Teppiche (Hinaus)

Ich habe einen Teppich geerbt. Von einer Tante, die ich nicht kannte. Sie lebte allein in einem großen Haus und schrieb Groschenromane unter vielen verschiedenen Namen. Romane, in denen Piraten junge Ladys verführten, Ärzte Leben retteten und Krankenschwestern heirateten am Ende, Romane von Westernhelden und Weltraumfahrern.

Meine Mutter, die mit ihrer Schwester ab und zu telefonierte, hat uns das erzählt. Warum wir sie nie besuchten, weiß ich nicht genau. An einem schönen Sommertag sagte meine Mutter, daß ihre Schwester so dünne Haut und Knochen hätte, daß schon der kleinste Windstoß oder ein zu laut gesagtes Wort sie verletzen würde. Wir waren uns nicht sicher, ob wir das glauben durften.

Mutter starb noch vor ihrer Schwester, und ich vergaß über die Jahre die Tante, zog fort aus der kleinen Stadt, in eine größere Stadt – als eines Tages ein Brief vor meiner Tür lag, darunter ein großes Paket.

Im Brief, der keinen Absender trug, die Todesanzeige meiner Tante. Im Paket, das ich vorsichtig mit meinem Schweizer Taschenmesser aufschnitt, ein zusammengerollter Teppich.

Mein Telefon klingelte

Ich habe ein Paket bekommen. Du auch? Die Stimme meiner Schwester.

Ja. Von der Tante. Ein Teppich. Ich wollte ihn gerade ausrollen. Was hast Du bekommen?

Einen Teppich. Ich wollte ihn gerade ausrollen.

Ich rufe gleich zurück.

Gut.

Ich legte das Telefon zur Seite und stellte mit vor, wie meine Schwester gerade in ihrer Wohnung, die nicht weit von meiner entfernt war, vor dem Paket stand. Sicherlich hatte sie kein Taschenmesser benutzt, entweder den Karton zerrissen oder das butterverschmierte Brotmesser von ihrem Frühstückstisch genommen.

Ich rollte den Teppich aus.

Mein Telefon klingelte wieder. Es war dunkel geworden.

Wie spät ist es?

Spät. Hast Du – hast Du auch gesehen, was

Ja, ich glaube, ich

Ich komme zu Dir. Mit dem Ding.

Ja.

Wenig später hörte ich, wie im Treppenhaus das Licht anging, ein feines Klirren der Drähte, ich hörte ihren Atem, der Teppich mußte schwer auf ihrer Schulter liegen. Ich sollte, sollte und mußte die Tür öffnen. Meine Beine waren eingeschlafen, da ich vor dem Teppich auf die Knie gesunken war – und diese Position seit Stunden nicht verändert hatte. Aber ich mußte, mußte, sollte ihr öffnen.

Sie stand vor der Tür, den zusammengerollten Teppich quer über ihre Schultern gelegt, Schweiß im Gesicht.

Komm.

Zwei Teppiche nun in meinem Wohnzimmer.

Was sollen wir tun? Die Stimme meiner Schwester, fein und klar.

Ich bewunderte sie dafür, schon wieder sprechen zu können, handeln zu können. Ich wollte nichts anderes, als wieder in die Knie sinken.

Zu zweit sind sie noch viel schöner, oder?

Ich nickte.

Man sah, daß sie zusammengehörten, wie sich die Farben wiederholten.

Und dann war da noch das Muster.

Hast Du verstanden, was da zu

Hast du gesehen, was da drin

Erkennst Du, wie das Muster

Weißt Du?

Mir fiel nicht das richtige Wort ein, und ich hatte Angst, daß sie es vielleicht noch gar nicht

Ja.

Wir griffen gemeinsam hinter uns und zogen meinem alten Sofa die Decke, die sich schützend über seinen Rücken und die Lehnen streckte, ab.

Die Decke legten wir dann über die Teppiche.

Ich blickte auf die nun freigelegte, fleckige und seltsam verletzliche helle Sofahaut.

Ich öffnete das große Fenster, es war November und kalt.

(Meine Schwester zündete sich eine Zigarette an.)

Ich ging die wenigen Schritte zu meinem Bücherregal und zog die Flasche Wodka heraus, die ihren Platz hinter Dostojewski hatte.

Ich trank einen großen Schluck, wischte mir die Tränen aus den Augenwinkeln und reichte die Flasche weiter.

Und ich hatte ein Problem, und überlegte vorsichtig, wie ich es ihr Nahe bringen konnte, ohne daß sie ausflippen würde.

Ich, ich bin mir sicher, daß wir eigentlich

Also müßten wir nicht, mit dem Allen jetzt

Meinst Du nicht, daß

Ein wenig verrückt?

Meine Schwester blickte mich böse an. Sie mochte so etwas nicht, also das Wort.

In den Büchern und Filmen und so, ist das jetzt nicht der Moment

Also werden die nicht irgendwie

Muß man nicht ein wenig

Ich meine, wenn man das sieht?

Meine Schwester lachte nur sachte, und guckte weiterhin böse dabei.

Dann stieß sie den letzten Rauch aus ihrer Nase, drückte die Zigarette aus und faltete ihre Hände über ihrem Bauch.

Ich bin nicht verrückt. Gar nicht nicht. Genausowenig wie Du.

Ja?

Und ob.

Ich blickte aus dem Fenster.

Ich wollte darüber sprechen.

Es ist schön, oder?

Sie sagte lange Nichts. Dann:

Wahnsinnig schön.

Und ich lachte, und wir lachten, und wir tranken den Wodka und lachend schliefen wir auf den Teppichen ein, die immer noch unter dem Überwurf lagen.

Und dann, dann muß es wohl am nächsten Morgen ungefähr so weiter gegangen sein:

Willst Du die Teppiche behalten und in ein Haus ziehen und Groschenromane schreiben wie die Tante?

Wir saßen, eine Tasse starken Kaffee in der Hand, auf meinem immer noch nacktem Sofa.

Nein. Die guten Zeiten für Groschenromane sind vorbei.

Oder willst Du die Teppiche behalten und in ein Haus ziehen und mit ganz kleinen, scharfen Strichen die Formeln auf hauchdünnes Papier schreiben?

Nein. Die guten Zeiten für solche Formeln sind vorbei.

Was machen wir dann mit ihnen?

Wir stellten die Tassen zur Seite und ich suchte einen Stift und einen Zettel. Es mußte aber ein irgendwo herausgerissener Zettel sein, oder die leere Rückseite von Irgendetwas, oder ein gebrauchter Briefumschlag, sonst würde es keine gute Liste werden. Wir machten beide Listen, für alles. Ein Erbe unserer Mutter.

Ich schrieb also auf:

aufribbeln

vergraben

verbrennen

bleichen

zerschneiden und die Toilette runter spülen

aufessen

verschenken

verlieren

Schwarz färben

in Stücke reißen und eine Matratze damit füllen

den Vögeln zum Nestbau überlassen

Doch Keine von uns Beiden würde die Teppiche zerstören können. Man riß keine Seiten aus Büchern, man schnitt keine Fäden aus Teppichen. Eine unumstößliche Regel. Eine von denen, die ziemlich weit oben stand. Direkt unter: Eine Dame raucht nicht im Gehen. Oder: Im Kino nicht klatschen am Ende des Filmes.

Das ließ nur zwei Möglichkeiten offen, wenn wir sie ernsthaft loswerden wollten. Verlieren oder verschenken.

Verlieren ist schwer – und wer weiß, wer sie findet.

Nachher sind wir schuld, daß doch noch jemand verrückt wird.

Sich in den Mustern windet.

Ich nickte. Das wollte ich nicht.

Und wem sollten wir sie schenken?

Wir blickten, etwas verkatert vielleicht, auf die unter dem Überwurf eben noch so zu erahnenden Linien.

Dem heilige Johann.

Was?

Dem Herr Johann – dem schenken wir sie.

Johann, genannt der Heilige Johann, war der Pförtner des mathematischen Institutes, an dem wir arbeiteten. Ein 70iger Jahre Flachdachbau, in dem Herr Johann Tag für Tag saß und alle grüßte, die hinein oder hinausgingen. An den Wänden seiner kleinen Pförtnerloge hingen Heiligenbilder und goldgerahmte, gestickte Sprüche, die die Festigkeit seiner gottesfürchtigen Welt untermauerten. Er hatte strenge Regeln für nasse Füße, Fahrräder und die Lautstärke von Erstsemestern – und er lächelte stets so, als hielte er all das, was die Menschen in seinem Institut tagaus tagein trieben, für ein großes, albernes Spiel.

Uns mochte er.

Das doppelte Lottchen. Das sagte er.

Oder: Flotte Lotten – mit so vielen Zahlen unter den blonden Schöpfchen.

Er war halt so. So, daß er so etwas sagen durfte.

Glaubst Du, er kommt damit klar? Mit all dem?

Meine Schwester nickte. Ich nickte auch.

Vielleicht waren wir doch noch etwas betrunken, vielleicht aber auch nur erleichtert.

Wir trugen die dicke Rollen auf den Schultern.

Wir gingen durch die sonntäglich leere Stadt.

Wir sangen.

(Erst leise summend, dann mutiger, lauter.)

Wir sangen Kinderliedern, Weihnachtsliedern, Schlagern und sogar längst vergessen geglaubte Kirchenliedern.

Wir hatten lange nicht mehr so gesungen.

Inbrünstig. Den Pfarrer hätt’s gefreut.

Mit einem etwas schrägen aber nicht wenig inbrünstigen „Macht hoch die Tür“ erreichten wir, durchgefroren aber grinsend, das Institut.

Es war ja Sonntag.

Auch Sonntags saß Herr Johann auf seinem Platz.

In seinem Sonntagskittel.

Meine Schwester traute sich als Erste.

Also zu klopfen.

Herr Johann blickte auf.

(Wovon bloß, wovon?)

Herr Johann stand auf.

Herr Johann drückte die Tür auf.

Die Augenbrauen, und seine Augenbrauen waren wie gemacht dafür, brummig zusammengezogen.

Meine Schwester hatte, wohl vom Singen oder wegen der Augenbrauen, einen Schluckauf, so daß ich das Reden übernahm.

Sehr geehrter Herr Johann.

Auch ich bekam Schluckauf. So ist das bei uns.

Er runzelte nun auch noch die Stirn. Nicht gut, aber es nützte ja nichts. Weiter. Nur Mut. Nur Mut.

Wir haben auf unserer Schultern zwei Teppiche, die wir gestern von unserer Tante – Gott habe sie selig und so– geerbt haben.

Ich hickste schon wieder. Meine Schwester neben mir kicherte. Dann guckte sie schnell betreten. Wegen der Tante und so.

Herr Johann zog weiterhin seine Augenbrauen zusammen.

Der Teppich auf meiner Schulter wurde zu schwer – ich ließ ihn, sachte, wie ich dachte, auf den Fliesenboden der Eingangshalle plumpsen, wo er sich, vielleicht durch den Schwung, vielleicht durch meine Ungeschicklichkeit, augenblicklich entrollte und sein Muster zeigte.

Der Teppich kannte da wohl nichts.

Wir hielten den Atmen an.

Johann, dessen Stirn sich nur langsam entspannte, blickte auf den Teppich, dann auf mich und meine Schwester, die ihr Bündel ebenfalls hatte fallen lassen. Dann blickte er wieder auf den Teppich.

Ich wollte erneut ansetzen, erklären, werben, ihm Honig um seinen Mund schmieren, aber er schüttelte den Kopf.

Er legte einen Finger an die Lippen.

Er rollte meinen Teppich zusammen.

Er schob ihn neben den noch aufgerollten meiner Schwester.

Er legte erst ihr, dann mir seine breite Hand auf die Schulter.

Er deutete ein Lächeln an, nickte.

Er hievte die schweren Rollen auf seine Schulter.

Und dann verschwand er durch die kleine Tür, die in seine Loge führte, öffnete dort einen großen Stahlschrank und stellte die Teppiche hinein.

Im schwachen Novemberlicht meinte ich auf seinen Borden, vielleicht, vielleicht aber waren es auch nur Reflexe der Rahmen und Bilder, vielleicht, im schwachen Neonlicht also meinte ich – vielleicht aber nur, vielleicht, einige Dinge in den Regalen leuchten und goldig schimmern zu sehen.

Bevor ich genauer hinsehen konnte oder wollte, schloß er die Tür, kam auf uns zu, nickte nocheinmal, nickte, nickte und nickte, hielt uns mit der einen Hand die Tür auf, höflich, und winkte uns mit der anderen Hand sanft, vielleicht aber auch mit einer sacht scheuchenden Bewegung, in den kalten Novembertag hinaus.