. meine ich. Der Geruch: Ein Zuckerapfel, ein Liebesapfel, so sagt man doch, diese roten, die außen so hart sind, die man kauft, weil man sie haben will, so schön, nur schmecken tun sie nicht, nicht wirklich, mein Mund zu klein, um abzubeißen. Ich gehe verloren. Verliere die Hand meiner Eltern? Nein, die Hand fast im Mantelärmel verschwunden, meine Oma war es, nein, das mit dem Mantel ist die Oma auf dem Bild dort, oder?

Seine Oma, meine Oma, jene da oder dort oder – stopp.

Ich hab den Faden verloren.

Nochmal von vorne.

Vielleicht war es doch auf dem Schützenfest, Herbst. Maronen, der Geruch.

Meine Oma hatte Angst vor Feuerwerk, weil sie im Krieg laufen mußte, über die Felder, weil die Bomben –

Nein, jetzt würden meine Eltern protestieren, trotz des Publikums, also wenn sie da wären, die Zeugen, soviel Wahrheit muß sein, meine Oma kann im Krieg nicht über Felder gerannt sein, sie war doch in den Bergen, im Sauerland, keine Bomben, oder?

Aber wo war meine Oma, sagen wir mal, am 2. Juni 1933?

Wo war Eure Oma am 2. Juni 1933?

Die Oma von Bruno Tesch saß auf ihrem gestreiften Sofa, das sie Nachts umklappen konnte zu einem Bett, mit der Häkelnadel in der Hand, nein, das war meine Oma, und das gestreifte Sofa hängt hier irgendwo, und Bruno Tesch, der steht da hinten vor dem Richter und…

Meine Oma, seine Oma, die Oma von Bruno Tesch saß auf einem Sofa.

Das Vergehen, dessen ich mich hier schuldig gemacht habe, nennt man

KRYPTOMNESIE

Ich bin mir sicher, es ist Meines, die Erinnerung, die Idee, der Einfall, die Melodie, weil ich vergessen habe, das ich mich erinnert habe.

Etwas Gehörtes, Gesehenes, Erzähltes….

Ich weiß um Etwas, das Meines ist, weil ich mich nicht erinnern kann, daß ich es geklaut habe.

KRYPTOMNESIE.

(psst, geheim)

Achtung, das ist eine Klebefalle für Kritiker, das Wort hat vier Silben und kann mit einem Bindestrich gelesen werden.

(Impro, mit Tempo): So eine Klebefalle, die von der Küchendecke spiralförmig herabhängt und an der die Fliegen kleben bleiben, damals, Du weißt es doch noch, als die Sonne durch die Fensterläden hindurch Schatten auf den Boden… Und die leise Musik… Nein, Fensterläden hatte ich noch nie. Aber egal. Dort, hier, da drüben, da, wo die Klebefallen hingen, in der Küche. Weißt Du noch?

KRYPTOMNESIE.

Ich mag den Klang. Es ist ein seltener.

Zurück zur Großmutter. Die Oma von Bruno Tesch saß am 2.Juni 1933 auf einem gestreiften Sofa – und wußte nicht, daß ich sie hier und heute erinnern würde müssen.

Sie saß auf dem Sofa, während in Altona in einem Gerichtssaal ein Urteil gesprochen und Recht gebrochen wurde.

Ich, er , Ihr werdet sie erinnern. Seine, meine, Eure Oma auf dem Sofa, in dem Mantel, an der Wand.

Meine eigenen Erinnerungen flimmern beim Anblick von Andrés Bildern.

Die Verbindungen zwischen den Bildern lockern sich, lockern sich auf.

Waren es nicht am Anfang, damals, Turnübungen, ich kann mich schwach erinnern, nein, woher denn auch, Turnübungen, die in Bewegung gerieten, wenn jemand obscures an der camera drehte?

Sequenzen, genau.

Also: Und ein Also weist immer auf das Ende hin…

Lockert Euch auf, bevor ihr durch die Ausstellung geht.

Denn mein Vorschlag ist es, die Fremden Erinnerungen, Andrés Bilder, als Aufforderung zu betrachten.

Als Aufforderung zum Kryptomnesieren.

Meine Oma, deine Oma, irgendeine Oma. Erzählst Du es mir, klaue ich es und vergesse sofort, woher ich es habe.

Guck Dir die Bilder an. Klau sie Dir – und vergesse sofort, woher Du sie hast.

Eigne Dir seine, meine, ihre, egal welche Erinnerung an.

Du wirst gar nicht drum herum kommen.

Was anderes hat er da schließlich auch nicht gemacht.

Danke.